Einzelgänger haben größere Gehirne - bei Spechten

Ein Buntspecht sitzt an einem Baumstamm

Einzelgänger haben größere Gehirne - bei Spechten

Lebewesen, die in sozialen Gruppen leben, haben größere Gehirne. Haben wir gedacht. Für Spechte gilt das jedoch nicht, haben jetzt schottische Forscher herausgefunden. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf andere Arten zu.

Wieso ist diese Frage denn von Interesse?

Schwarzspecht/Finnland

Schwarzspecht, Finnland

Letztlich geht es den Forschern gar nicht um die Spechte, sie wollten eine Theorie prüfen, die eher auf den Menschen gemünzt ist. Der hat ja bekanntlich ein großes Denkorgan und so ein Gehirn ist zwar nützlich aber auch aufwändig im Unterhalt. Schon wenn unsereiner nur herumliegt und tagträumt, geht ein Fünftel des Energieumsatzes in die grauen Zellen, bei konzentrierter Arbeit noch mehr.

Also wozu der Aufwand?

Schwarz-Specht (Dryocopus martius), Bayern

Schwarz-Specht, Bayern

Ursprünglich dachte man, ein großes Gehirn hilft beim Lösen praktischer Probleme. Aber ob man für einen neuen Faustkeil wirklich mehr Gehirnschmalz braucht, ist zweifelhaft. Deshalb sagt eine populäre wissenschaftliche Theorie: beim Verstand geht es gar nicht um die Erfindung der Waschmaschine oder das Aufstellen der Relativitätstheorie. Nein, das große Gehirn des Homo sapiens dient vor allem dazu, die vielen sozialen Fallstricke und Fettnäpfchen zu umgehen und sich im menschlichen Miteinander zu behaupten. Diese These vom "sozialen Gehirn" klingt plausibel, und zumindest bei den Affen scheint sie sich auch zu bestätigen. Da steigt die Größe des Gehirns auch mit der Größe der sozialen Gruppe. Man hat versucht, die sozusagen "natürliche" Gruppengröße des Menschen abzuschätzen. Das sind dann 150 Mitglieder. Aber das geht eben auf Studien an Säugetieren zurück und das Team um Richard Byrne von der Universität von St. Andrews wollte die These vom sozialen Gehirn breiter prüfen.

Wie sind sie da auf die Spechte gekommen?

Grauspecht (Picus canus), Deutschland

Grauspecht, Deutschland

Spechte sind interessant, weil sie als Gruppe eine Recht einheitliche Lebensweise haben. Sie alle leben im Wald, nutzen ihren harten Schnabel, um Höhlen in Bäume zu hämmern und um Nahrung zu finden. Auf dieser Ebene ist ein Specht wie der andere. Aber obwohl sie alle eine ähnliche ökologische Nische besetzen, haben die verschiedenen Spechtarten doch sehr unterschiedliche Formen des Zusammenlebens entwickelt. Da gibt es Arten, da sind alle Individuen Einzelgänger. Dann gibt es eben einige Spechtarten, die immer in Gruppen zusammenleben, darunter auch hoch kooperative Arten. In den USA lebt zum Beispiel der Kokardenspecht. Diese Art bevorzugt Kiefern und die Vögel hämmern gemeinsam einen Ring von Löchern in die Rinde. Da fließt dann rund um den Stamm Harz herunter und über diese Schicht können Schlangen nicht rüber gleiten. Die gemeinsame Anstrengung sichert also die Nisthöhlen. Faszinierend ist auch der Eichelspecht. Die Art legt im Herbst in den USA und in Mexiko kollektive Vorräte an. In Eichen mit dicker Rinde hacken sie kleine Locher, in die sie dann jeweils eine Eichel, eine Nuss oder auch einen Käfer stecken. Der gemeinsame Speicher kann mehrere Tausend Leckerbissen für die kalte Jahreszeit umfassen.

