Storchennachwuchs am Niederrhein

Storchennachwuchs am Niederrhein

Von Katja Goebel

In der Dingdener Heide am Niederrhein haben die Störche gerade prächtigen Nachwuchs. Vierlinge hat es dort unter anderem gegeben. Unterwegs mit dem Fotografen Hans Glader.

Störche im Nest

Der frische Storchennachwuchs 2017 in der Dingdener Heide bei Hamminkeln am Niederrhein. Rund fünf Wochen alt sind die vier Jungvögel nun und "topfit", wie Hans Glader versichert. Das Foto entstand am 31. Mai. Der Leiter der Stiftung Störche NRW kontrolliert regelmäßig mehrere Storchennester am Niederrhein.  Stets dabei – die Kamera, denn Glader ist außerdem leidenschaftlicher Naturfotograf. Seit Jahren fotografiert er seine Schützlinge rund um die Dingdener Heide.

Der frische Storchennachwuchs 2017 in der Dingdener Heide bei Hamminkeln am Niederrhein. Rund fünf Wochen alt sind die vier Jungvögel nun und "topfit", wie Hans Glader versichert. Das Foto entstand am 31. Mai. Der Leiter der Stiftung Störche NRW kontrolliert regelmäßig mehrere Storchennester am Niederrhein.  Stets dabei – die Kamera, denn Glader ist außerdem leidenschaftlicher Naturfotograf. Seit Jahren fotografiert er seine Schützlinge rund um die Dingdener Heide.

In der Dingdener Heide ziehen Störche seit 2010 jährlich ihre Jungen groß. Das Nest liegt geschützt inmitten einer großen Feuchtwiese und bietet optimale Bedingungen für die großen, seltenen Vögel. Um ständig vier hungrige Schnäbel zu stopfen, müssen sogar beide Eltern gleichzeitig auf die Jagd gehen. Mit fünf Wochen sind die Jungen groß genug, um sie allein im Nest zurückzulassen. Kleinere Küken könnten leicht Beute von Nesträubern wie Habicht oder Bussard werden.

Wie stressig die Aufzucht für die Storcheneltern ist, wird klar, wenn man bedenkt, wie groß der Appetit der Jungen ist . "Ein Altvogel braucht schon 500 bis 700 Gramm Futter am Tag", rechnet Glader vor. "Jedes Jungtier frisst nochmal bis zu 1.500 Gramm täglich. Das sind bei vier Jungen schnell sechs Kilo Futter am Tag."

Störche verfüttern am liebsten Regenwürmer an ihre noch sehr kleine Küken, denn die enthalten viel Protein. Später machen sie dann vor allem Jagd auf Mäuse oder Maulwürfe.

Auf dem Speisezettel der Störche können sogar kleine Hasen oder andere Jungvögel stehen. Hier drückte Hans Glader auf den Auslöser, als ein aufgeregter Kiebitz seine in der Nähe liegende Brut vor einem hungrigen Storch verteidigt.

Das Nest in der Dingdener Heide hatte erstmals 2008 ein einzelner männlicher Vogel bewohnt und ausgebaut. Als zwei Jahre später endlich ein Weibchen dort haltmachte, wurde er wenig später von einem Mitkonkurrenten aus dem Feld geschlagen. "Ein junges, dominantes Männchen, das erst drei Jahre alt war. Und der lachte sich dann das erst zweijährige Weibchen an." Das Erstaunliche daran: Entgegen aller Berichte aus der Literatur, zogen die eigentlich viel zu jungen Eltern erfolgreich Junge groß. Auch so eine niederrheinische Beobachtung, auf die Glader stolz ist.

Hans Glader ist nicht nur Storchenfan. Immerzu ist er mit Fernglas, Tarnzelt und Kameraausrüstung rund um die Dingdener Heide unterwegs. Mit seinem schwimmenden Zelt kann er die Tiere auch vom Wasser aus beobachten, ohne sie zu stören. Mit anderen interessierten Vogelkundlern gründete er 2014 die Stiftung Störche NRW. Seitdem setzt sich Glader zum Beispiel dafür ein, dass in der Dingdener Heide Biotope besser vernetzt werden und so wieder geeignete Lebensräume für die selten gewordenen Vögel entstehen.

