Forscher wollen Rothirsche vom Negativimage befreien

Forscher wollen Rothirsche vom Negativimage befreien

Von Detlef Reepen

Zum Mythos deutscher Wald gehört der Mythos Rothirsch. Fürstenhäuser und Orte tragen ihn im Wappen. Aber der Rothirsch wird nicht nur von Waldbesitzern, sondern auch einigen Naturschützern als Schädling angesehen.

Das Image unseren gößten Wildtiers zu retten war denn auch Motivation der "Deutschen Wildtierstiftung“, zu einem mehrtätigen Symposium in Baden-Baden einzuladen. Am Samstag (09.07.2016) ging es zu Ende.

Nur noch 200.000 Hirsche leben in Deutschland: im Eifler Raum, am Alpenrand, der Lüneburger Heide , Harz und Teilen Ostdeutschlands ist der Rothirsch noch flächendeckend vorhanden, Bayern und Baden-Württemberg sind sogar per Gesetz weitgehend "rotwildfreie Zonen". Dabei ist das Rotwild für den Überlebenskampf in der Natur gut gerüstet. So ist das männliche Tier mehr als 100 Kilo schwer und mit einem imposanten Brustfell und Geweih ausgestattet.

Der Rothirsch als "Waldschädling"

Waldbesitzer sehen ihn als natürlichen Feind, weil er – vor allem im Winter – junge Bäume „schält“ und die jungen Triebe abfrisst. Im Wirtschaftswald ist das ein unverzeihlicher Schaden. Wissenschaftler betonen dagegen, dass der Wald biologisch durch den Hirsch nicht in Gefahr sei. Untersuchungen haben sogar ergeben, dass die Bäume durch das „Schälen“ und das Abknabbern zarter Triebe stabiler werden, zum Beispiel mehr Wurzelwerk und Äste ausbilden. Das ist gut bei den nächsten Stürmen, deren Intensität im Zuge des Klimawandels ja zunehmen wird.

"Der Mensch hat den Hirsch zum Waldschädling gemacht", sagt Professor Sven Herzog vom Fachbereich Wildökologie und Jagdwirtschaft der TU Dresden. Am Ausmaß der Schäden sei der Mensch selbst schuld, weil die Jäger jahrzehntelang die scheuen Tiere fast nur auf den Lichtungen geschossen und sie damit auf die Fichtenstämme im dichten Forst zugetrieben haben.

Hirsche fressen gerne Gras

Röhrender Rothirsch steht auf freier Fläche

Ein Rothirsch – für viele Jäger eine begehrte Trophäe

Wenn man sie, wie auf dem riesigen Truppenübungsplatz Grafenwöhr in Bayern, auf offenen, grassreichen Äsungsflächen nicht mehr bejagt, verschonen sie die jungen Forstbäume,  berichtet Marcus Meißner vom Institut für Wildbiologie in Göttingen: "Er macht dann vor allem deshalb wenig Schäden, weil er seinen Nahrungsbedarf auf Gründlandflächen decken kann und nicht lange Zeit im Wald stehen muss, wo es im Zweifelsfall nichts anderes zu fressen gibt als Rinde." Daraus leitet Ulrich Maushake vom Bundesforstbetrieb Grafenwöhr die Forderung ab: "Äsungsflächen dürfen keine Tötungsflächen sein!"

Der Rothirsch könnte ein (Wald-)Naturschützer sein

Das Vertreiben von den Grasfflächen ist im doppelten Sinne negativ: die ständige Bejagung auf der guten Futterfläche hat den Rothirsch erst zu dem "Waldschädling" gemacht, als den die Waldbesitzer und Jäger ihn heute bekämpfen. Und er kann seine "naturschützerischen Eigenschaften" nicht mehr ausleben. Denn der Rothirsch schützt tatsächlich die Natur und trägt in seinem Lebensraum erheblich zur Artenvielfalt bei. Das hat Anya Wichelhaus von der Universität Kassel in ihrer Doktorarbeit bestätigt gefunden. Sie hat abertausende von Hirsch-Kotproben im Gelände eingesammelt, die darin enthaltenen Samen auf Erde gelegt und beobachtet: "Von 200 Arten, die in meinem Experiment gekeimt haben, sind allein 15 auf der Roten Liste verzeichnet, z.B. Arnika, Küchenschelle und andere."

Stand: 11.07.2016, 16:47