Libellen: Geheimnisvolle Flugakrobaten

Libellen: Geheimnisvolle Flugakrobaten

Von Katja Goebel

Sie heißen Binsenjungfer oder Schilfjäger und fliegen besser als Helikopter. Schon als Larven jagen Libellen mit tödlichem Werkzeug, um sich später in Herzform zu paaren. Ihr Sehsinn ist sensationell und ihr Stachel nur zum Eierlegen da.

Libelle auf einer Blüte

Beginnen wir mit einem Mythos: Einst erzählte man sich, dass Stiche einer Libelle sogar ein Pferd erlegen können. Auch die volkstümlichen Namen, die man der Libelle verpasst hat, sind meist zum Fürchten. Von "Augenbohrer", „Schlangenstecher" und "Teufelsnadel" ist da die Rede. "Das ist natürlich Quatsch", sagt Libellenexperte Willi Wünsch, Mitglied der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen (Libellenforscher Anm. d. Red). "Libellen haben zwar einen Stachel, aber mit dem legen sie nur Eier."

Beginnen wir mit einem Mythos: Einst erzählte man sich, dass Stiche einer Libelle sogar ein Pferd erlegen können. Auch die volkstümlichen Namen, die man der Libelle verpasst hat, sind meist zum Fürchten. Von "Augenbohrer", „Schlangenstecher" und "Teufelsnadel" ist da die Rede. "Das ist natürlich Quatsch", sagt Libellenexperte Willi Wünsch, Mitglied der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen (Libellenforscher Anm. d. Red). "Libellen haben zwar einen Stachel, aber mit dem legen sie nur Eier."

Wahrscheinlich habe man damals einfach die Stiche von Bremsen irrtümlich mit Libellen in Verbindung gebracht, da sich sie Tiere auch gerne auf feuchten Weiden aufhalten. "Der Irrglaube, dass Libellen für Menschen gefährlich sind und stechen, ist aber heute leider auch noch weit verbreitet. Ich selbst bekomme ständig Anfragen dazu." Und so kommt es vor, das Willi Wünsch - beispielsweise bei Rettungsaktionen von verflogenen Libellen in Einkaufsläden - von den umstehenden Leuten glatt für verrückt erklärt wird.

Ein Libellenleben beginnt im Wasser. Dazu muss das Weibchen zunächst Eier ablegen. Libellen benutzen dazu zwei Strategien: Manche Libellenarten bohren Löcher in die Stängel von Wasserpflanzen oder Holz. Dazu benutzen die Tiere - wie die Herbst-Mosaikjungfer im Bild - ihren Legestachel.

Die Gemeine Weidenjungfer ist die einzige Libellenart, die ihre Eier in weiches Weidenholz sticht. Das Foto zeigt eine Eiablage im Kollektiv. Andere Libellenarten legen ihre Eier in kleinen Paketen in Ufernähe ab oder lassen sie einfach ins Wasser gleiten - wie die Kleinen Königslibellen. In Tandemformation sitzt das Paar dazu am Wasser. "Auf diese Weise geht das Männchen sicher, dass nur seine Gene vererbt werden", erklärt Wünsch.

Aus den Eiern schlüpfen bald Larven, die je nach Art unterschiedlich lang im Wasser leben - von wenigen Monaten bis zu mehreren Jahren. Die Larven machen Jagd auf Beutetiere wie Mückenlarven. Dazu benutzen sie einen Fanghaken, der sich in Millisekunden in die Beute schlägt. Am Ende ihres Hinterleibs hat sie auch noch eine Art Harpune, die sie in Beutetiere schlagen kann. "Unvorstellbar, wie gefräßig diese Larven sind", erzählt Wünsch. "Ich habe mal in einer Zinkbadewanne ein Mini Biotop mit sechs Libellenlarven angelegt. Die fraßen pro Woche 500 Kaulquappen". Großlibellenlarven können aber auch über 100 Mückenlarven am Tag vertilgen.

Aus der Larve ist eine prächtige Libelle geworden, die nun als wahrer Flugkünstler über die Landschaft schwebt. Laut Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) erreichen einige Libellenarten Fluggeschwindigkeiten von bis zu 50 Stundenkilometern, steigen auf 2.000 Meter Flughöhe auf oder überqueren den Atlantik. Da sie ihre Vorder- und Hinterflügel getrennt voneinander steuern können, verfügen sie über eine unglaubliche Manövrierfähigkeit: Sie können in der Luft "stehen" und sogar rückwärts fliegen. Ingenieure haben das Flugprinzip des Hubschraubers bei den Libellen abgeschaut. "Man hat es aber bis heute nicht geschafft, diese raffinierte Technik der Natur wirklich zu kopieren", so Wünsch.

Die Zweifleck Falkenlibelle (Foto) gehört zu Wünschs Lieblingslibellen. "Sie ist die wildeste, schnellste und eine der seltensten Libellen Deutschlands. Sie beschleunigt von null auf 50 Stundenkilometer in 0,2 Sekunden, mit 30 Flügelschlägen pro Sekunde." Überhaupt brauche es sehr viel Geduld, die Tiere zu beobachten. "Das sind Fluchttiere, die schnell Reißaus nehmen. Sind sie in Panik und man versucht sie zu fangen, können sie zwar beißen, aber das tut nicht weh. Es ist eher ein Zwicken."

