Als Pflegekraft überall einsetzbar

Neue Pflegeausbildung geplant

Als Pflegekraft überall einsetzbar

Von Lisa von Prondzinski

Die Not ist groß: In Krankenhäusern und Altenheimen fehlt es an Personal. Um den Beruf attraktiver zu machen, soll aus den drei Ausbildungsberufen im Pflegebereich einer werden. Das ist umstritten. Azubis und Lehrer sehen vor allem neue Chancen.

Zufällig kam Eliz Cakirtas (18) zu Schulzeiten dazu, in der Wohnküche eines Heims auszuhelfen: Kleinigkeiten wie den Tisch zu decken und nach dem Essen abzuräumen hat sie dort gemacht. "Mir ist aufgefallen, dass die alten Menschen sehr herzlich sind. Sie freuen sich schon sehr über Kleinigkeiten. Das gibt einem emotional viel", schwärmt die Kölnerin. Deshalb hat sie nach dem Abitur eine Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen. Doch so eine Begeisterung für die Pflege teilen viel zu wenige. Es fehlt an Nachwuchs. Auch in Krankenhäusern herrscht Notstand. Überforderung, Unterbezahlung und Stress sind die Schlagworte, die vielen den Pflegebereich verleiden. Gelernte Kräfte gehen ihn Frührente, weil der Beruf so anstrengend ist. Und Krankenschwestern wandern ins Ausland ab, wo der Beruf besser angesehen und bezahlt ist.

Erster Jahrgang für 2018 angedacht

Deshalb soll der Pflegebereich attraktiver werden. Durch eine vereinheitlichte Ausbildung. Diskutiert wurde das schon lange. Vergangene Woche hat das Bundeskabinett beschlossen, die drei Ausbildungen für Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpfleger zu einer einzigen zusammenzuführen. Voraussichtlich 2018 soll der erste Jahrgang beginnen. Nach drei Jahren kann man dann die Prüfung zum Pflegefachmann oder zur Pflegefachkraft ablegen.

Zu früh mit Ausbildung angefangen?

Eliz Cakirtas

Eliz Cakirtas hat sich entschieden, Altenpflegerin zu werden

Durch die Vereinheitlichung der Pflegeberufe soll es mehr Karrierechancen geben und einfacher werden zu wechseln: Wer etwa genug hat von der Altenpflege, wechselt in den klinischen Bereich oder in die Kinderpflege - und umgekehrt. Das findet Eliz Cakirtas gut. "Als ich zum ersten Mal davon hörte, dachte ich: 'Oh, ich habe zu früh mit meiner Ausbildung angefangen.' Denn die künftigen Azubis haben mehr Möglichkeiten", meint sie. Andererseits weiß die 18-Jährige, dass auch sie gute Chancen hat, nach ein paar Jahren Leitungsaufgaben zu übernehmen oder Pflegewissenschaft zu studieren. Oder auch ins Krankenhaus zu wechseln. Denn dort sind Altenpfleger auf geriatrischen Stationen schon heute sehr gefragt, weil die Zahl der an Demenz erkrankten Patienten wächst. Krankenpfleger dagegen wissen häufig gar nicht, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Sie haben es nicht gelernt.

Anforderungen haben sich geändert

Doch auch in Altenheimen haben sich die Anforderungen geändert. "Altenpfleger brauchen heute viel mehr medizinisches Wissen, weil die Bewohner immer älter werden und häufig mehrfach erkrankt sind", sagt Stephanie Kamp, Schulleiterin des Bildungszentrums für Gesundheitsberufe in Mülheim an der Ruhr, das zur Kaiserswerther Diakonie gehört. Deshalb sollen künftig alle Azubis unter anderem mehr über Altersleiden, über die Versorgung mehrfach chronisch Kranker und Kinder lernen. Kurz gesagt: Die Pflegekraft von morgen soll überall einsetzbar sein und jeden versorgen können.

Anna Knorr

Anna Knorr wird Krankenpflegerin.

Von dieser Idee ist Anna Knorr (22) sehr angetan. Die Kölnerin wird Krankenpflegerin. Sie ist im zweiten Ausbildungsjahr und hält die Pläne zu einem zusammengefassten Pflegeberuf als Gewinn: "Es wird das Ansehen des Berufes erhöhen, wenn wir von anderen lernen und andere von uns. Und weil die zukünftigen Azubis überall arbeiten können, haben sie einen entscheidenden Vorteil."

Kritiker sprechen von "Schmalspurausbildung"

Besonders die Altenpflege hat heute ein schlechtes Image. Doch nach Ansicht von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) könnte die Vereinheitlichung des Berufes zu einer besseren Bezahlung in diesem besonders benachteiligten Bereich führen. Allerdings kritisieren vor allem Alten- und Pflegeverbände die Zusammenlegung der drei Berufe. Sie sprechen von faktischer "Abschaffung" des Altenpflegeberufes. Auch das Stichwort "Schmalspurausbildung" macht die Runde, obwohl die Spezialisierung nicht hundertprozentig wegfällt: In ihrer praktischen Ausbildung sollen die angehenden Pflegekräfte einen Schwerpunkt wählen - etwa die Kinderpflege.

In Modellprojekten erprobt

Anke Kleine

Für Anke Kleine ist die Vereinheitlichung der Pflegeberufe überfällig.

Daher kann Stephanie Kamp von der Kaiserswerther Diakonie die Kritik nicht nachvollziehen: "Der Pflegenotstand wird nicht besser, wenn wir nichts ändern. Die Vereinheitlichung ist jetzt der richtige Weg." Und Anke Kleine, Pflegelehrerin und stellvertretende Schulleiterin der Louise-von-Marillac-Schule in Köln, ist sich sicher: "Wenn das Arbeitsklima, die Bedingungen und Beziehung am Arbeitsplatz gut sind, dann ist der Bereich eher zweitrangig." Kleine weiß, dass bei der Umsetzung zum neuen Beruf mit vielen Stolpersteinen zu rechnen ist, aber: "In Modellprojekten hat sich gezeigt, dass es funktioniert."

Stand: 17.01.2016, 06:00