Mit dem Elektrofahrrad statt mit dem Auto pendeln

Pedelec-Fahrer

Mit dem Elektrofahrrad statt mit dem Auto pendeln

Von Martin Gent

Jeder, der vom Auto aufs Fahrrad umsteigt, macht den Stau um eine Wagenlänge kürzer. Damit auch längere Arbeitswege auf zwei Rädern machbar sind, setzt NRW-Verkehrsminister Michael Groschek auf Elektrofahrräder. Die wichtigsten Fakten.

Wie viele Elektrofahrräder gibt es schon auf deutschen Straßen?

Nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbandes wurden allein im vergangenen Jahr 535.000 Elektrofahrräder verkauft, der Gesamtbestand wird auf 2,5 Millionen geschätzt. Ungefähr 95 Prozent der verkauften Elektroräder sind sogenannte Pedelecs. Sie unterstützen die Tretkraft bis Tempo 25 mit maximal 250 Watt. Mit einem Marktanteil von unter fünf Prozent werden schnelle E-Bikes noch eher selten verkauft. Sie unterstützten den Fahrer elektrisch bis Tempo 45 – Helm und Kennzeichen sind dann Pflicht.

Das Ziel der Bundesregierung, dass bis 2020 eine Million Elektroautos verkauft werden, halten viele Experten für illusorisch. Dass bis 2020 aber in der Summe fünf Millionen Elektroräder unterwegs sind, erscheint durchaus realistisch.

Wie werden Elektrofahrräder tatsächlich genutzt?

In den Niederlanden erfolgte der Siegeszug der Elektrofahrräder noch etwas früher als in Deutschland. Zahlen aus dem Nachbarland legen nahe, dass durch Elektrofahrräder mehr Fahrrad gefahren wird. Aus der "Mobiliteitsbalans 2013" geht hervor, dass mit Zusatzantrieb die zurückgelegten Strecken länger werden. Pedelec-Pendler legen auf dem Weg zur Arbeit durchschnittlich 9,8 Kilometer zurück, mit Muskelantrieb sind es 6,3 Kilometer. Dabei werden auch Autofahrten ersetzt. Vollständig ist dieser Umstieg oft nicht. Wer nach wie vor ein Auto zur Verfügung hat, nutzt es offenbar gelegentlich anstelle des Elektrorades – zum Beispiel bei schlechtem Wetter.

Wie komfortabel ist Pedelec-Pendeln?

In einem Bundes-Modellprojekt wurde 2012 in Schwerin getestet, welches  Verkehrsmittel für die Fahrt von einer Stadtrandsiedlung ins Zentrum das Beste ist. Die Forscher interessierte neben Geschwindigkeit und Energieverbrauch auch der Stresspegel der Probanden. Zentrales Ergebnis des "Schweriner Versuches" ist, dass für alle Pendler das Fahrrad und das Pedelec die sinnvollsten Fahrzeuge sind. Die Zweiräder konnten sich gegenüber Pkw und Motorrad (beide jeweils als Elektro- und Benzinvariante) und ÖPNV durchsetzen. "Wird der Fokus auf die Umwelt und die eigene Gesundheit sowie die Kosten gelegt, ist das Fahrrad zu bevorzugen. Stehen die Zeit und der Komfort im Vordergrund, so empfiehlt sich das Pendeln mit dem Pedelec", heißt es in einer Zusammenfassung zur Studie.

Verwunderlich ist dieses Ergebnis nicht. Denn viele Vorteile des Elektrorades liegen auf der Hand. Der Zusatzantrieb bügelt Berge flach und ermöglicht vergleichsweise mühelos größere Distanzen. Außerdem macht Elektroradfahren vielen viel Spaß, schon weil man weniger ausgepowert am Ziel ankommt.

Ist man mit dem Elektrofahrrad auch schneller?

Das durchschnittliche Reisetempo niederländischer Pedelec-Fahrer liegt bei knapp 16 km/h, heißt es im "Mobiliteitsbalance 2013". Danach wären Elektrorad-Fahrer zehn bis zwanzig Prozent schneller unterwegs als Radfahrer ohne Motorunterstützung. Fraglich ist aber, ob diese Werte auf Fahrrad-Pendler übertragbar sind. Wer regelmäßig mit dem Rad pendelt, ist allein dadurch trainiert und oft flott unterwegs. Zumal ein Pedelec nur bis etwa Tempo 25 anschiebt. Die Erfahrung zeigt, dass Ampeln und andere Zwangsstopps die Fahrzeit viel mehr beeinflussen als das Spitzentempo. Deshalb erscheint eine geschickte Routenwahl fast wichtiger zu sein als die Frage Pedelec ja oder nein.

Gilt die E-Auto-Kaufprämie auch für Elektrofahrräder?

Nein, die Bundesregierung hat kein auf Breite angelegtes Förderprogramm zur Anschaffung von Elektrofahrrädern. Aber seit 2012 gilt ein Erlass "zur steuerlichen Behandlung der Überlassung von (Elektro-)-Fahrrädern". Über ein "Dienstrad-Leasing" können Fahrräder und Pedelecs im Rahmen eines Gehaltsverzichts wie ein Auto geleast werden. Spezielle Firmen bieten Elektrorad-Leasingmodelle an und unter dem Strich profitieren beide – Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Eine Kaufprämie für Elektroräder hätte Symbolkraft - und würde wirken, wie wiederum Zahlen aus den Niederlanden nahelegen. Nutzer subventionierter Pedelecs fahren danach weniger Auto. Zwar litt die anfängliche Pedelec-Euphorie etwas unter winterlichem Wetter, insgesamt konnten in einem Modellprojekt viele Autokilometer eingespart werden.

Fahrradfahrer fahren auf einem Fahrradweg.

Immer mehr Pendler nutzen das Fahrrad für den Weg zur Arbeit

Wichtiger als Kaufprämien erscheint, dass Barrieren beiseite geschafft werden. Ein teures Elektrorad will man in der Firma sicher abstellen können. Auch das ganze Drumherum (Duschen, Garderobenschränke, Lademöglichkeit für den Akku) macht es attraktiver, mit dem Rad zur Arbeit zu kommen.

Welches Potenzial hat Pedelec-Pendeln?

Theoretisch könnten die meisten Auto-Pendler aufs Elektrorad umsteigen: 82 Prozent der Pendler haben einen Arbeitsweg von unter 25 Kilometern, jeder zweite deutsche Pendler fährt sogar weniger als zehn Kilometer zur Arbeit. Das hat – nicht ganz uneigennützig – die Firma Rose, ein Fahrrad-Fachversand aus Bocholt, ausgerechnet. Natürlich gibt es viele Gründe, dann letztlich doch mit dem Auto zum Job zu fahren. Doch mit dem Pedelec ist die alte Ansicht, ein Fahrrad tauge nur für Kurzstrecken, endgültig überholt.

Stand: 15.08.2016, 14:41