Die großen Facettenaugen der Libelle bestehen aus bis zu 40.000 Einzelaugen. Sie ragen über die Körperbreite hinaus und können etwa 250 Bilder in der Sekunde auflösen. "Wenn sie Ihre Sehkraft um 170 Mal verstärken, dann haben sie den Blick einer Libelle", so Wünsch. "Und außerdem haben die Tiere einen Rundumblick von 270 Grad."

Wünsch ist Hobbyentomologe - Insektenforscher - und nimmt sich viel Zeit für seine Leidenschaft. Stundenlang harrt er in Gummistiefeln aus, um die scheuen Tiere vor seine Kameralinse zu bekommen. "Ich bin gerade erst von einer 21-Stunden-Tour zurückgekommen." Alle deutschen Libellenarten hat der Bergheimer fotografiert. Sein Archiv umfasst mittlerweile 60.000 Bilder. Und dabei hat er sogar eine Art abgelichtet, die längst als ausgestorben galt: "Die Nordische Moosjungfer wurde das letzte Mal 1925 gesichtet. Ich habe sie 2008 fotografiert." Das Foto zeigt eines der seltenen Exemplare. Durch diese Aufnahme wurde auch zum ersten Mal eine Universität auf den Insektenkundler aufmerksam.

Die Größte unter den in Europa heimischen Libellen ist die Große Königslibelle, mit wissenschaftlichem Namen "Anax Imperator". Sie kann eine Flügelspannweite von elf Zentimetern erreichen. Ihr Körper wird bis zu neun Zentimeter lang und ist dabei mit 1,1 Gramm federleicht. "Die sind im Leichtbauprinzip konstruiert", sagt Wünsch. "Da hatten sie ja auch mehrere hundert Millionen Jahre Zeit für." Sie frisst auch gerne mal andere Libellen. Das Foto zeigt eine Große Königslibelle, die gerade eine Feuerlibelle verspeist.

In Deutschland gibt es insgesamt 79 Libellenarten. Der Population geht es schlecht. "Über 60 Prozent der Arten sind gefährdet." Um auf die Bedrohung aufmerksam zu machen küren der BUND und die Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen seit 2011 die Libelle des Jahres. Mit der Feuerlibelle (Foto) wählten sie damals erstmals eine Art, die sich durch den Klimawandel vom Mittelmeerraum immer weiter Richtung Norden ausbreitet. Zur Libelle 2016 wurde übrigens die grün-metallisch glänzende "Gemeine Binsenjungfer" gewählt.

An Gewässern halten sich Libellen nur auf, wenn sie geschlechtsreif sind. Und so sind sie auch in unseren Gärten zu finden, um hier auf Beutefang - auch auf Käfer und Mücken zu gehen. Sie legen beim Flug kilometerlange Strecken zurück und kämpfen - je nach Art - auch schon einmal untereinander unerbittlich um ein Revier. Verfliegt sie sich doch einmal in die Wohnung, sollte man keine Scheu haben, das Tier behutsam - zum Beispiel mit einem größeren Gefäß - einzufangen und wieder in die Freiheit zu entlassen.

Libellen sind schnelle und geschickte Jäger. Sie fangen ihre Beute im Flug und ernähren sich in erster Linie von anderen Fluginsekten. Sie erbeuten die Tiere mit ihren Beinen, die wie ein Fangkorb aufgehalten werden. Die Beute wird dann festgehalten und zu den Mundwerkzeugen geführt. Libellen sind dabei nicht auf bestimmte Beutetiere spezialisiert – sie fressen Insekten aller Art, von Mücken über Fliegen, kleinen Schmetterlinge bis hin zu anderen Libellen. Manchmal erbeuten Libellen auch sitzende Insekten wie Blattläuse.

Doch auch Libellen müssen sich hüten. Als Larve im Wasser sind sie vor allem für Fische und Frösche ein nahrhafter Happen. Auch beim Schlüpfen zum erwachsenen Tier sind sie hilflos. Das nutzen Räuber. Das Bild zeigt den Überfall einer Wolfsspinne auf eine Falkenlibelle beim Schlupf.

Erwachsene Tiere verfangen sich häufig in Spinnennetzen. Die grüne Mosaikjungfer auf dem Foto wird gerade fachmännisch von einer Wespenspinne bearbeitet.

Und auch Vögel machen Jagd auf Libellen. Dieser Falke hat das große Insekt im Flug überwältigt.

Akrobatische Paarung: Das Libellenweibchen biegt sich bei der Paarung nach vorne und berührt mit seiner Geschlechtsöffnung den Samenbehälter des Männchens. Dabei bilden die beiden Libellen das sogenannte "Paarungsrad".

Diese herzförmige Figur wird im französischen etwas romantischer als "Coeur d'Amour" (Herz der Liebe) bezeichnet.

Das Leben als Fluginsekt währt allerdings nicht allzu lange. "Es gibt Kleinlibellen, die leben nur acht Tage. Eine Großlibelle kann schon acht bis zehn Wochen leben. Und als Methusalem unter den Libellen gelten die Arten, die überwintern. Sie bringen es damit auf 14 Monate."

Stand: 02.09.2016, 06:00 Uhr