Streit um Borkenkäfer im Urwald

Borkenkäferbefall des Waldes

Streit um Borkenkäfer im Urwald

  • Polen lässt Teile des Urwalds in Bialowieza abholzen
  • Grund sei eine Borkenkäfer-Plage
  • Im Nationalpark Bayerischer Wald darf der Borkenkäfer dagegen leben

In Polen lässt die Regierung große Flächen des Waldes von Bialowieza abholzen - trotz Veto des Europäischen Gerichtshofs. Der Wald gilt als einer der letzten Urwälder Europas. Viele Bereiche dort seien vom Borkenkäfer und anderen Schädlingen befallen, argumentiert das polnische Umweltministerium. Umweltschützer protestieren und vermuten kommerzielle Gründe.

Ein Borkenkäfer auf einer befallenen Fichte.

Streitpunkt in Wäldern: der Borkenkäfer

Dass es auch anders gehen kann, zeigt der Nationalpark Bayerischer Wald. Dort hatte die Parkleitung vor einigen Jahren nach großem Streit entschieden, Borkenkäfer nicht zu bekämpfen.

Doch der Bayerische Wald könnte als Blaupause für den Urwald in Bialowieza dienen. Im Interview erklärt uns Franz Leibl, Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, wieso Borkenkäfer für die Natur wichtig sind.

WDR: Im Nationalpark Bayerischer Wald werden Borkenkäfer nicht bekämpft. Warum?

Leibl: Bei uns im Nationalpark gilt die Devise "Natur Natur sein lassen". Das heißt, die Wälder sollen sich nach ihrer eigenen Dynamik entwickeln, ohne dass der Mensch lenkend und manipulierend eingreift. Darum dürfen bei uns Borkenkäfer auch aktiv werden, ohne dass wir das verhindern.

WDR: Sie empfinden Borkenkäfer also nicht als Plage?

Leibl: In einem Nationalpark wie dem Bayerischen Wald, der die Zielsetzung hat, natürliche Dynamiken zuzulassen, ist der Käfer Teil des Waldsystems und der Waldnatur. Von daher dürfen Borkenkäfer auch auf größerer Fläche leben.

WDR: Vor einigen Jahren gab es bei Ihnen im Nationalpark aber auch einen großen Streit um den Borkenkäfer. Wie war das damals?

Franz Leibl, Leiter Nationalpark Bayerischer Wald

Franz Leibl ist Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald

Leibl: Von Mitte der 90er Jahre bis 2007 hatten wir einen großen Borkenkäferbefall, der mehrere tausend Hektar Fichtenwald zerstört hat. Es sind dann Stimmen laut geworden, die Borkenkäfer zu beseitigen. Das hätte bedeutet, dass wir den Urwald so behandeln wie einen Wirtschaftswald. Es bedurfte vieler Argumente und Überzeugungen um klarzumachen, dass wir in den Nationalpark nicht eingreifen dürfen - auch nicht in so einer Sondersituation.

WDR: Fühlen Sie sich heute in der Entscheidung bestätigt?

Leibl: Die Entscheidung haben wir nicht alleine getroffen. Sie wurde auch von der bayerischen Staatsregierung mitgetragen. Wir wissen heute aber, dass es die richtige Entscheidung war. Dort, wo der Borkenkäferbefall war, haben sich wieder junge vitale Fichtenwälder entwickelt.

WDR: Warum ist der Borkenkäfer denn wichtig für den Wald?

Leibl: Aus rein ökologischer Sicht und aus unserer Erfahrung heraus kann man den Borkenkäfer als großen Waldgestalter bezeichnen. Er bringt ältere Bäume zum Absterben mit der Folge, dass die Verjüngung der Natur angeregt wird. Der Käfer schafft also lichte Situationen in vorher geschlossenen Wäldern. Licht im Wald bedeutet beispielsweise, dass sich lichtliebende Arten zusätzlich ansiedeln. Auf diese Weise wird die biologische Vielfalt angereichert.

WDR: Der Wald ist grundsätzlich auch ein großer Wirtschaftsfaktor. Da stören angefressene Bäume natürlich ...

Borkenkäfer und Streichholz zum Größenvergleich

So klein ist der Borkenkäfer

Leibl: Es ist klar, dass wir die ökologische Sichtweise eines Nationalparks nicht auf Wirtschaftswälder übertragen können. Dort kann der Borkenkäfer zu einem großen Schaden führen, besonders wenn es zu einer Massenvermehrung kommt. Das ist nicht gewollt und ökologisch auch nicht sinnvoll.

WDR: Mit Ihrer Erfahrung in Bayern, wie bewerten Sie die Abholzung des Waldes in Bialowieza?

Leibl: Fachlich gesehen ist das eine fatale Entscheidung für den Urwald. In Bialowieza geht es letztlich auch um besonders wichtiges internationales Naturerbe, das zu Schaden kommt. Wenn man solche urwaldartigen Bestände dem ökonomischen Druck opfert, vergibt man etwas für die nächsten Menschengenerationen. Man schadet einem großen und hervorragenden Waldökosystem.

Das Interview führte Benjamin Esche

Stand: 04.08.2017, 06:00