AKW: Was bedeuten "meldepflichtige Ereignisse" und "INES-Skala"?

Atomkraftgegner demonstrieren vor dem Atomkraftwerk Krümmel bei Geesthacht (2007)

AKW: Was bedeuten "meldepflichtige Ereignisse" und "INES-Skala"?

Kernkraftwerkbetreiber müssen alle Störfälle - auch unspektakuläre - den Behörden melden. Wie gravierend ein Ereignis ist, bewerten Fachleute nach der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse INES. Hier die Details.

Immer wieder liest man, wie viele "meldepflichtige Ereignisse" in einem Kernkraftwerk aufgetreten sind. Doch was bedeutet diese Zahl? Eine hohe Anzahl an Ereignissen heißt nicht zwangsläufig, dass das Kernkraftwerk in einem schlechten Zustand ist. Die Vorfälle könnten alle keinerlei sicherheitstechnische Bedeutung haben, denn bereits Bagatellen müssen den Behörden gemeldet werden. Je nachdem, wie gravierend der Zwischenfall ist, hat der Sicherheitsbeauftragte des Unternehmens unterschiedliche Meldefristen: zwischen sofort und fünf Tagen.

Informationspflicht ist gesetzlich geregelt

Hinter einer grünen Wiese ragt ein Kernkraftwerk auf.

Störfälle sind meldepflichtig

Alle Unfälle, Störfälle und besonderen Ereignisse werden vom Betreiber zunächst an die jeweils zuständige Landesaufsichtsbehörde gemeldet. Gesetzlich geregelt ist das durch die "Atomrechtliche Sicherheitsbeauftragten- und Meldeverordnung" (AtSMV). Die Störfallmeldestelle des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) erfasst im Auftrag des Bundesumweltministeriums alle meldepflichtigen Ereignisse.

Die INES-Skala

Radioaktivitäts-Warnschild vor Reaktorruine

Das Unglück von Tschernobyl war Ines-Stufe 7

1990 beauftragen die Internationale Atomenergie-Organisation der Vereinten Nationen und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit eine Expertengruppe, eine Bewertungsskala zu entwickeln. Diese soll Umweltkontamination, Reaktorschäden und Ausfälle der Sicherungssysteme kategorisieren, um Störfälle und Unfälle in Atomanlagen international vergleichbar bewerten zu können. Dabei herausgekommen ist die INES-Skala in acht Stufen. INES steht für International Nuclear Event Scale. Ereignisse ab Stufe 2 werden veröffentlicht.

Stufe 7 "Katastrophaler Unfall"
Schwerste Freisetzung mit Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld.
Stufe 6 "Schwerer Unfall"
Erhebliche Freisetzung mit vollem Einsatz der Katastrophenschutzmaßnahmen.
Stufe 5 "Ernster Unfall"
Begrenzte Freisetzung mit Einsatz einzelner Katastrophenschutzmaßnahmen, schwere Schäden am Reaktorkern und/oder an den radiologischen Barrieren.
Stufe 4 "Unfall"
Geringe Freisetzung mit Strahlenexposition der Bevölkerung etwa in der Höhe der natürlichen Strahlenexposition, begrenzte Schäden am Reaktorkern und/oder an den radiologischen Barrieren, Strahlenexposition beim Personal mit Todesfolge.
Stufe 3 "Ernster Störfall"
Sehr geringe Freisetzung mit Strahlenexposition der Bevölkerung in Höhe eines Bruchteils der natürlichen Strahlenexposition, schwere Kontaminationen, akute Gesundheitsschäden beim Personal, weitgehender Ausfall der gestaffelten Sicherheitsvorkehrungen.
Stufe 2 "Störfall"
Erhebliche Kontamination mit unzulässig hoher Strahlenexposition beim Personal, begrenzter Ausfall der gestaffelten Sicherheitsvorkehrungen.
Stufe 1 "Störung"
Abweichung von den zulässigen Bereichen für den sicheren Betrieb der Anlage.
Stufe 0
Keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung.

Beispiele für Störfälle in Deutschland

Der schwerste Unfall, der sich je in einem deutschen Atomreaktor ereignete, wurde mit der INES-Stufe 4 bewertet: Am 7. Dezember 1975 brach in Block 1 des AKWs Greifswald (ehemalige DDR) ein Kabelbrand aus. Der Reaktor konnte nicht mehr richtig gekühlt werden. Da der Brand schnell unter Kontrolle gebracht wurde, konnte ein schlimmerer Unfall verhindert werden. Im August 2001 kam im Block2 des AKW Philippsburg gleich zu zwei Störungen in INES-Meldestufe 2: Beim Anfahren des Reaktors nach der Jahresrevision war in allen vier Flutbehältern der Füllstand unterschritten – um bis zu 3,30 Meter. Das war die erste Störung. Beim Auffüllen der Flutbehälter wenige Tage später wurde dann die nötige Borkonzentration unterschritten, was zu Störung Nummer zwei führte. Das Element Bor ist wichtig, um den Reaktor im Notfall abzubremsen. Seit Einführung der INES-Skala wurden in der BRD bisher drei Ereignisse der Stufe 2 registriert - höhere Stufen gab es nicht.

Stand: 02.05.2016, 10:21