Die Welt der Gerüche

Ralf Bunn, Senior Parfumeur im Henkel Fragrance Center

Unser duftes Riechorgan

Die Welt der Gerüche

Von Susanne Schnabel

Gerade zur Weihnachtszeit ist die Luft erfüllt von feinsten Düften: Winterapfel, Lebkuchen, Zimt oder die Weihnachtsgans im Ofen. Das weckt Gefühle. Ein faszinierender, hochsensibler Mechanismus zwischen Nase und Hirn lässt uns riechen und erinnern.

"Das riecht nicht gut, das mag ich nicht essen" oder "Bei denen in der Wohnung stinkt es, da will ich nicht hin", beschwerte sich Ralf Bunn als keiner Junge. Er schnupperte an allem. Später in seiner Ausbildung als Chemielaborant an der Uni Bonn erkannte man sein Talent und er durfte bei einem Forschungsauftrag Zigaretten aromatisieren. Bunn lernte im Laufe der Jahre Tausende Düfte zu unterscheiden. "Das ist wie Vokabellernen. Zunächst versuche ich, zu assoziieren: Ich suche nach Formen und Farben. Wie fühlt sich das an? Ist das weich oder hart, eher spitz oder stachelig?" Erinnerungen an die Kindheit sind mit dem Riechen eng verknüpft. Die Großmutter von Ralf Bunn benutzte kölnisch Wasser, was nach der Blüte der Bitterorange riecht. Ihr Sessel duftete nach Lavendel. "Mandarinchen verbinde ich mit der Weihnachtszeit. So baue ich mir die Eselsbrücken". Heute ist Ralf Bunn Senior Parfümeur im Henkel Fragrance Center in Krefeld und verantwortlich für die Düfte von Persil.

Kuschelig oder frisch?

Flaschen mit Duftölen

Eine geschulte Nase kann Tausende Düfte definieren

Wenn Ralf Bunn durch die Stadt geht, dann kann er bei den Passanten genau unterscheiden, welches Waschmittel oder welchen Weichspüler sie benutzen. "Bei Männern oder Frauen mit einer interessanten Ausstrahlung, finde ich es spannend, rauszubekommen, ob sie auch genauso interessant riechen", so Bunn. Er wird oft gefragt, welches Parfüm zu einem passen könnte. Dann antwortet er stets: "Das, was ihnen gefällt, das passt auch. Man kann sich nicht gegen sich selber entscheiden." Düfte würden bei jedem Menschen ein wenig anders riechen, da sich das Parfüm mit dem körpereigenen Geruch mischt.

Bunn kann nicht nur Gerüche analysieren, er weiß auch was sie bei uns auslösen - ob sie eher einen Kuscheleffekt erzeugen, wie man es gerne in seiner Bettwäsche hat oder ein frisches Gefühl auslösen, das an einen Spaziergang auf einer Sommerblumenwiese erinnert. "Gerade bei Wäsche, die man direkt auf der Haut trägt, ist das enorm wichtig. Wir arbeiten auf Wunsch der Konsumenten daran, dass der Duft noch länger an der Wäsche haftet." Bunn arbeitet leidenschaftlich gerne in der funktionalen Parfümerie, tüftelt neue Düfte aus, freut sich, wenn es den Kunden gefällt. Duftkreateure sind in vielen Bereichen tätig: vom Klostein, über das Shampoo bis hin zum Lippenstift arbeiten Experten am perfekten Duft.

Je früher riechen lernen, desto besser

Duftforscher Hanns Hatt

Professor Dr. Hanns Hatt von der Ruhr-Uni Bochum

Unterbewusst beeinflussen Gerüche unser Leben enorm und die Industrie macht sich das zunutze. Professor Dr. Hanns Hatt, Zellphysiologe und Duftforscher an der Ruhr-Universität Bochum wünscht sich, dass wir uns alle mehr Gedanken über die Welt der Düfte machen. Er würde es begrüßen, wenn bereits Kinder im Kindergarten oder in der Grundschule Düfte erlernen könnten. "Wenn wir riechen üben würden, dann könnten wir sehr viel besser Düfte unterschieden. Gerade wenn es um Nachhaltigkeit geht: Kommt das Produkt aus der eigenen Gegend oder von weit her? Wir könnten besser synthetische Duftstoffe von natürlichen unterscheiden. Könnten andere Speisen zusammenstellen. Wir hätten mehr Genuss."

Wohlgeruch oder Gestank?

Ob wir einen Duft mögen oder nicht, ist nicht angeboren. "Es ist vielmehr abhängig von unserer Erfahrung, die wir mit einem Geruch gemacht haben. Einige Gerüche sind uns schon von Geburt an bekannt und werden daher eher als angenehm empfunden als andere", erklärt Dr. Hanns Hatt. Bereits im Mutterleib nimmt der Fötus Geschmacks- und Geruchsstoffe auf - je nachdem, was die Mama auf dem Speiseplan hat. Die meisten Düfte jedoch lernen wir erst nach der Geburt kennen und entwickeln im Laufe der Jahre ein Geruchsgedächtnis. Öfter mal der Nase und nicht den Augen trauen, rät Dr. Hanns Hatt: "Wer einen Raum betritt, kann sich erst mal umriechen. Schnuppern Sie an Lebensmitteln, an Menschen. Wer mit offener Nase den Alltag erlebt, dem eröffnet sich eine völlig neue unsichtbare Welt."

So funktioniert Riechen

Duftmoleküle, die in der Luft herumschwirren, genau wie Staubkörner, atmen wir durch die Nase ein. So gelangen sie in die oberste Etage unserer Nase zur Riechschleimhaut, einem etwa Zwei-Euro-Stück großes Areal. Dort gibt es 20 bis 30 Millionen Riechzellen, die mit diesen Molekülen Kontakt aufnehmen. Wir haben wir 350 Typen von solchen Zellen in der Nase. Jeder einzelne Typ kann einen bestimmten Duft erkennen. Die eine kann nur Vanille riechen, die andere nur Moschus. Gelangt also ein Vanillemolekül in die Nase, löst es bei der Vanillezelle einen Stromimpuls aus, der über die Nervenfasern durch den Schädelknochen hindurch in das Riechhirn gelangt. Die eingehenden Signale werden hier verrechnet und per Impuls weitergeleitet in die höheren Gehirnzentren. Der Weg führt auch direkt zu den Hirnarealen, zuständig für Emotionen und Erinnerungen. Hier erzeugen die eintreffenden Duftinformationen blitzschnell ein Gefühl. Je nach Erfahrung kann das zum Beispiel Freude, Angst, oder auch Ekel sein. Erinnerungen werden wach an die Vanilleplätzchen der Oma oder an Bohnerwachs im Klassenzimmer. Übrigens bestehen die meisten Gerüche aus vielen verschiedenen Duftstoffen. Rosenduft zum Beispiel hat mehr als 200 Bestandteile.

Stand: 16.12.2015, 06:00