Frühe Trennung von Kalb und Kuh – alternativlos?

Kuh Conny mit ihrem Kalb

Frühe Trennung von Kalb und Kuh – alternativlos?

Von Alexandra Hostert

  • Milchkühe werden meist schnell von ihren Kälbchen getrennt
  • Tierschützer kritisieren die frühe Isolierung als unnatürlich
  • Forscher suchen nach Wegen für eine sanftere Trennung

Ein Leben ohne Mutterkuh, ohne gegenseitiges Beschnuppern oder Nuckeln am Euter der Mutter: So wachsen Kälbchen in den meisten Milchviehbetrieben in Deutschland auf. Genaue Statistiken, wann Kälber und Mutterkuh durchschnittlich getrennt werden, fehlen. Doch die Praxis zeigt, dass die Jungen sehr häufig schon nach wenigen Stunden oder am Tag nach der Geburt von der Mutter getrennt werden.

Verbraucher lehnen frühe Trennung ab

Eine Bindung von Mutterkuh und Kälbchen kann so nicht entstehen, kritisieren Tierschützer. Auch viele Verbraucher stehen der frühen Trennung von Mutterkuh und Kalb kritisch gegenüber, zeigt eine Studie der Universität Göttingen und der University of British Columbia: 39 Prozent der Befragten befürworteten eine spätere Trennung, nur 18 Prozent sprachen sich für eine sehr frühe Trennung aus.

Furcht vor höheren Kosten

Veterinärmedizinerin Dr. Susanne Plattes von der Universität Bonn erklärt die Gründe für die frühe Trennung so: "Die Ställe, die Melkstände, die Abläufe: Alles ist darauf ausgelegt, dass die Kuh alleine ist. Wenn man das ändert, verursacht das Kosten. Und es ist eine logistische Herausforderung und auch ein Risiko, das viele Bauern scheuen."

Ein Glas Milch wird in einem Stall vor eine Milchkuh gehalten.

Bauern brauchen genug Milch zum Verkauf, deshalb trennen sie Kuh und Kalb

Denn wenn Hochleistungskühe und ihre Kälbchen zusammenleben, kann das Krankheiten bei Kuh und Kälbchen fördern. Zudem sinkt der Gewinn, wenn die Kälber lange am Euter der Mutter trinken und der Bauer so weniger Milch verkaufen kann.

Am Anfang weniger schmerzvoll

Forscher konnten außerdem bereits in den 90er Jahren zeigen, dass die Tiere im Moment der Trennung weniger leiden, wenn diese schnell nach der Geburt passiert. Haben Kuh und Kälbchen noch Tage oder Wochen Zeit, sich aneinander zu gewöhnen, kann die Trennung sie später noch stärker belasten. Wissenschaftler konnten das durch Verhaltensbeobachtungen und Messungen des Stresshormons Cortisol belegen.

Fehlende Vorbilder und chronischer Stress

Rot-bunte Kälber

Viele Kälber wachsen ohne Kontakt zu ausgewachsenen Kühen auf

Doch generell zeigt die Forschung Nachteile, wenn Kälbchen ohne Mutterkuh aufwachsen: Studien geben Hinweise, dass Kälbchen ohne ihre Mutter unter einer chronischen Stressbelastung leiden. Auch ihr Verhalten ändert sich: "Die Kälber lernen den Umgang mit ausgewachsenen Kühen nicht und können die Signale anderer Kühe später nicht richtig deuten", erklärt Kerstin Barth vom Thünen-Institut für Ökologischen Landbau in Westerau (Kreis Stormarn, Schleswig-Holstein).

Teilzeit-Mütter können Lösung sein

Deshalb suchen Wissenschaftler und Landwirte heute nach Wegen, wie Kälbchen länger bei ihren Müttern bleiben können. Das Thünen-Institut erprobt bei der "muttergebundenen Kälberaufzucht", Kälbchen zumindest über Nacht oder für einige Stunden am Tag bei ihren Müttern zu lassen.

Andere Betriebe setzen auf Ammenkühe, die zwei bis drei Kälber säugen oder auf eine Kombination der Aufzucht durch die Mutter und durch Ammenkühe. Wie genau diese Verfahren langfristig auf Kälbchen und Kuh wirken, muss aber noch erforscht werden.

Stand: 25.09.2017, 12:00