Was der Klimawandel für Landwirte bedeutet

Ein Mähdrescher erntet Weizen auf einem Feld

Was der Klimawandel für Landwirte bedeutet

  • Landwirte müssen sich auf Klimawandel einstellen
  • Komplexe Wetteränderungen machen Planung schwierig
  • Gespräch mit Bernhard Rüb, Landwirtschaftskammer NRW

"Der Klimawandel kommt nicht, der ist schon da": Die Landwirte in NRW machen sich da nichts vor. Für sie sind die ständigen Wetterkapriolen eine ganz besondere Herausforderung - die sie Existenz kosten kann. Ein Gespräch mit Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, die viele Bauern berät.

WDR.de: Herr Rüb, in Niedersachsen stehen ganze Getreidefelder unter Wasser. Das sind Bilder, die Ihnen vermutlich bekannt vorkommen.

Ein überschwemmtes Feld

Land unter am Niederrhein

Bernhard Rüb: O ja, im vergangenen Jahr hatten wir am Niederrhein massive Niederschläge in kürzester Zeit und auf großer Fläche. Da standen einige Hundert Hektar unter Wasser.

WDR.de: War das ein Ausreißer?

Rüb: Nein, solche Regenmassen gab es früher auch schon, aber es passiert jetzt öfter. Es wird auch immer wärmer. Vor 30 Jahren hatten wir kaum Temperaturen über 30 Grad, selbst in der Köln-Aachener-Bucht nicht, die eigentlich die wärmste Region in NRW ist. Jetzt haben wir dort 36 Grad und mehr, das ist nicht einfach warm, das ist Weinbauklima auf dem Weizenfeld.

WDR.de: Was bedeutet das für den Weizen?

Nasses Weizenfeld nach Regen

Zu nass für die Ernte

Rüb: Stress. Wenn die Sonne tagelang auf ein Feld strahlt, der Boden sich aufheizt und es keine Abkühlung gibt, dann herrschen in Höhe der Ähren 40 Grad und mehr. Dann streikt die Pflanze und wird notreif, obwohl sie noch gar nicht so weit ist. Oder sie bekommt zu wenig Wasser, da bleiben die Körner klein. Jetzt gerade haben wir aber eher zuviel Wasser. Die Wintergerste haben wir etwas früher geerntet, die hat nicht so gelitten, aber wir haben schon massive Verluste erlitten.

WDR.de: Ist das im ganzen Land so?

Rüb: Das ist schwer zu sagen. Die lokalen Unterschiede sind sehr groß. Auf einer Stelle regnet es gleich drei Mal, auf der anderen gar nicht. Aber ich habe gerade nachgefragt: Sogar in Ost-Westfalen ist die Ernte nicht gut.

WDR.de: Wenn die Landwirte sagen, dass der Klimawandel schon da ist – wie gehen sie damit um?

Bernhard Rüb, Sprecher der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen

Bernhard Rüb

Rüb: Eigentlich könnten sie schnell reagieren. Getreide oder Kartoffeln müssen jedes Jahr neu ausgesät werden, da kann der Landwirt jedes Jahr aufs Neue gucken, was auf dem Markt ist. Wir züchten seit 100 Jahren, und es gibt es sehr viele verschiedene Sorten. Allein beim Weizen sind es 40, die hier angebaut werden. Da setzt sich in den Versuchen immer die Sorte durch, die am besten mit dem Wetter klargekommen ist.

WDR.de: Dann ist das doch kein Problem.

Rüb: Doch, weil wir beim Züchten nicht planen können. 2012 hatten wir zum Beispiel plötzlich Frost, das erste Mal nach 20 Jahren. Das waren Frostschäden auf 60.000 Hektar Getreide. Seitdem wissen wir, dass Frost immer drin ist.

WDR.de: Andererseits wird es immer wärmer.

Kartoffelernte auf dem Feld.

Kartoffelzucht: Eine Wissenschaft für sich

Rüb: Ja, aber wir bekommen hier nicht das Wetter wie in Südfrankreich. Die Klimazonen verschieben sich nicht einfach eins zu eins nach Norden, und das Wetter ändert sich sehr komplex. Das macht die Planung auch so schwierig. Wenn wir wüssten, dass wir jedes Jahr wochenlang minus 20 Grad hätten, würden wir eine Kartoffel mit kanadischen Genen züchten. Aber so macht das keinen Sinn. Genauso wenig, wie eine nordafrikanische Weizensorte anzubauen.

WDR.de: Also kann der Landwirt nichts tun?

Rüb: Bei den Kartoffeln schon. Die kann er beregnen lassen, das lohnt sich, wenn der Regen ausbleibt. Dafür muss er zwar eine Menge Geld in die Hand nehmen, aber das ist eine gute Investition. Das hat sich auch geändert: Vor zehn, fünfzehn Jahren sind die Beregnungsfirmen reihenweise pleite gegangen, weil man sie nicht brauchte.

WDR.de: Was ist mit Obst und Wein?

Rüb: Das ist noch schwieriger, weil man da langfristig entscheiden muss. Wenn jemand heute einen Weinberg mit einer bestimmten Rebsorte oder eine Obstplantage anlegt, muss er sich überlegen, wie das Wetter in zwanzig Jahren wird. Da braucht er andere Sorten, die mit der Hitze fertig werden.

WDR.de: Gegen Frost in der Blütezeit und Hagel sind die aber auch nicht gewappnet.

Obstbäume werden mit Wasser benebelt

Mit Wasser gegen den Frost

Rüb: Stimmt, wenn die Blüte einmal erfroren ist, ist es vorbei. Aber die Bäume können in Frostnächten auch beregnet werden. Das klingt paradox, aber Eis gibt beim Erstarren Wärme ab, die verhindert, dass die Blüte erfriert. Gegen den Hagel werden immer mehr Schutznetze aufgespannt, das haben sich die Landwirte von den Südtiroler Kollegen abgeschaut. Vorher haben sie sich immer ein bisschen lustig gemacht, weil sie das übertrieben fanden.

WDR.de: Wenn die Landwirte sich ständig anpassen müssen – was ist eigentlich mit den alten Bauernregeln? Passen die überhaupt noch?

Rüb: Die Bauern brauchen keine Bauernregeln, die brauchen Sorten, die mit dem veränderten Klima klarkommen, und eine entsprechende Bodenbearbeitung. Abgesehen davon: Viele Sprüche sind zwar ein Ergebnis der Erfahrung, und sie halfen in den Zeiten, als die meisten Bauern nicht lesen und schreiben konnten und so ihr Wissen weitergaben. Aber da  war auch sehr vieles Aberglauben.

Das Interview führte Marion Kretz-Mangold

Stand: 29.07.2017, 06:00