Tödliche Strahlung

Der Eingangbereich des Millennium-Hotels in London, in dem Alexander Litvinenko ermordet wurde.

Nachforschungen im Fall Litvinenko

Tödliche Strahlung

Von Sarah Ziegler

Vor über neun Jahren starb der russische Ex-Spion und spätere Kreml-Kritiker Alexander Litvinenko an einer tödlichen Dosis Polonium 210. Erst jetzt gibt es den politisch brisanten Untersuchungsbericht. Wie starb Litvinenko?

Am 1. November 2006 trank Alexander Litvinenko in einem Londoner Hotel eine Tasse Tee mit zwei anderen Männern, Andrei Lugovoi und Dmitry Kovtun. Nur drei bis vier Schlucke des grünen Tees habe er getrunken, gab Litvinenko später zu Protokoll. Kurz darauf fühlte er sich schlecht, übergab sich die ganze Nacht lang. 22 Tage später war er tot. Die Autopsie seiner Leiche fand unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen statt, die Ärzte trugen Spezialhandschuhe, weiße Anzüge und Helme mit Luftfiltern. Denn zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Litvinenko an einer Vergiftung mit Polonium 210 gestorben war.

Was ist Polonium 210?

Polonium 210 ist ein Isotop des radioaktiven Elements Polonium, ein silberfarbenes Schwermetall. Es ist die häufigste Form, in der Polonium in der Natur vorliegt. Es findet sich im Boden, in der Atmosphäre, in unseren Körpern und zum Beispiel auch in Tabak. In der Natur entsteht es durch den Zerfall von Uran-238. Doch die Mengen sind verschwindend gering. In einer Tonne Uranerz finden sich nur etwa 0,1 Milligramm Polonium 210. Größere Mengen werden in Nukleareinrichtungen hergestellt und dort verwendet. Winzige Mengen kommen aber auch in der Industrie zum Einsatz. Es wird zum Beispiel in Maschinen verwendet, in denen Textilien zu großen Ballen aufgerollt werden, dort verhindert es statische Aufladungen des Materials.

Wie gefährlich ist Polonium 210?

Wer Polonium nur berührt, ist nicht gefährdet. Der Grund dafür: Der Stoff ist ein Alphastrahler. Beim Zerfall des radioaktiven Materials werden hauptsächlich Alphastrahlen frei. Sie können sich in der Luft nur wenige Zentimeter weit bewegen und können schon von einem einfachen Blatt Papier abgeblockt werden, anders als durchdringende Gammastrahlen. Selbst bei Berührung dringt Polonium nicht einmal 0,1 Millimeter tief in unsere Haut ein.

Wer aber wie Litvinenko Polonium 210 schluckt, es mit offenen Wunden in Kontakt bringt oder eine Injektion erhält, erkrankt. Laut Bundesamt für Strahlenschutz kann  schon eine Dosis von 0,0001 Milligramm tödlich sein.

Was richtet Polonium 210 im Körper an?

Ein Großteil des aufgenommenen Poloniums hat auch Litvinenkos Körper gleich wieder ausgeschieden – doch die minimalen Reste reichten, um seinen Körper von innen heraus zu zerstören. Polonium 210 zerstört die Struktur und das Erbgut von Zellen, so dass diese sich nicht mehr vermehren können und sterben. Zuerst betroffen sind meist Gewebe, deren Zellen sich schnell teilen, so auch bei Litvinenko. Bald nach seiner Vergiftung litt das so wichtige blutbildende Knochenmark, dann fielen Leber und Nieren aus. Am Ende versagte der ganze Körper. 

Warum waren die ersten Diagnosen falsch?

Im Fall Litvinenko dauerte es Wochen, bis die Ärzte feststellten, dass ihr Patient mit Polonium 210 vergiftet worden war. Zunächst zeigte Alexander Litvinenko Anzeichen einer Lebensmittelvergiftung, er erbrach sich und hatte große Schmerzen. Als seine Haare begannen auszufallen, vermutete man eine Vergiftung mit Thallium. Als eine Behandlung dagegen auch nicht half, schickte man Urinproben an ein britisches  Nuklearlabor in England. Erst dort kam man dem Polonium 210 auf die Spur.

Die verzögerte Diagnose ist auch hier darauf zurück zu führen, dass das Polonium ein Alphastrahler ist. Ein Geigerzähler, mit dem man Litvinenko untersucht hatte, schlug nicht aus. Solche Zähler reagieren in der Regel nur auf durchdringendere Gammastrahlung. Die Alphastrahlung im Körper des Patienten drang nicht nach außen und konnte so nicht wahrgenommen werden. Doch auch eine frühere Diagnose hätte nichts bedeutet – Alexander Litvinenko hätte nicht gerettet werden können.

Stand: 21.01.2016, 16:00