Wenn Hobbyastronomen eine NASA-Sonde kapern

Sternwarte: Das Radom

Wenn Hobbyastronomen eine NASA-Sonde kapern

Die NASA hatte die Sonde ISEE-3 schon vor langer Zeit aufgegeben. Die Geräte für die Kontaktaufnahme gab es längst nicht mehr. Also haben Funk-Amateure und Hobbyastronomen die Sonde in Eigenregie gerettet - ein Weltraumkrimi.

Februar 2014. Sternwarte Bochum. Fiebrige Aufregung liegt in der Luft. Eine Gruppe von Amateurfunkern sucht den Himmel ab. Sie schwenken die riesige 20-Meter-Parabol-Antenne hin und her, Millimeter für Millimeter, Abend für Abend. Sie lauschen in die Tiefen des Weltalls, auf der Suche nach einem ganz bestimmten Signal: Sie fahnden nach einem Satelliten. Einem speziellen Satelliten.

Raumsonde ISEE-3 im NASA-Labor

Raumsonde ISEE-3 im NASA-Labor

NASA hatte Sonde aufgegeben

ISEE-3 ist eine alte Sonde: 30 Jahre lang war sie durch die Tiefen des Alls geflogen, aber niemand schien sich mehr für sie zu interessieren. Selbst die NASA hatte laut einem Bericht der Planetary Society keine Möglichkeiten mehr, mit der uralten Sonde in Kontakt zu treten. Dabei näherte sich ISEE-3 wieder der Erde, erstmals nach Jahrzehnten! Raumfahrt-Fans und Amateurfunker waren entsetzt! Ein bewährtes Raumschiff einfach aufgeben und vorbeifliegen lassen? Sie beschlossen kurzerhand, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, erinnert sich Thilo Elsner, Direktor der Sternwarte Bochum.

Sternwarte in Bochum

Sternwarte in Bochum

150.000 Dollar an Spenden

Die Hobby-Funker und -Astronomen sammelten über 150.000 Dollar an Spenden und versuchten, mit Genehmigung der NASA, die Uralt-Sonde zu finden, zu kontaktieren und wieder in Betrieb zu nehmen. Ein schwieriges Vorhaben, selbst mit der richtigen Antenne. Das Empfangen ist die eine Sache. Um zu verstehen, was in dem Signal steckt, braucht es aber mehr Kenntnisse. "Wie ist das Signal verpackt und wie muss ich das auslesen? Und dazu brauche ich wieder Computer", erklärt Dr. Michael Kirschner vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Mithilfe alter NASA-Unterlagen konnten die Amateure ihren Computern schließlich beibringen, die Sprache der Uralt-Sonde zu verstehen und ihr zu antworten.

"Das Ding lebt noch"

Im März 2014 hatten die Funkamateure an der Sternwarte Bochum dann ein Signal! In den Tiefen des Alls hatten sie ISEE-3 gefunden. "Mensch, das Ding lebt noch", hat Thilo Elsner damals gedacht. Die Sternwarte in Bochum und das gigantische 300-Meter-Radioteleskop Arecibo in Puerto Rico, das schon für James Bond in "Goldeneye" als Kulisse diente, arbeiten zusammen, und die Amateure konnten die uralte Sonde verfolgen und ansprechen. Und sie funktionierte!

Radioteleskop Arecibo, Puerto Rico

Luftaufnahme: Radioteleskop Arecibo, Puerto Rico

Im Juli zündeten sie die Triebwerke – zum ersten Mal nach 27 Jahren. Es klappte! ISEE-3 sollte in die Erdumlaufbahn einschwenken. Doch dann versagten die Schubdüsen und die Sonde flog an der Erde vorbei. Wieder hinaus in die Weiten des Weltalls. Nun ist die Sonde auf einer Bahn um die Sonne unterwegs und wird erst 2029 wieder in die Nähe der Erde kommen.

Was haben die Forscher gelernt?

"Wenn der Satellit 2029 wiederkommt, muss ich die NASA überreden, ihn wieder einzufangen", sagte Robert Farquhar. "Er hat noch gut funktioniert, die Solarzellen waren noch intakt. Wir haben also viel gelernt: Dass ein über 30 Jahre altes Raumschiff noch ziemlich gut laufen kann." In seinen Memoiren schreibt, man könnte ISEE-3 vielleicht an seinen alten Platz zwischen Erde und Sonne zurückbringen. Er könnte so beweisen, dass er die Sonde nicht "gestohlen" hat, sondern sie lediglich für eine Weile geliehen – so für ungefähr 30 Jahre. Den nächsten Vorbeiflug von ISEE-3 wird  Robert Farquhar leider nicht mehr erleben, er ist mit 83 Jahren verstorben, "sein" Satellit wird aber auf ewig durchs All fliegen.

Autor des Radiobeitrags ist Aeneas Rooch.

Stand: 13.04.2017, 11:18