Yogeshwar: "Der March for Science ist ein Weckruf"

Ein junger Mann sitzt auf dem Boden und schreibt ein Plakat

Yogeshwar: "Der March for Science ist ein Weckruf"

Wie in 520 Städten weltweit, gibt es auch in Berlin am Samstag (22.04.2017) den "March for Science". Redner ist dort neben anderen auch TV-Moderator und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar.

WDR 5: Ranga, du bist auch Physiker, aber in Deutschland ist die Freiheit der Wissenschaft ja nicht wirklich bedroht. Was ist deine Motivation, dich da jetzt zu engagieren?

Ranga Yogeshwar: Na, die Freiheit der Wissenschaft selbst nicht, aber erinnere dich einfach mal an die Debatten im vergangenen Jahr zum Thema Flüchtlinge. Wieviel Soziologen hast du da gehört? Wieviele Integrations- und Migrationsforscher waren in großen Talkshows vorhanden? Also wir haben schon einen Trend bei dem es immer mehr heißt "Naja, die gefühlte Wahrheit ..." Ich finde das ist schon Grund genug, aufzustehen und zu sagen "Moment mal".

WDR 5: Reden wir über die USA: Staatliche Forschung in den USA ist das eine Ding, daneben gibt es aber noch ganz viele Studien, die von Stiftungen beziehungsweise Universitäten finanziert werden. Wie groß ist der Eingriff durch die Trump-Administration bisher wirklich?

Ranga Yogeshwar

Ranga Yogeshwar

Yogeshwar: Man kann sich das an einem Beispiel genauer anschauen, und zwar die EPA, also die Umweltbehörde, die sich in der Vergangenheit sehr klar mit dem Klima und mit der Veränderung des Klimas durch uns, durch den Menschen, auseinandergesetzt hat, die wurde regelrecht gestutzt. Und man sieht, dass es in ganz vielen anderen Bereichen Probleme gibt.

Wissenschaft lebt zum Beispiel auch davon, dass es ganz unterschiedliche Nationalitäten gibt, die sich aktiv an der Wissenschaft beteiligen. Und wenn man sich einfach mal die Politik von Herrn Trump jetzt speziell anschaut, mit Einreise-Beschränkungen für Menschen, die aus sogenannten "schlechten" oder "Schurkenstaaten" kommen, dann ist das schon wirklich problematisch.

Und das zieht sich dann wie ein roter Faden auch durch viele andere Memoranden und durch eine Politik, bei der "Fake News" inzwischen salonfähig geworden sind. Also, "Fake News" - auf Deutsch würde man auch einfach sagen, "da wird gelogen". Und das finde ich schon nicht so erquicklich.

Interview mit Ranga Yogeshwar zum "March for Science"

WDR 5 Leonardo Top Themen | 21.04.2017 | 08:08 Min.

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WDR 5: Inzwischen rufen ja auch ganz viele wissenschaftliche Institutionen wie die Max-Planck-Gesellschaft mit ihren unzähligen Forschungsinstituten, die Helmholtz-Gemeinschaft mit ihrer auch recht stattlichen Anzahl von Großforschungseinrichtungen und etliche mehr zur Teilnahme auf. Das ist doch eher ungewöhnlich, dass solche eigentlich eher unpolitischen Institutionen sich äußern, oder?

Yogheshwar: Ja, das ist sicherlich ungewöhnlich und ich freue mich sehr, dass die alle mitmachen, denn man darf etwas nicht vergessen: Das ist kein "March of Science", das ist kein "Marsch der Wissenschaftler", sondern ein Marsch für die Wissenschaft. Das ganze ist eine Initiative, die wirklich von unten gestartet ist, also bottom-up, wie man so schön sagt.

Aber inzwischen ist es so, dass neben diesen jungen, zum Teil tollen, Mitorganisatoren, die auch zum Beispiel hier in Berlin mit auf der Bühne stehen, sich eben auch Leute dazu bekennen, mitgehen, mitreden, wie Matthias Kleiner, der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, oder Otmar Wiestler, der momentan der Sprecher der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisation ist. Also da gibt es viele, die sich sozusagen die Hand geben und sagen, "Da machen wir mit".

Hier in Berlin wird auch Michael Müller, also der regierende Bürgermeister dabei sein. Das ist inzwischen in der Breite angekommen und auch verstanden worden.

WDR 5: Macht das Mut? Bekommst du da auch etwas von deinen Kollegen in den USA mit? Ich meine, auch große Konzerne mit Forschungseinrichtungen haben sich gegen die Wissenschaftsfeindlichkeit von Präsident Trump gewandt. Kann er gegen so eine große Allianz überhaupt bestehen?

Yogeshwar: Naja, das Wichtige ist: Es zeigt sich ja nicht nur bei ihm. Es zeigt sich auch in anderen Ländern. Also da müssen wir gar nicht über den Atlantik gehen, wenn man sich anschaut, was in der Türkei passiert, wie also dort die Freiheit der Wissenschaft tatsächlich massiv eingeschränkt wird.

Oder ein anderes Beispiel: Man schaue sich an, was in Ungarn passiert, wo man meint, man könnte jetzt Wissenschaft hinter die Mauern des Nationalismus zurück ziehen. Überall dort gibt es einen Trend und dieser Trend heißt, dass Ängste geschürt werden, dass Stimmung gemacht wird, dass zum Teil eben mit falschen Fakten diese Ängste geschürt werden.

Ich erinnere immer an Bertolt Brecht, der hat das alles schon gewusst und erkannt, der sagte einmal "Wer die Wahrheit nicht kennt, ist nur ein Dummkopf, aber wer sie kennt und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher". Und in gewisser Weise hat er Recht gehabt, früher. Und das trifft heute noch zu.

WDR 5: Claudio Paganini, einer der Organisatoren des Science March, hat betont, "Forschung und Wissenschaft sind Teile unseres Lebens, das wollen wir bewusstmachen". Wie kann das gelingen, auch über den March hinaus?

Yogheswar: Ich glaube der March ist ein Weckruf und das bedeutet, dass danach eine ganze Reihe von Hausaufgaben zu machen sind. Sowohl in den Reihen der Wissenschaft, in den Reihen der Bildung, aber auch zum Beispiel bei uns, bei den Medien. Da geht es darum, dass die Stimme der Wissenschaft einfach mehr gehört wird.

Man kann einfach mal die Bilanz des vergangenen Jahres machen. Sich die politischen Talkshows anschauen und sich einfach die Frage stellen "Wie oft wurde wissenschaftlicher kompetenter Sachverstand - wir reden hier nicht von den Fernsehexperten die immer wieder neu getauft werden- wie oft wurde der abgerufen?" Ich glaube da kann man noch eine Menge machen.

Und das zweite ist: Wir dürfen nicht in Zeiten, wo vielleicht der gefühlte Druck steigt, Dinge zur Disposition stellen. Also es geht auch darum, an der ein oder anderen Stelle Kante zu zeigen und zu sagen "Ok, da und da gibt es gesicherte Erkenntnisse, und die stehen nicht zur Disposition."

Stand: 21.04.2017, 10:19