Hochhausbrand in London: Warum die Opfer so schwer zu identifizieren sind

Großbrand in Londoner Hochhaus

Hochhausbrand in London: Warum die Opfer so schwer zu identifizieren sind

Von Michael Stang

  • Beim Londoner Hochhausbrand am 14. Juni starben mindestens 87 Menschen
  • Noch immer suchen Polizei und Rechtsmediziner nach sterblichen Überresten
  • Aus 23 Wohnungen ist kein einziger Überlebender bekannt
  • Trotz intensiver Suche konnten bisher nur 21 Opfer identifiziert werden

Rund 15,5 Tonnen Schutt haben Polizeibeamte durchgesiebt, um nach Überresten der Todesopfer zu suchen – pro Stockwerk, per Hand. Aus 23 der insgesamt 129 Wohnungen ist kein einziger Überlebender bekannt. Doch die Ermittler fürchten: Einige der Opfer sind so stark verbrannt, dass ihre Überreste nie gefunden werden – bisher konnten Rechtsmediziner und Anthropologen lediglich 21 Leichen sicher identifizieren.

Allein die Zuordnung der Überreste ist schwer

Häufig sind die Leichen nach einem Brand so schwer beschädigt oder unkenntlich, dass eine direkte Identifizierung, etwa durch Hinterbliebene, nicht möglich ist. Auch andere Hinweise gibt es selten: Bei großen Feuern ist meist auch die Kleidung verbrannt – und mit ihr persönliche Gegenstände wie Brillen, Portmonees, Smartphones oder Schmuck.

Also gilt es, die menschlichen Überreste zu suchen und den vermissten Personen – sofern möglich – zuzuordnen. Das Problem: Es ist unwahrscheinlich, dass sich alle vermissten Personen in ihrer Wohnung aufgehalten haben. Viele haben vermutlich versucht, durchs Haus zu fliehen – oder sind aus dem brennenden Gebäude gesprungen. Wo also suchen?

Werden in einer Wohnung etwa drei Schlüssel- oder drei Schienbeine gefunden, ist erst einmal nur sicher: Es handelt sich um die sterblichen Reste von mindestens zwei Personen – es könnten aber auch drei gewesen sein. Daher wird offiziell nur eine Mindestopferzahl angegeben.

Selbst DNA-Analysen sind kaum möglich

Die sterbliche Überreste sind schwer zuzuordnen, da das Feuer die Knochen zerstört – oder mindestens in Größe und Form verändert. Somit sind molekularbiologische Analysen (DNA-Untersuchungen) meist kaum noch durchführbar. Daher sind auch Vergleichsproben über Haaranalysen, wie sie etwa nach Flutkatastrophen oder Flugzeugabstürzen gemacht werden, keine Option.

Noch immer suchen die Ermittler nach Überresten

Noch immer suchen die Ermittler nach Überresten

Trotzdem gibt es Hinweise – etwa über die Größe der vorliegenden Knochen: Ist es ein Kind oder ein Erwachsener? Aussagekräftig sind Zähne. Ist ein vollständiges Gebiss vorhanden, lässt sich das Alter grob bestimmen: Milchzähne helfen ebenso dabei wie Weisheitszähne, Kronen, Zahnspangen – oder auch das Fehlen von Zähnen (Greisenkiefer). Zahnarzt-Unterlagen der Vermissten erleichtern eine Identifizierung.

Körperteile ohne Aussagekraft

Für eine eindeutige Identifizierung aber müssten die Experten beweisen können: Diese Knochen stammen eindeutig von der gesuchten Person – hilfreich sind hier Implantate wie ein künstliches Hüftgelenk. Doch das ist oft nicht möglich, weil zu wenige aussagekräftige Körperteile vorliegen – oder diese nicht mehr auseinandergehalten werden können.

Oft sind es nur Wahrscheinlichkeiten

So bleibt nur die Angabe von Wahrscheinlichkeiten: Etwa dann, wenn die Überreste in einer Wohnung auf einen Erwachsenen und zwei Kindern hindeuten – und sich Zeugenaussagen zufolge eine Mutter mit ihren Töchtern in der Wohnung befand. 

Wenn Überreste in einem Grab bestattet werden

In den seltensten Fällen werden alle Opfer identifiziert. Oft werden, wie beim Einsturz der Twin Towers in New York oder dem Germanwings-Absturz in den Alpen 2015, die sterblichen Überreste dann zusammen in einem Grab bestattet. Manchmal werden auch noch Spuren verwahrt, die im Zuge neuer Analysemethoden Jahre später doch noch eine Identifizierung ermöglichen – jedes Jahr werden in New York etwa weitere Opfer des 11. Septembers identifiziert.

Ohne Identifizierung kein Totenschein

Eine eindeutige Identifizierung gibt nicht nur den Hinterbliebenen Gewissheit – und die Möglichkeit, die Toten zu bestatten. Manchmal sind auch bürokratische Hürden nur überwindbar, wenn ein offizieller Totenschein ausgestellt wird: Etwa die Auszahlung einer Lebensversicherung oder die Beantragung einer Waisen- oder Witwenrente.

Stand: 11.07.2017, 13:00