Und mit einem Märchen über Störche räumt der Experte auch noch gleich auf: Die Tiere sind nicht ein Leben lang treu, wie viele vermuten. Der dominante Storch in der Dingdener Heide hat mittlerweile das junge Weibchen gegen ein älteres ausgetauscht. Woher man das weiß? Die Beringung ist heute so, dass man sie mit einem Fernglas oder einem Spektiv gut erkennen kann. So lassen sich nicht nur Rückschlüsse auf die Herkunft der Störche ziehen, sondern auch auf ihr Paarungsverhalten.

Jeder Ring trägt eine eigene Kennung aus einer Zahlen- und Buchstabenkombination. An der kann man ablesen, woher das Tier grob stammt und welche Vogelwarte zuständig war. Kein Vogel trägt die gleiche Kombination. Die Vogelwarten wiederum haben alle Ringe gelistet. So weiß man am Ende genau, wann und wo der Storch zur Welt kam und kann wichtige Rückschlüsse über seine Wanderbewegungen und Verpaarungen ziehen.

Beringt werden nur Nestlinge. Auch die Vögel am Niederrhein wurden bereits mit Ringen versehen. Eine Prozedur, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Sobald sich ein Mensch dem Nest nähert, flüchten die Altvögel. "Und die Jungen stellen sich tot", erzählt Glader. „Sie legen sich hin und rühren sich nicht mehr. Nur die Augen blinzeln."

Wer Störche studieren will, muss viel beobachten. Stundenlang ist Glader mit seiner Ausrüstung unterwegs. Er ist meistens auch der erste, der erfährt, ob es Jungvögel nicht geschafft haben. "In diesem Jahr sind schon drei Junge in einem Nest in Bocholt verhungert." Im Jahr davor seien welche bei der Schafskälte Ende Juni erfroren. Neben Beutegreifern wie dem Habicht oder Mäusebussard, sind Nässe gepaart mit anhaltende Kälte die größte Gefahr für die Brut.

Aber auch Windräder können für Störche tödlich sein. "Die Vögel sehen zwar die Masten, aber dafür die rotierenden Blätter nicht." Außerdem haben wissenschaftliche Untersuchungen laut Naturschutzbund ergeben, dass die Mehrzahl verunglückter Störche an Stromleitungen und gefährlich konstruierten Masten verendet: Mit fast 70 Prozent aller Unfälle steht der Tod an Stromtrassen an erster Stelle.

Werden sie Jungvögel langsam flügge, proben sie den richtigen Flügelschlag schon mal am Nestrand. Federn ausbreiten und heftig schlagen - das stärkt die Muskulatur und ahmt erste Startmanöver nach.

Tausende Bilder hat Glader von „seinen“  Störchen gemacht - bei Wind und Wetter. "Im Regen stehen sie dann da wie Don Quijote." Namen bekommen sie trotzdem nicht, auch wenn sie jedes Jahr wieder kommen.

Ganze 47 von insgesamt 228 Storchenpaaren in ganz NRW brüten mittlerweile am Niederrhein. Dort lebt - nach dem absoluten Hotspot in Minden-Lübbecke - die zweitgrößte Population an Weißstörchen in Nordrhein-Westfalen. Zum Vergleich: 1990 gab es nur noch drei Brutpaare in ganz NRW. Jetzt gibt es schon einzelne Paare, die sogar in NRW überwintern, statt nach Spanien oder Afrika zu ziehen.

An der Nähe zum Menschen scheinen sich die sonst scheuen Vögel nicht zu stören, wenn es um gute Nistplätze auf saftigen Feuchtwiesen geht. Hier hat sich eine Storchenfamilie in Vehlingen im Kreis Borken auf einer Kopfweise eingerichtet. Vis-a-Vis vom Schützenzelt und einem Wohnhaus. Unter den niederrheinischen Störchen sind sie die einzigen, die keine Nisthilfe von Menschen in Anspruch nehmen. Nur ein Paar gebe es noch, so erzählt Glader, das kurzerhand das Nest eines Bussards okkupiert habe.  

Ob der Storch heimisch wird, hat viel mit seinem Lebensraum zu tun. Monokultur und trockene Böden lassen ihn abwandern. In der Dingdener Heide kann man die Tiere seit 2010 von einer Aussichtsplattform aus beobachten.

Außerdem will die Stiftung künftig Exkursionen anbieten. Und auch für Vorträge über Störche kann man Hans Glader buchen.

Stand: 03.06.2017, 06:00 Uhr