Himmlische Überwachung seit der Kuba-Krise

Die dunkle Seite der Erdbeobachtung

Himmlische Überwachung seit der Kuba-Krise

Von Dirk Lorenzen

Hunderte von Militärsatelliten haben das Geschehen am Boden im Blick - dank modernster Infrarot- und Radartechnik auch bei dicken Wolken und Dunkelheit. Für die Bilder, die noch kleinste Details zeigen, kommen Hightech-Drohnen zum Einsatz.

Der am besten beobachtete Himmelskörper ist die Erde. Mehr als tausend Satelliten kreisen um unseren Planeten. Die meisten blicken nicht in die Weiten des Alls, sondern haben die Vorgänge am Boden, auf dem Meer oder in der Luft im Blick. Satelliten helfen, wissenschaftliche Fragen zu beantworten, etwa wenn es darum geht, wie stark die Eiskappen abschmelzen, wie das Wetter wird oder welche Schadstoffe sich in der Atmosphäre ansammeln. Ein ganz anderes Ziel ist die militärische Aufklärung. Aber gerade sie ist der Ursprung der Augen am Himmel.

Raketenbilder vom Spionage-Flugzeug

Kubakrise

Überwachungsfoto von Kuba 1962

Die ersten Spionage-Bilder aus großer Höhe kamen nicht von Satelliten, sondern aus bis zu 20 Kilometer hoch fliegenden Flugzeugen: Die USA setzten vor allem die U2 ein, die etwa während der Kuba-Krise im Herbst 1962 regelmäßig über dem Inselstaat kreiste. Die Luftbilder, die der junge US-Präsident John F. Kennedy einer geschockten Weltöffentlichkeit präsentierte, zeigten Lastwagen, Zeltstädte, Raketen und mobile Abschussrampen.

Bewegte Ziele automatisch im Blick

Inzwischen übernehmen Drohnen, also unbemannte kleine Flugzeuge, das Ausspähen bestimmter Gebiete – ausgestattet mit modernster Kameratechnik. Systeme wie die "Argus"-Kamera sollen eine Auflösung von 1,8 Gigapixel erreichen und auch aus großer Höhe noch Details von nur 15 Zentimetern erkennen. Mit passender Bilderkennungssoftware will man Personen oder Autos am Boden automatisch verfolgen können. Bis zu 65 sich bewegende Ziele seien gleichzeitig überwachbar, sagt Yiannis Antoniades vom Hersteller BAE Systems - allerdings nur, wenn eine leistungsstarke Datenverbindung besteht. Eine Drohne mit diesem System würde pro Tag etwa 1 Million Terabyte an Filmmaterial ans Kontrollzentrum senden. Dort lassen sich Daten speichern und ermöglichen so, selbst noch Tage oder Wochen später genau nachzusehen, wer, wann, wo gewesen ist.

Ob Argus derzeit tatsächlich in den USA oder anderswo zum Einsatz kommt, ist unklar. Offensichtlich ist allerdings, dass diese Überwachung keineswegs so total und perfekt ist, wie die Entwickler vorgeben. In der harten Realität trüben nämlich Nebel oder Wolken die Sicht – und auch bei Nacht wird es eine optische Kamera schwer haben. Zudem sind in Städten niemals alle Straßenschluchten von einem Punkt am Himmel aus einsehbar – Häuser verdecken den Blick, und wenn Personen hinter Mauern verschwinden, in Gebäude gehen oder sich unter Bäumen verstecken, nützt das beste Argus-Auge nichts.

Radar-Augen sehen auch bei Nacht und Nebel

Radarsatellit

Kein Problem mit Wolken: Radarsatellit

Die klassische Erdbeobachtung setzt daher seit langem auf eine andere Technik. "Mit Radarkameras kann wird man nicht durch Wolken behindert und man kann auch nachts Bilder machen", erklärt Hans-Joachim Lotz-Iwen, Experte für wissenschaftliche Erdbeobachtung beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Inzwischen kreisen mehr als ein Dutzend Radarsatelliten um die Erde – die meisten werden militärisch betrieben, aber es gibt auch rein wissenschaftlich-zivil genutzte Radaraugen. Sie haben bei jedem Wetter im Blick, wo sich Vulkanhänge bedrohlich aufwölben, Regenwälder abgeholzt werden, Flüsse über die Ufer treten und sich Ölteppiche auf dem Meer verteilen – aber auch, wo Panzer stehen, Truppen Stellung beziehen und Bunker gebaut werden.

Spionage als Dienstleistung

google earth

Bilder für Google Earth - oder den Geheimdienst

Das klassische großflächige Abfotografieren ganzer Landstriche übernehmen die Militärs immer seltener mit eigener Technik. Denn solche Daten lassen sich auch bei privaten Dienstleistern kaufen, die zum Beispiel auch Google Earth mit den globalen Bilddaten versorgen. Für den schärfsten Blick in "Nachbars Garten" muss man aber schon tief in die Tasche greifen: Ein Satellitenbild mit 15 Kilometern Kantenlänge kostet bei bester Auflösung rund 2.000 Euro. Darauf sind Details von etwa 50 Zentimetern Größe zu erkennen. Viel besser geht es gar nicht, erklärt Hans-Joachim Lotz-Iwen: "Irgendwann spielt einfach der atmosphärische Einfluss eine Rolle. Satelliten auf Bahnen in 500 bis 900 Kilometern Höhe können nicht viel schärfer sehen."

Satelliten für den Überblick – Drohnen für die Details

Überwachungsdrohne

In militärischer Hand: Überwachungsdrohne

Die Luft wabert zu stark und kleinste Verschmutzungen der Atmosphäre trüben den Blick: Aus dem All lassen sich also keineswegs Nummernschildern an Autos erkennen – und Satelliten zeigen auch nicht, wer welche Zeitung liest. Solche Fotos machen Spionageflugzeuge oder Drohnen.

Satelliten haben noch einen anderen Nachteil: Auf niedrigen Bahnen rasen sie mit rund 25.000 Kilometern pro Stunde um die Erde. Sie haben ein ausgewähltes Zielgebiet immer nur für wenige Minuten im Blick – und dann kann es Tage oder Wochen dauern, bis sie wieder dieselbe Stelle überfliegen.

Bundeswehr mit fünf Satelliten-Lupen dabei

Militärs setzen daher auf Satellitennetze: Baugleiche Späher, die auf leicht versetzten Bahnen in nur rund 500 Kilometern Höhe um die Erde ziehen. Auf diese Weise sind die Gebiete am Boden alle paar Stunden im Blick – und die Überwachung ist deutlich engmaschiger als bei einem einzelnen Satelliten. Auch die Bundeswehr nutzt solche Technik: Sie verfügt über fünf Radar-Satelliten vom Typ SAR-Lupe.

Über derselben Stelle der Erde stehen Satelliten nur auf der so genannten geostationären Umlaufbahn, auf welcher der Satellit mit der Erdumdrehung gleichzieht. Doch die liegt 36.000 Kilometer hoch über dem Äquator. Aus so großer Entfernung lässt sich der Wolkenfilm für den Wetterbericht aufnehmen, aber kleinste Details wie Personen und Autos sind von dort nicht zu erkennen.

Stand: 14.07.2015, 06:30