Umstrittene Studie zu Mikroplastik im Trinkwasser

Trinkwasser

Umstrittene Studie zu Mikroplastik im Trinkwasser

  • Studie zufolge ist Trinkwasser mit Mikroplastik belastet
  • USA am stärksten betroffen, Deutschland im mittleren Bereich
  • Deutsche Forscher kritisieren Methoden und zweifeln Ergebnisse an

Mikroplastik in den Meeren beschäftigt die Forscher schon länger: Die winzigen Teilchen, die aus Kleidung, Kosmetika oder Tüten stammen, werden in die Ozeane geschwemmt – mit dramatischen Folgen für die Tierwelt. Aber auch das Trinkwasser soll belastet sein. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls eine Studie über "Plastikfasern in Leitungswasser", die jetzt veröffentlicht wurde.

Wasser aus dem Trump Tower

Für die Studie von "Orb", eines gemeinnützigen Journalistennetzwerks mit Sitz in der US-Hauptstadt Washington, hatten Wissenschaftler, Freiwillige und Journalisten auf fünf Kontinenten Leitungswasser in Flaschen abgefüllt – zum Teil auch solches, das Einheimische nicht ungefiltert trinken würden. Dabei entnahmen sie unter anderem Wasser in New Delhi und im Trump Tower in New York.

Die USA und Libanon schnitten am schlechtesten ab

Mikroskopisch kleine Plastikkügelchen

Winzig klein: Mikroplastik

Um Verunreinigungen zu vermeiden, seien die Helfer einer Anleitung gefolgt, heißt es auf der Seite von "Orb". 159 Proben wurden dann im Uni-Labor auf Mikroplastik-Partikel ab einer Größe von 100 Mikrometer untersucht. Ergebnis: In 62 Prozent der Fälle seien mindestens zwei Partikel gefunden worden. Im Schnitt fanden die Wissenschaftler 4,3 Teilchen pro Liter, eine Probe wies 57 Teilchen auf.

Dabei gab es den Netzwerkern zufolge deutliche Unterschiede: 94 Prozent der amerikanischen und libanesischen Proben waren belastet, gefolgt von Indien und Quito in Ecuador. Europa – in diesem Fall Großbritannien, Deutschland und Frankreich – schnitten mit 72 Prozent besser ab. Dort lag die Teilchen-Dichte bei 3,8 pro Liter.

Wie gefährlich sind die Mikropartikel?

Weltweit seien 83 Prozent des Trinkwassers belastet. "Mikroplastik erstickt nicht nur die Ozeane", so der Schluss der Netzwerker. "Es hat auch das Trinkwasser der Welt befallen." Eine Gefahr für den Menschen, weil sie offenbar giftige Chemikalien abgeben. Teilchen, die mit dem Wasser oder über Lebensmittel aufgenommen würden, könnten die Gesundheit gefährden.

"Ja-Nein ist einfach grundfalsch"

Das sind Schlussfolgerungen, die deutsche Experten nicht teilen. Ob Mikroplastik für Menschen gefährlich sein könne, sei unklar, sagt Ingrid Chorus, Trinkwasserexpertin des Umweltbundesamtes. Das Thema sei bislang wenig erforscht. Sie ärgert sich grundsätzlich über die Auswertung: Mikroplastik gehöre nicht ins Trinkwasser, "aber wie gefährlich etwas ist, kommt immer auf die Konzentration an. Die Ja-Nein-Betrachtungsweise ist einfach grundfalsch."

Zu viele Fehlerquellen in der Studie

Viele Plastikflaschen

Mögliche Fehlerquelle in der Methodik: Plastikflaschen als Transportmittel

Auf Kritik stößt vor allem auch die Methodik - sowohl bei der Probennahme als auch im Labor. Als Transportgefäß für die Proben seien Behälter aus Polyethylen benutzt worden, merkt etwa Claus-Gerhard Bannick vom Umweltbundesamt an. "Wenn man auf Kunststoffe untersucht, sollte man nicht ein Probengefäß aus eben diesem Material verwenden." Schon beim Zuschrauben des Verschlusses könnte es zu Abschilferungen kommen, die die Probe verunreinigen.

Baumwollfasern für Mikroplastik gehalten?

Abwasserexperte Bannick hält auch das mikroskopische Messverfahren, das die US-Wissenschaftler angewendet haben, für wenig geeignet. Die "optische Detektion", also die Betrachtung nur unter dem Mikroskop, entspreche nach allgemeiner Auffassung nicht mehr dem Stand der Technik – anders als Untersuchungen mit der spektroskopischen und thermoanalytischen Verfahren, um nur zwei wesentliche Verfahrenswege zu nennen.

Tatsächlich weisen mehrere Studien darauf hin, dass es mit der "visuellen" Methode oft zu Fehlinterpretationen kommt: Baumwollfasern von den Laborkitteln etwa, die Kontaminationen eigentlich verhindern sollten, geraten unter das Mikroskop – und werden als Mikroplastik interpretiert.

Einheitliche Standards gefordert

Bannick rät dazu, das "Gesamtszenario" zu betrachten, die Situation bei der Probennahme und im Labor mitzubedenken: "Irgendwie Plastik zu finden, ist kein Problem. Aber wie ordne ich das ein?" Um Anzahl und Art der Plastikteilchen besser bestimmen zu können, sollen einheitliche und weltweit gültige chemisch-analytische Verfahren entwickelt werden.

Das Bundesforschungsministerium startet aktuell eine Vielzahl von Forschungsprojekten in diesem Bereich, das Umweltbundesamt untersützt über das Deutsche Institut für Normung (DIN) entsprechende Arbeiten. Bannick: "Wenn wir die haben, können wir viele der heutigen Funde besser einschätzen."

Stand: 07.09.2017, 17:30