Besuch am Libellen-Hotspot

Libelle im Flug

Besuch am Libellen-Hotspot

Von Katja Goebel

  • Viele Libellenarten sind stark bedroht
  • Der Grund: Ihr Lebensraum schrumpft
  • In versteckten Oasen gibt es bis zu 46 Arten

Ganz unscheinbar ist der kleine Feldweg mitten in der Zülpicher Börde. Ein Maisacker rechts, ein Bächlein links. Dann geht es mit Libellenforscher Heinz-Willi Wünsch noch einmal um die Ecke und der erste Kandidat schießt heran. "Ein großer Blaupfeil", kommentiert der Kenner.

Teich in einer Blumenwiese

Beliebter Wohnraum für Libellen

Plötzlich steht man mitten auf einer Blumenwiese, in der es nur so brummt. Hier, zwischen Klee und Knabenkraut, ist auch das Jagdrevier der Feuerlibelle. Im roten Kleid rauscht sie heran, bleibt kurz auf einem Stängel sitzen und fliegt schon wieder los. Das kleine Areal mit ein paar Tümpeln ist der Libellen-Hotspot der Region. "46 Arten sind hier dokumentiert", erklärt Wünsch. Und damit das so bleibt, muss der verwunschene Ort geheim bleiben.

Warten, gucken, abdrücken

Mann im Schilf

Hobby-Libellenforscher Heinz-Willi Wünsch

Libellenfachmann Wünsch, Mitglied der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen, ist mindestens einmal in der Woche hier. Liegt auf der Lauer für den besten Schuss. Der Mann hat nicht nur enormes Wissen über die Tiere angehäuft, er hat auch eine Engelsgeduld. "Ich bin ein guter Beobachter." Drei gute Gründe dafür, warum der 59-jährige Bergheimer schon alle Libellenarten Deutschlands vor der Kameralinse hatte. Spektakuläre Aufnahmen sind ihm hier gelungen. Fachblätter, Wissenschaftler und Universitäten reißen sich um seine Fotos. Also, mal näher ran an den Hotspot.

Libellen hautnah

Wer mit einem Libellen-Experten auf Exkursion geht, taucht schnell in den Mikrokosmus der Insekten ein. Eine Fotostrecke.

Libellen bei der Paarung

Sie halten den Rekord beim Liebesakt: Bis zu sieben Stunden hängen Weibchen und Männchen der Pechlibelle im Paarungsrad aneinander. Nur eine von rund 60.000 Fotodokumentationen des Hobby-Libellenforschers Heinz-Willi Wünsch aus Bergheim. Er hat nicht nur alle 79 Libellenarten in Deutschland fotografiert, er sammelt riesige Datensätze über Verbreitung und Verhalten der Tiere.

Sie halten den Rekord beim Liebesakt: Bis zu sieben Stunden hängen Weibchen und Männchen der Pechlibelle im Paarungsrad aneinander. Nur eine von rund 60.000 Fotodokumentationen des Hobby-Libellenforschers Heinz-Willi Wünsch aus Bergheim. Er hat nicht nur alle 79 Libellenarten in Deutschland fotografiert, er sammelt riesige Datensätze über Verbreitung und Verhalten der Tiere.

Der 59-Jährige hat es sich seit fast einem Jahrzehnt zur Aufgabe gemacht, alle Libellenarten Deutschlands abzulichten. Heraus gekommen sind dabei Aufnahmen, die Seltenheitswert haben. Fachzeitschriften, Universitäten und Wissenschaftler greifen gerne auf das Archiv des Libellenliebhabers und Fotografen zurück. Wünsch kennt viele Ecken in NRW, wo man noch ungestört Libellen beobachten kann. Doch der Lebensraum der Libelle schrumpft.

"Arten, die an stillen Gewässern leben, brauchen zum Beispiel sauberes, flaches Wasser, viel Sonne und ein großes Nahrungsangebot. Ein großes Problem ist die Überdüngung der Agrarflächen. Toxische Substanzen landen im Grundwasser und kommen an anderer Stelle wieder hoch. Gewässer können schnell umkippen." Auch würden immer mehr Flächen trocken gelegt. "Moorspezialisten unter den Libellen findet man nur noch an wenigen Stellen."

Wer mit Wünsch auf Exkursion geht, bekommt etwas geboten. Unterwegs an einem Teich in der Zülpicher Börde, fängt der Libellenliebhaber mit gekonntem Kescherschwung eine echte Rarität. Die Gabel-Azurjungfer gehört zu den seltensten Arten in Deutschland - doch Wünsch weiß, wo man sie sogar in Nordrhein-Westfalen noch finden kann.

