Stieglitz ist Vogel des Jahres

Vogel des Jahres 2016: Stieglitz

Botschafter für Artenvielfalt

Stieglitz ist Vogel des Jahres

Von Rainer B. Langen

Seit Neujahr ist der Stieglitz "Vogel des Jahres". Damit wollen der Naturschutzbund und der bayerische Landesbund für Vogelschutz warnen: Es gibt zu wenig Platz für Wildwuchs in der Landschaft. Darunter leiden der Stieglitz - und viele andere Arten.

Der Stieglitz ist noch unter einem anderen Namen bekannt: Distelfink, der Fink, der Samen von Disteln frisst. Mit seinem Schnabel kann er die winzigen Samenkörner wie mit einer Pinzette aus dem Fruchtstand herauszupfen - kopfüber, mit dem Kopf nach oben oder von der Seite.

Der Samen einer Distel

Die Samenkörner von Disteln sind für den Stieglitz vor allem im Winter ein wichtiges Futter.

Die Samen von Kletten sind bei Stieglitzen ebenfalls sehr begehrt. In der Brutzeit verfüttern Stieglitze zwar auch kleine Insekten wie Blattläuse an ihre Jungen. Aber Hauptnahrung sind Samen. Das gilt für reife Körner wie auch für unreife -die sind noch weich und saftig. Außer von Disteln und Kletten können Stieglitze die Samen von 150 weiteren Blütenpflanzen verzehren. Klingt eigentlich ganz gut. Aber in Deutschland gibt es laut NABU heute nur noch halb so viele Stieglitz-Brutpaare wie zur Zeit der Wiedervereinigung.

Wildkräutern fehlt Platz zum Wachsen

In der freien Landschaft werden die Flächen knapp, auf denen das Futter für den Stieglitz wächst. Vor allem deshalb haben ihn die Naturschützer von NABU und LBV zum Vogel des Jahres gewählt, erklärt Joachim Kranz, Experte für Vogelschutz beim NABU Nordrhein-Westfalen. „Da er mehr oder weniger auf die Samen von Wildkräutern angewiesen ist, soll seine Wahl auch darauf hinweisen, wie ausgeräumt die Landschaft langsam wird. Dass einfach die Wildpflanzen fehlen, die Wildkräuter, die er zum Leben braucht.“

Der Anteil von ungenutzten Flächen in der Agrarlandschaft, wo Wildkräuter sprießen und blühen können, ist in ganz Deutschland drastisch geschrumpft. So sind in Nordrhein-Westfalen allein zwischen 2005 und 2009 in der Landwirtschaft 44.000 Hektar an Brachen und stillgelegten Flächen verloren gegangen. Das ist doppelt so viel wie die Fläche von Düsseldorf. Inzwischen wollen Landwirte mehr Streifen für Blütenpflanzen in oder an ihren Feldern anlegen oder diese einfach wachsen lassen. Das zeigt die Nachfrage nach staatlichen Fördergeldern für solche Flächen: Sie verachtfachte sich von 2005 bis 2015 auf Zahlungen für 4.100 Hektar. Jedoch ist das letztlich nur ein Bruchteil der Flächen, die für Brachen und Wildwuchs verloren gegangen waren. Der Verlust trifft nicht nur den Stieglitz, erläutert Joachim Kranz. „Ich muss nur Kornblume und Klatschmohn nennen, und erst recht die Vogelarten Feldlerche und Rebhuhn, die noch deutlich stärker zurückgehen als der Stieglitz.“

Blühende Ackerränder nützen auch den Landwirten

Ein Randstreifen eines Ackers

Unbearbeitete Flächen am Ackerrand können zu Lebensräumen für Wildkräuter werden

Wo es Streifen für wildwachsende Blütenpflanzen am Ackerrand gibt, nützen sie auch vielen anderen Arten. Schmetterlinge, Bienen und Hummeln zum Beispiel finden während der Blüte nahrhaften Nektar. Feldhasen finden Deckung. Und Landwirten können Randstreifen an Weizenfeldern unter Umständen sogar um bis zu zehn Prozent höhere Erträge einbringen, fanden Schweizer Agrarforscher heraus. Weil im Biotop der Blütenpflanzen auch Käfer leben, die ihrerseits Jagd auf Weizenschädlinge machen.

Mehr Wildwuchs nützt der Artenvielfalt nicht nur am Ackerrand. Auch in Gärten und Parks lohnt es sich, Wildpflanzen einfach wachsen zu lassen. Vor allem über den Winter sollten sie nicht gemäht werden. So finden Samen fressende Tiere wie der Stieglitz auch in der kalten Jahreszeit genug Futter an den reifen Fruchtständen.

Stand: 04.01.2016, 06:00