Insektizidhersteller rettet Insekten

Hans-Dietrich Reckhaus, Inhaber Firma Reckhaus

Insektizidhersteller rettet Insekten

Von Doro Werkman

  • Bielefelder Konferenz zur Erhaltung von Insekten
  • Mitveranstalter ist Insektizidhersteller  
  • Siegel soll für Ausgleichsflächen sorgen

Das Überleben von Insekten war Thema einer Konferenz am Donnerstag (09.11.2017) in Bielefeld. Teilnehmer waren Vertreter vom Umweltministerium NRW, dem Naturschutzbund und Unternehmen. Veranstalter war ausgerechnet ein Hersteller von Insektiziden für den Hausgebrauch, gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung.

Das ist für die Stiftung kein Widerspruch: Den Insektizidhersteller Hans-Dietrich Reckhaus hat sie sogar mit dem Preis "Mein gutes Beispiel" ausgezeichnet - für sein Siegel "Insect Respect".  

"Insect Respect" - Tiere töten und retten

Ausgleichsfläche für vernichtete Insekten auf dem Dach der Firma Reckhaus

Das Siegel "Insect Respect" findet sich ausgerechnet auf Mitteln, die Insekten töten. Was zunächst wie ein zynischer Witz klingt, ist ernst gemeint. Zunächst werden in Produkten, auf denen das Siegel prangt, keine Giftstoffe verwendet, sondern natürliche Lockstoffe.

Außerdem entsteht für alle getöteten Insekten neuer Lebensraum an einem anderem Ort - mit neuen Grünflächen.

Wie groß eine Ausgleichsfläche sein muss, wird anhand einer komplexen Formel errechnet. Dazu wird unter anderem bestimmt, wie viel Gewicht an Insekten anfällt, die durch ein bestimmtes "Insect Respect"-Produkt innerhalb eines Jahres getötet werden. Die Biomasse, die durch das Mittel wegfällt, soll auf den Grünflächen wieder reingeholt werden - durch neue Insekten, die sich dort voraussichtlich ansiedeln.

Ausgleichsfläche (frisch angelegt) für vernichtete Insekten auf dem Dach der Firma Reckhaus

Eine frisch angelegte Ausgleichsfläche für Insekten

Bisher wurden rund 1.000 Quadratmeter Grünfläche geschaffen - auf vier Dächern von Reckhaus' Firma. Sie sollen nicht nur die Insekten wiedergutmachen, die schon getötet wurden - sondern auch die, denen der Tod noch bevorsteht.

Logo "Insect Respect" des Insektizidherstellers Reckhaus

Das Siegel für den Insektenschutz der Firma Reckhaus

Ein Unternehmen, das auf naturwissenschaftliche Gutachten und ökologische Baubegleitung spezialisiert ist, hat die komplizierte Formel für die Ausgleichsflächen erarbeitet. Stephan Brenneisen von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) beurteilt das Modell als "nachvollziehbar und schlüssig". Allerdings: Unter einer ständigen externen Kontrolle steht das Siegel nicht. Und von einer unabhängigen Stelle zertifiziert ist es auch nicht.

Insektenrettung noch Nischenprodukt

Bisher gibt es nur wenige Produkte mit dem Siegel "Insect Respect": Vier Modelle von Motten- und Fliegenfallen von Unternehmer Reckhaus gehören dazu. Gegen eine Lizenzgebühr stellt Reckhaus das Siegel auch anderen Firmen zur Verfügung, für deren Produkte dann wiederum Ausgleichsflächen geschaffen werden. Bisher hat aber nur die Drogeriemarktkette dm davon Gebrauch gemacht - bei drei Produkten der Eigenmarke.

Insektenbekämpfer wird zum Retter

Hans-Dietrich Reckhaus polarisiert. Sechs Jahre, sagt er, sei sein Sinneswandel her. "Damals wollte ich zwei Künstler aus der Schweiz eigentlich nur mit einer Marketingidee für meine Insektizide beauftragen. Die fanden das gar nicht gut und predigten mir stattdessen vom Wert der Insekten - zum Glück! Vorher habe ich mich nie mit dem Thema auseinandergesetzt."

Sein Geld verdient Reckhaus aber weiter mit Insektiziden für den Hausgebrauch: Zwei Drittel vom Umsatz seiner Firma entfallen auf Insektenbekämpfung ohne Kompensation, fast der ganze Rest auf Lufterfrischer.

Der Widerspruch seiner Firmenphilosophie lässt sich also nicht ganz auflösen. Auf die Nachfrage vom WDR, wie er damit umgeht, antwortet Reckhaus: "Für mich ist das kein Widerspruch, für mich ist das gerade folgerichtig, weil ja meine Produkte Insekten töten."

Kritiker führen an, dass ein paar Grünflächen längst nicht das Problem vom massenhaften Insektensterben lösen. Bundesweit ist die Biomasse an Fluginsekten in knapp 30 Jahren um 75 Prozent zurückgegangen.

Keine Revolution - aber ein Fortschritt

Ein Insekt krabbelt über einen toten Baumstamm

Ausgleichsflächen ziehen Insekten an

Dennoch: Auch von unerwarteter Seite kommt Lob. Werner Schulze vom NABU wurde von Reckhaus eingeladen, um die erste Ausgleichsfläche auf einem Dach am Firmensitz in Bielefeld zu bewerten. "Zuerst dachte ich an einen Publicity Gag! Fragte mich, ob das ein Spinner ist, dieser Reckhaus. Inzwischen muss ich sagen: Ich finde sein Engagement sehr beachtenswert", sagt Schulze dem WDR.

Über mehrere Monate haben er und Experten analysiert, wie viele Insekten sich auf der Grünfläche ansiedeln. Sie stellten fest: Es ist ein stabiles Ökosystem, mehrere Käferarten von der Roten Liste und seltene Schneckenarten haben sich dort niedergelassen.

Auch Christoph Scherber vom Institut für Landschaftsökologie an der Universität Münster bezeichnet die Idee als "lobenswert". "Allerdings", schränkt Scherber ein, "darf der Verbraucher nicht vergessen, dass es sich bei dem Unternehmen, das das Siegel vertreibt, immer noch um einen Insektizidhersteller handelt."

Mit der Initiative für Ausgleichsflächen hat Reckhaus nach eigenen Angaben bisher keine Gewinne erzielt.  

Stand: 09.11.2017, 07:38