Wie nachhaltig ist Carsharing?

Ein Mann nimmt  in einem Parkhaus in Köln den Schlüssel eines Carsharing Fahrzeugs aus dem Tresor

Wie nachhaltig ist Carsharing?

  • Carsharing in Deutschland boomt
  • Im Vergleich zum Vorjahr gibt es 36 Prozent mehr Mitglieder
  • Profitieren davon die Städte und die Umwelt?

Die meisten Autos stehen einfach rum und verbrauchen wertvollen Stadtraum, ohne wirklich genutzt zu werden. Wenn sich aber mehrere Menschen ein Auto teilen, sollen Städte aufatmen können: "Begrünte Straßenzüge, wo heute asphaltierte Straßenflächen vorherrschen oder mehr Platz für Fußgänger, Radfahrer und ÖPNV-Nutzer sind ein Geschenk, das die Carsharing-Kunden ihrer Kommune bereiten", argumentiert der Bundesverband Bundesverband Carsharing (bcs).

Wie ist die aktuelle Situation von Carsharing?

In knapp 600 deutschen Städten gibt es ein Carsharing-Angebot, 60 Städte kamen 2016 neu dazu. Das Angebot ist von Ort zu Ort höchst unterschiedlich. Beim stationsbasierten Carsharing kommt es vor allem darauf an, dass es ein dichtes Stationsnetz mit mehreren Fahrzeugen gibt.

Daneben gibt es in einigen Städten auch Free-floating Systeme, die auch spontane Einweg-Mieten ermöglichen. Mit kombinierten Angeboten versucht man in Hannover, Mannheim und Heidelberg die Vorteile beider Formen zu verknüpfen.

Nach aktuellen Zahlen des Bundesverband Carsharing e. V. (bcs) sind rund 1,7 Millionen Menschen bei einem Carsharing-Anbieter in Deutschland angemeldet. Die Zahl der registrierten Kunden stieg gegenüber dem Vorjahr um 36 Prozent. Manche Kunden registrieren sich bei mehreren Unternehmen. Wie mit solchen Intensiv-Carsharern rechnerisch umgegangen wird, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Motor des Wachstums war das Free-floating-Segment. Rein rechnerisch kommt hier ein Fahrzeug auf 173 Kunden.

Profitieren die Städte?

Kö zur parkplatzfreien Flaniermeile?

Viele Autos stehen die meiste Zeit rum

Carsharing kann doppelt wirken: Zum einen kann es das eigene Auto überflüssig machen. Das entlastet die Städte von stehendem Blech. Zum anderen gelten Carsharing-Nutzer als offener gegenüber einem modernen Mobilitätsmix aus Bus, Bahn, Fahrrad und Zufußgehen. Wer immer ein eigenes Auto zur Verfügung hat, probiert andere Verkehrsmittel und deren intelligente Kombination oft erst gar nicht aus.

Wie viele Privat-Pkw ein Carsharingauto tatsächlich ersetzt lässt sich nicht verlässlich sagen. Der Bundesverband Carsharing spricht von bis zu 20 Pkw in innenstadtnahen Wohngebieten. Allerdings zeigt eine vom Verband selbst veröffentlichte Tabelle, dass es bei den in Studien ermittelten Ersatzquoten enorme Unterschiede gibt. Die Spanne reicht von 1:1 bis 1:20.

Teilweise widersprüchliche Aussagen

So räumt der Verband auch ein, dass aktuelle Studien zum Free-floating-Carsharing "teilweise zu widersprüchlichen Aussagen bezüglich der Entlastungswirkung moderner Carsharing-Angebote" kommen. Gunnar Nehrke, Sprecher des bcs, fasst es so zusammen: "Generell ist es so, dass die stationsbasierten und kombinierten Systeme eine höhere verkehrsentlastende Wirkung zeigen als das reine Free-floating."

Ein neues, attraktives Angebot schafft auch neue Begehrlichkeiten und neue Nachfrage. "Einweg-Carsharing" wird offenbar auch von Personen benutzt, die bislang mit dem ÖPNV oder dem Fahrrad unterwegs waren, zum Beispiel bei schlechtem Wetter. Das ist der wunde Punkt.

Ein Mini Cabrio des Carsharing-Unternehmens DriveNow steht am Straßenrand in Köln

Auch "Einweg"-Carsharing mit guter Bilanz

Unterm Strich, so Nehrke, sei aber auch für das Free-floating die Gesamtbilanz "deutlich positiv". Auch hier "überwiegt die Zahl der Nutzer, die dank Carsharing mehr den ÖPNV nutzen als andererseits durch innerstädtische Kurzfahrten parallel zum ÖPNV verlorengeht."

Profitiert die Umwelt?

Das Öko-Institut Berlin hat für das Umweltbundesamt und zuletzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung verschiedene Szenarien durchgerechnet. Wenn parallel zum flexiblen Carsharing auch der öffentliche Verkehr sowie der Rad- und Fußverkehr deutlich gestärkt werden, ist demnach besonders bei den Autobesitzern eine Veränderung zu erwarten.

Die Autonutzung geht deutlich zurück, vor allem zugunsten von ÖPNV und Fahrrad. Eine wichtige Voraussetzung ist, dass die Vernetzung zwischen den Verkehrsmitteln verbessert wird und "durch Mobilitätszentralen und elektronisches Ticketing die Angebote integriert werden". Auch ein Parkraummanagement gehört für dieses Szenario zwingend dazu.

Ohne neue verkehrspolitische Weichenstellungen hat flexibles Carsharing unter Umständen sogar negative Effekte. Personen ohne eigenes Auto fahren dem Szenario zufolge eher mehr Auto und weniger Fahrrad, weil Carsharing "vor allem bei schlechtem Wetter eine Alternative zum Fahrrad darstellt." Unterm Strich kann Carsharing bei den Nutzern Geld sparen, weil Carsharing bei wenigen Jahres-Kilometern billiger ist als ein eigenes Auto.


Weniger Autos bedeutet weniger Energieaufwand

Für die Umweltbilanz hat Friederike Hülsmann mit ihren Kollegen vom Öko-Institut auch analysiert, wie das eingesparte Geld anderswo ausgegeben wird (Rebound-Effekt). Ohne eine insgesamt umweltorientierte Verkehrspolitik könnte die Nachfrage bei Bussen und Bahnen sinken.

Ein wichtiger Punkt ist, dass für die Produktion von weniger Autos auch weniger Energie aufgewendet werden muss. Erstaunlicherweise ist der Umwelteffekt des Carsharings nach diesen Modellrechnungen nahezu unabhängig von der begleitenden Verkehrspolitik. Der Einspareffekt bei Treibhausgasen liegt bei ungefähr fünf Prozent.

Stand: 21.02.2017, 12:31