Nur ein paar Meter weiter sitzt das Männchen einer Vierfleck-Libelle auf seinem Aussichtsposten. Mit seinen Facettenaugen aus 30.000 Einzelaugen hat er einen Blickwinkel von 280 Grad und kann auf 20 Meter Entfernung alles sehen, was an ihm vorbei fliegt und was sich hinter ihm befindet. Er wartet aber auf ein Weibchen, doch die Konkurrenz ist groß. Um sich dennoch paaren zu können, haben Libellen eine ausgeklügelte Technik entwickelt, die erst seit wenigen Jahren bekannt ist. Bei der Paarung kann das männliche Tier zunächst die weibliche Eikammer leer räumen, falls dieses sich vorher schon einmal verpaart hat. "Er entfernt Eier und Spermien vom Vorgänger, um bloß seine eigenen Gene zu sichern", erklärt Wünsch.

Kurze Zeit später lässt sich eine große Königslibelle zur Eiablage nieder. Dazu sticht sie einen Ast an und bohrt mit ihrem Legestachel ein Loch hinein.

Heinz-Willi Wünsch ist auch oft in der Nacht an Gewässern unterwegs. Um diesen Schlupf dieser Königslibelle zu dokumentieren, stand der 59-Jährige über vier Stunden im Wasser. Langsam nur schält sich das erwachsene Tier aus der Larvenhülle. Bis zu einer Stunde hängt es dann Kopf über, um Kraft für den letzten Akt zu sammeln.

Wer der großen Königslibelle zu nahe kommt, läuft Gefahr verspeist zu werden. Hier hat eine Königslibelle sich das Weibchen einer Feuerlibelle geschnappt. In ihrer Not presst das Opfer noch ihre letzten Eier aus dem Hinterleib, bevor es gefressen wird. Auch so ein Foto, auf den Libellenfan Wünsch stolz ist.

Es gibt Libellenarten, die aus Angst vor Fressfeinden nur im Kollektiv zur Eiablage ans Wasser kommen - so wie diese Azurjungfern.

Um den besten Aussichtspunkt zu haben, suchen sich die Tiere auch manchmal den Forscher selbst aus. Hier hat es sich eine grüne Flussjungfer auf dem Haupthaar gemütlich gemacht.

Vier Flecken und eine Blitzpaarung

Schon am Uferrand beginnt die opulente Schau. Drama, Liebe, Kampf und kollektive Verteidigung auf wenigen Quadratmetern. Eine Vierflecklibelle hat gerade ihren Ausguck bezogen. Mit ihren Facettenaugen scannt sie die Umgebung im Panoramablick. Feind und Freund, Rivalen und Weibchen fliegen hier im Sekundentakt vorbei.

Plötzlich hebt Vierfleck ab und heftet sich an ein anderes Tier. Im Doppel geht es kurz über das Wasser. Dann ist der Spuk wieder vorbei. "Das war die Paarung", sagt Wünsch. "Geht bei Vierfleck ganz schnell." Andere Libellenarten hängen bis zu sieben Stunden aneinander. Wenig später sieht man ein Weibchen über die Wasserfläche hüpfen. Sie taucht blitzschnell den Hinterleib ein und hebt wieder ab. Immer wieder. "Vierfleck bei der Eiablage", erklärt der Fachmann.

Imperator auf Brautschau

Verletze Libelle

Kampfspuren: Libelle mit Kopfverletzung

Plötzlich lautes Knistern und Brummen in der Luft. Zwei große Königslibellen im Kampf um ein Weibchen. Im Lateinischen heißt die große Königslibelle "Anax Imperator". "Und so benimmt sie sich auch." Diese Riesen am Teich sind hungrige Herrscher. Keiner sollte sich ihnen in den Weg stellen. Wer es doch tut, läuft Gefahr verspeist zu werden. Kämpfe zwischen Rivalen sind brutal und enden manchmal tödlich. Jetzt hat der Imperator ein Weibchen erspäht. Sturzflug. Doch sie antwortet ihm mit gekrümmtem Hinterleib. Ein Zeichen dafür, dass sie an einer Paarung nicht interessiert ist. Sie sucht vielmehr eine günstige Stelle zur Eiablage. Das Männchen versteht und schwirrt ab.

Rarität im Streifenkleid

Libelle

Seltenheit in Deutschland: Die Gabel-Azurjungfer

Es geht weiter über die Blumenwiese. Schmetterlinge, Bienen, Hummeln und Heuschrecken, kleine Fliegen. Es schwirrt und surrt. "Achtung", ruft Wünsch und zückt den Kescher. Zack. Was gefangen? "Ja, eine echte Seltenheit." Zwischen zwei Fingern klemmen die Flügel einer Gabel-Azurjungfer. Eine der seltensten Arten in Deutschland. "Um so eine nochmal zu finden, müsste man 1.500 Kilometer gen Süden fahren", sagt Wünsch.

Und weil der Mann aus Bergheim so eine gute Spürnase hat, soll er vielleicht schon bald ins nördliche Skandinavien reisen, um dort die seltene Sibirische Smaragdlibelle zu finden. Sicher ist das aber noch nicht. "Das wäre natürlich ein Meisterstück. Aber Finnland ist verdammt groß."

Stand: 18.06.2017, 06:00