Meerwasseraquarien: Kompliziert und teuer

Meerwasseraquarien: Kompliziert und teuer

Von Brigitte Osterath

Der Film "Findet Dorie" hat in den USA nicht nur die Kinokassen klingeln lassen, sondern auch die der Aquarienhändler. Die Nachfrage nach dem strahlend blauen Paletten-Doktorfisch - also der echten "Dorie" - hat zugenommen. Naturschützer sind alarmiert.

"Dorie" schwimmt nun auch in Deutschland über die Leinwand: Das freundliche, aber vergessliche Doktorfischmädchen macht sich auf die Suche nach seinen Eltern. Marius Tünte vom Deutschen Tierschutzbund sieht dem Film mit unguten Gefühlen entgegen. Nach dem ersten Film "Findet Nemo" war die Nachfrage nach hübschen, orangen Clownsfischen gestiegen. Viele Händler warben bewusst damit und "es wurde suggeriert, diese Tiere sind leicht zu halten".

Meerwasserfische schwierig zu halten

 Clownfisch im Meerwasser-Aquarium

Der beliebte Clownfisch gehört zu den Riffbarschen

Dem ist allerdings nicht so: Alle Meerwasserfische brauchen extrem viel Pflege. Viele Aquarienbesitzer waren damals offensichtlich überfordert, sagt Tünte. Tiere wurden dann entweder sich selbst überlassen oder abgegeben. Einige landeten sogar in der Toilette, später tot in der Kläranlage: "Es gab damals immer wieder Rückmeldung von Stadtwerken, wo diese Tiere gefunden wurden." Tierschützer wie Tünte hoffen, dass nach "Findet Dorie" nicht erneut ein Ansturm auf Meerwasseraquarien einsetzt.

Auch erfahrene Aquarianer raten vom überstürzten Kauf von Meerwasseraquarien ab. Günter Hein, Tierschutzbeauftragter beim Verein für Aquarien-, Terrarien- und Naturkunde Bayer Leverkusen, erklärt warum: Sie seien wesentlich komplizierter und teurer, als der Laie zunächst denkt. Die gesamte Technik ist nicht preiswert: Abschäumer, starke Pumpen, kräftige Beleuchtung. Zudem muss das Wasser laufend kontrolliert werden, man braucht also Messgeräte. Das Salzwasser wird nicht ausgetauscht und muss entsprechend gut sauber gehalten werden: "Nur dann kann man die Fische optimal halten."

Fischfang mit Cyanid

Naturschutzorganisationen wie der WWF weisen auf eine andere Problematik hin: Über 90 Prozent der Meerwasserfische in den Aquarienshops sind Wildfänge, meist aus Südostasien. Sie werden mit fragwürdigen Mitteln gefangen. Günter Hein erklärt, wie: "Wer mal getaucht hat, der weiß: Man kann einen Fisch unter Wasser kaum fangen - selbst im Schwarm nicht. Man muss also an einer Stelle ein Narkosemittel einstreuen." Dieses Narkosemittel ist aber Cyanid, also überaus giftiges Zyankali. In sehr geringen Dosen macht es Fische bewusstlos. Aber viel zu leicht geht dabei etwas schief - und alle Lebewesen im Korallenriff sterben. Der WWF warnt, dass die Cyanidfischerei einer der Gründe ist für das massive Sterben an den Riffen.

Zucht in Gefangenschaft kompliziert

Trotzdem läuft das Geschäft weiter. Der Grund: Viele Meerwasserfische lassen sich in Gefangenschaft nicht vermehren - ihre Bedürfnisse sind zu kompliziert. Beispiel "Dorie": Die Eier des wunderschönen, blau-gelben Paletten-Doktorfischs sind winzig. Daraus schlüpfen winzige, unterentwickelte Larven, erklärt Matthew DiMaggio von der Universität Florida, der die Fischart erforscht: "Wenn sie endlich so weit sind, dass sie essen, sind sie noch immer kleiner als zwei Millimeter. Was füttert man so einem winzigen Fisch? Die Kleinen sind ganz schön pingelig, was das Essen angeht." Die Fischlarven überleben nur, wenn der Züchter ihnen genau das richtige Futter anbietet. Bei den Dories sind das Bestandteile von Plankton, weniger als ein Millimeter groß. "Sie fressen lediglich Ruderfußkrebse, haben wir herausgefunden. Aber Ruderfußkrebse zu züchten ist ein Problem, denn die wiederum fressen nur lebende Mikroalgen. Wir mussten also die Algen züchten, um sie an die Ruderfußkrebse zu verfüttern, so dass wir dann damit die Fischlarven füttern konnten."

Zweimal schon haben DiMaggio und sein Team den Palettendoktorfisch im Labor vermehrt - und waren damit die allerersten, die das geschafft haben. Bis ihre Dories in die Läden kommen, wird es trotzdem noch Jahre dauern. Bis dahin sind weiterhin alle Palettendoktorfische im Aquarienshop Wildfänge - so wie bei vielen anderen Meeresfischarten.

Alternative Süßwasseraquarium

Wer nach dem Film "Findet Dorie" dennoch mit einem Aquarium liebäugelt, dem empfehlen Natur- und Tierschutzorganisationen ein Süßwasseraquarium. Zwar sind auch zehn Prozent der Süßwasserfische Wildfänge. Das ist aber nicht immer etwas Negatives, sagt der WWF. Einige Amazonas-Arten beispielsweise etwa werden von der lokalen Bevölkerung gefangen - wenn der Handel gut gemanagt ist, verdienen die Anwohner damit Geld und bekommen einen Anreiz, ihr Flusssystem sauber und artenreich zu halten. Allerdings: Auch Süßwasseraquarien kosten Geld und machen viel Arbeit.  

Stand: 29.09.2016, 13:44