Große Zweifel an Studie zu plastikfressenden Fischen

Große Zweifel an Studie zu plastikfressenden Fischen

Von Marion Kretz-Mangold

  • "Science" zieht umstrittenen Artikel zurück
  • Studie hatte behauptet: Mikropartikel schädigen Fischlarven
  • Immer wieder Fälschungen im Wissenschaftsbetrieb

Forscher der Universität Uppsala hatten im Sommer 2016 verkündet, Mikropartikel würden Fischlarven massiv schädigen. Sie hätten beobachtet, dass die Jungtiere ihr normales Futter für die Plastikstückchen liegen lassen. Außerdem würden sie durch das Plastik leichter Beute von Fressfeinden, weil das Plastik ihren natürlichen Fluchtinstinkt beeinträchtige.

Tödliche Gefahr im Meer

Ein Junghecht schwimmt unter Mikroplastikpartikeln hindurch.

Da lauert der Fressfeind

Die Studie, die in der renommierten Fachzeitschrift "Science" und auch im WDR beschrieben wurde, passte ins Bild: Mikroplastik, so warnen Experten, ist eine tödliche Gefahr für alle Tiere, die in und am Meer leben. Mehr als 1.300 Arten sind bedroht, so das Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven, darunter Krebse, Wale, Eissturmvögel und der Kabeljau. Dass Fische massenhaft am Plastikmüll sterben, ehe sie überhaupt ausgewachsen sind, war neu.

Frühe Zweifel bei den Kollegen

Es gab allerdings schon sehr früh Zweifel an den Ergebnissen: Kollegen des Forscherteams meldeten zum Beispiel, dass an viel weniger Aquarien gearbeitet wurde als behauptet. Eine Expertengruppe forschte nach - und empfahl "Science", den Artikel offiziell zurückzuziehen. Die Forscher waren damit einverstanden.

Die Gutachter waren stutzig geworden, weil die Schweden nicht nachvollziehbar erklären konnten, wie die Experimente abliefen. Sie hatten auch keine Daten, mit denen sie ihre Ergebnisse belegen konnten. Angeblich wurde der Laptop gestohlen, und die Datensicherung an der Uni habe nicht funktioniert.

Begutachtet und veröffentlicht

Solche Daten werden vor einer Veröffentlichung immer öfter von den Wissenschaftlern eingefordert oder zumindest eingelagert. "Das ist fast schon Standard", so Melanie Bergmann, Tiefseebiologin am AWI, die selbst oft in Fachzeitschriften publiziert. Die Ergebnisse werden von Gutachtern geprüft und dann erst zur Veröffentlichung empfohlen - oder auch nicht. Warum die Studie erscheinen konnte, ist also nicht klar.

Ein Rückschlag für die Wissenschaft?

Hat die Wissenschaft vom Mikroplastik also einen Rückschlag erlitten? Nein, sagt Biologin Bergmann, die selbst zum Thema forscht. "Die Beweislast ist einfach zu groß. Wir selbst haben Daten aus 1.000 Studien zusammengefasst, und ich kann mir nicht vorstellen, dass da alle Autoren gelogen haben."

Forscher unter Druck

Die Gutachter der Uni Uppsala hatten ihre Untersuchungen noch nicht abgeschlossen, als die Studie zurückgezogen wurde. Da war also noch nicht klar, ob die Forscher schlampig gearbeitet oder bewusst gefälscht haben. Fest steht, dass immer wieder Fälschungen publik werden.

"Wissenschaftler sind einem hohen Druck ausgesetzt, man muss viel produzieren und dann in möglichst renommierten Zeitungen veröffentlichen", erklärt Biologin Bergmann. "Da ist der Druck vielleicht so groß, dass sie mit falschen Daten arbeiten." Für die Kollegen ist es trotzdem fatal: "Man rechnet einfach damit, dass die Daten stimmen, mit denen man arbeitet. Das hat uns schon betroffen gemacht."

Stand: 18.05.2017, 17:53