Teilchen jagen am Südpol

Masterstudentin Raffaela Busse

Teilchen jagen am Südpol

Die Astroteilchenphysikerin Raffaela Busse aus Münster hat sich für einen ungewöhnlichen Job beworben. Ab Oktober wird sie am kältesten und einsamsten Ort der Welt arbeiten.

Rund 50 Bewerber hat die Masterstudentin Raffaela Busse aus dem Rennen geschlagen, bis sie den Zuschlag für den ungewöhnlichen Job bekam. Ein Jahr lang wird sie auf der Amundsen-Scott-Südpolstation - eine US-amerikanische Forschungsstation in der Antarktis - arbeiten.

Job beim IceCube-Experiment

Die Amundsen-Scott-Südpolstation

Einsamster Arbeitsplatz der Welt: Südpolstation

An der Station wird das IceCube-Experiment durchgeführt. Der IceCube ist ein riesiger Teilchendetektor und eine Art Falle für winzige Teilchen aus dem All. Mit Hilfe des Detektors will man herausfinden, wie kosmische Strahlung entsteht. Auch ein Grund für die junge Forscherin, unbedingt dort arbeiten zu wollen. Die 27-Jährige, die kurz vor ihrer Doktorarbeit steht, wird für die IT des IceCube-Experiments in der Station zuständig sein. Sie soll dafür sorgen, dass die Computer des Experimentes arbeiten und fehlerhafte Module ausgetauscht werden.

WDR.de: Der neue Arbeitsplatz liegt am abgelegensten und kältesten Ort der Welt. In der Wintersaison ist es 24 Stunden am Tag stockdunkel, es kann bis minus 70 Grad kalt werden. Gibt es vorher Schulungen, wie man mit Dunkelheit, Kälte und Lagerkoller klarkommt?

Raffaela Busse: Nein, wir werden jetzt nicht alle in einen Eisschrank gesperrt, und wer am längsten durchhält, hat gewonnen. Alle Stationsbewohner haben ja einen psychologischen Test hinter sich. Ich habe also keine Angst, dass dort unten der Lagerkoller ausbricht, auch nicht in der langen antarktischen Nacht. Und was die Kälte angeht: Man zieht sich halt warm an.

WDR.de: Wie bereiten Sie sich persönlich auf das Jahr vor?

IceCube Observatorium am Südpol

Das IceCube-Observatorium am Südpol: Hier sind Forcher kosmischer Strahlung auf der Spur

Busse: Ich habe mir viel Wolle eingepackt, die ich am Pol nach und nach zu bescheuerten Pullis verstricken werde. Und andere Dinge, um weiter meinen Hobbys nachzugehen - damit es sich ein bisschen wie zu Hause anfühlt. Natürlich sind auch Fotos von meiner Familie und meinen Freunden im Gepäck. Ich habe aber eigentlich keine große Angst vor Heimweh. Es werden viele tolle Leute um mich herum sein, und bevor man es merkt, ist das Jahr auch schon wieder vorbei.

WDR.de: Können Sie mal kurz beschreiben, wie es in so einer Station am Pol aussieht?  

Busse: Es gibt Labore, Schlaf- und Gemeinschaftsräume, die Kantine, ein Gewächshaus, eine Sporthalle, etc. Stellen Sie sich eine Raumstation vor, nur komfortabler.

WDR.de: Und wie sieht es drum herum aus? Wie weit ist es zum Beispiel bis zum nächsten Ort?

Busse: Ganz einfach: Es gibt keinen nächsten "Ort". Die nächstgelegene Forschungsstation, die über den Winter besetzt ist, ist so weit entfernt, dass man sie zu Fuß oder mit dem Schneemobil garantiert nicht erreichen kann. Wie schon gesagt: Es ist halt der abgelegenste Ort der Welt.

WDR.de: Je nach Saison leben auf der Station 40 bis 150 Menschen. Kennen Sie schon welche davon?

Busse: Meinen WinterOver-Kollegen Johannes, mit dem ich das Training absolviere. Außerdem unseren Chef, der uns über den antarktischen Sommer dort einarbeiten wird. Ein paar andere Stationsbewohner werde ich im Oktober kennenlernen.

WDR.de: Darf man die Station eigentlich auch mal auf eigene Faust, zum Beispiel für einen Spaziergang, verlassen oder ist das zu gefährlich?

Busse: Ja, das geht. Aber es gibt natürlich auch so etwas wie schlechtes Wetter am Südpol, wenn es zum Beispiel extrem windig ist. Dann will man nicht raus.

WDR.de: Und wenn man mal richtig krank wird?

Die Amundsen-Scott-Südpolstation

Bis zu 150 Menschen arbeiten in der Station

Busse: Es gibt Ärzte auf der Station, aber die sind nicht für komplizierte Eingriffe oder Verfahren ausgestattet. Wenn es wirklich zu so einem Notfall kommt, muss die Person ausgeflogen werden - was im Winter in der Regel nicht möglich ist. Da muss man schon sehr viel Glück mit dem Wetter haben. Daher die umfangreichen medizinischen Untersuchungen im Vorfeld.

WDR.de: Worauf freuen Sie sich am meisten?

Busse: Ich bin unfassbar neugierig auf alles, was dort auf mich zukommt - die extremen Temperaturen, die anderen Stationsbewohner, aber besonders auf den etwas unüblichen Tag- und Nachtrhythmus. Und natürlich bin ich auch stolz darauf, einen so wichtigen Beitrag zum IceCube-Experiment beitragen zu können.

WDR.de: Ihre Mitmenschen haben wahrscheinlich höchst unterschiedlich auf ihr Vorhaben reagiert: Was war bis jetzt der beste Ratschlag?

Busse: Lass dich nicht vom Yeti fressen.

WDR.de: Ende Oktober geht's los. Wie hoch ist der Aufgeregtheitspegel jetzt?

Busse: Natürlich bin ich jetzt schon aufgeregt, aber so richtig realisieren werde ich es wohl erst, wenn mich das Flugzeug am Pol absetzt.

Die Fragen stellte Katja Goebel

Stand: 04.09.2017, 06:00