 Also Specht ist nicht gleich Specht, was das Sozialleben betrifft. Aber was hat das mit der Gehirngröße zu tun?

Koenigsspecht, Costa Rica

Koenigsspecht, Costa Rica

Die Forscher aus St. Andrews haben hier alte Studien zusammengetragen und auch selbst Spechtschädel in Naturkundemuseen vermessen. So konnten sie Daten zu 61 Arten bekommen. Nach der Theorie vom sozialen Gehirn hätten die sozialen Spechte die größten Schädel relativ zur Körpergröße haben müssen, denn nur in einen großen Schädel passt ja auch ein großes Hirn. Aber so war es nicht, es war genau andersherum! Die Einzelgänger- und Pärchenspechte hatten ein deutlich größeres Gehirn als Spechte, die in Gruppen leben. Also für die Spechte greift die Theorie vom sozialen Gehirn nicht.

Waren die Forscher enttäuscht?

Eine Horde Affen futtert Puffreis

Eine Horde Affen

Sie waren jedenfalls verblüfft, damit hatten sie nicht gerechnet. Wenn etwas Unerwartetes herumkommt, ist das in der Wissenschaft aber eigentlich immer gut, dann kann man neue Theorien entwickeln oder die alten zumindest erweitern. Richard Byrne kommt dabei etwas ins spekulieren. Er argumentiert: die Affen schließen sich zu Gruppen zusammen, um vor Raubtieren sicher zu sein. Der Druck zur Gruppe kommt also von außen, die einzelnen Tiere in der Gruppe konkurrieren aber miteinander. Und um hier zu bestehen, da muss man genau wissen, wer ist mein Freund, wer mein Feind, wie verändern sich die Koalitionen? Hier den Überblick zu behalten ist umso schwieriger, je größer die Gruppe ist. Und deshalb passt die Theorie vom sozialen Gehirn bei den Affen. Bei den Spechten ist die Situation anders, da liegt der Grund für das Zusammenleben in der Gruppe selbst, es geht also um Kooperation. Und da können die Tiere sogar geistige Kapazität an die Gruppe auslagern. Wenn alle wachsam sind, wenn alle vielversprechende Futterplätze suchen, dann muss der Einzelne nicht so aufmerksam sein. Und dann kann er über evolutionäre Zeiträume auch auf ein bisschen Gehirnmasse verzichten. Wer auf Teamgeist setzt kommt offenbar mit einem weniger scharfen Verstand durchs Leben, zumindest als Specht.

Klingt gut, aber sind die Spechtkollektive wirklich dümmer?

Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Viele Vögel sind zu erstaunlichen geistigen Leistungen fähig. Für die Studie wurde nur die Gehirngröße verglichen, aber niemand hat wirklich die Intelligenz der Spechte gemessen. Können sie zum Beispiel wie Rabenvögel "um die Ecke denken"?

Magellanspecht, Campephilus magellanicus, Chile

Magellanspecht, Chile

Außerdem ist das Leben im Spechtkollektiv durchaus nicht konfliktfrei. Bei den Eichelspechten gibt es vielleicht nicht so viele offene Konflikte wie in einem Pavianrudel. Aber es gibt oft Streit zwischen den Männchen über den Zugang zu den Weibchen. Wenn die dominanten, männlichen Spechte in der Brutzeit verschwinden, dann kann es über Wochen zu Auseinandersetzungen kommen. Also eine gewisse soziale Intelligenz brauchen die Spechte sicher. Aber vielleicht lässt sich die These vom Auslagern geistiger Anstrengung ins Kollektiv sogar auch auf uns Menschen anwenden: der Neandertaler hatte ein größeres Gehirn als der Homo sapiens. Vielleicht konnten unsere hypersozialen Vorfahren Denkenergie einsparen und so einen Vorteil im Kampf ums Überleben gewinnen.

Autor des Radiobeitrags ist Volkart Wildermuth.

Stand: 13.03.2017, 10:38