Straßennamen in der Diskussion: Eine Einordnung

Straßennamen in der Diskussion: Eine Einordnung

Von Marion Werner

Kommt ein Straßenname auf die Tagesordnung, beginnt ein langwieriger Prozess, der so manche Volten schlagen kann. Zuständig sind die Gemeinden – und die sind so unterschiedlich wie die Diskussionen.

Umbenennungen seien kein historischer, sondern letztlich ein politischer Prozess, sagt Geschichtswissenschaftler Marcus Weidner: "Im parlamentarischen Verfahren sind es immer Interessensgruppen, die über Straßennamen entscheiden. Straßennamen sind ein Spiegel verschiedener Interessen und Ratsmehrheiten, aber kein 'Spiegel der Geschichte‘."

Straßenschild: Carl-Diem-Straße

Umstrittener Sportfunktionär mit NS-Vergangenheit: Carl Diem (1882-1962)

Wenn sich die Zeiten ändern, ändern sich auch die Straßennamen: Eine große Welle der Umbenennungen gab es in NRW nach dem 2. Weltkrieg, denn zahlreiche "Adolf-Hitler-Straßen" waren über Nacht für die Alliierten nicht mehr tragbar. Aus Brakel bei Paderborn stammt die Anekdote, die dortige "Ringstraße" sei nach dem Krieg entstanden, indem jemand das Straßenschild mit dem Namen des Nazi-Verbrechers Hermann Göring an der entsprechenden Stelle abgebrochen habe.

Das Lebenswerk: ein Konto mit Soll und Haben?

Weidner meint, zumindest für Neubenennungen nach Personen könnten verbindliche Kriterien hilfreich sein. Allerdings sei ein grundsätzliches Problem dabei, dass jede Person im Laufe ihres Lebens Brüche aufweise. "Das heißt auch, dass man das Geschichtsbild einer Person vielleicht nicht immer richtig einschätzt, weil man nicht alle Nuancen dieses Lebens kennt. So sind in den 60er und 70er Jahren manchmal Straßen nach NS-Verbrechern benannt geworden, weil zum Zeitpunkt der Benennung noch gar nicht klar war, welche Verbrechen diese Personen zwischen 1933 und 1945 begangen hatten."

Straßenschild: Friedrich Castelle

Parteigänger des NS-Regimes: Friedrich Castelle (1879-1954)

Kommt eine solche Diskussion in Gang, wird meist eine Kommission mit der Prüfung beauftragt, ob die Person noch würdig ist oder nicht. Der Historiker Rainer Pöppinghege von der Universität Paderborn sieht den einzig gangbaren Weg in Einzelfallprüfungen: "Dabei muss man immer das ganze Lebenswerk in den Blick nehmen. Man muss zum Beispiel prüfen, ob eine einzelne verwerfliche Tat ein ansonsten positives Lebenswerk aufwiegt oder nicht."

Was bedeutet ein Straßenname wirklich?

Selbst wenn herbeigerufene Experten zu der Einschätzung gelangt sind, dass eine Straße umbenannt werden sollte, heißt das in vielen Fällen nicht, dass es auch zur Umbenennung kommt. In öffentlichen Diskussionen zeigt sich in vielen Fällen, dass die Beharrungskräfte vertrauter Straßennamen sehr groß sein können. Es gibt Gegenwind von den Anwohnern, für die eine Umbenennung immer mit Kosten und Mühen verbunden ist.

Sogar die Ergebnisse von Experten und Kommissionen werden manchmal ernsthaft in Frage gestellt. Eines der häufigsten Argumente ist die "Geschichtsklitterung“: Wer Straßennamen umbenennt, der verfälsche die Geschichte. Rainer Pöppinghege, Autor des Buches: "Wege des Erinnerns. Was Straßennamen über das deutsche Geschichtsbewusstsein aussagen", hat dazu eine eindeutige Meinung. Im Zweifel ist er für Korrekturen im Straßenbild: "Straßennamen sind keine Art des Geschichtsunterrichts, sondern eine Art der selektiven Würdigung.

Stand: 26.01.2017, 21:40