Darf ein Hund heute noch Hund sein?  

Ein Hund wird gefönt

Darf ein Hund heute noch Hund sein?  

Von Patrizia Grohm

  • Die Liebe zum Hund kann sehr merkwürdige Blüten treiben
  • Pinklackierte Krallen, Fernsehprogramm für Hunde und Hundeyoga
  • Wann wird der Hund zu viel gehätschelt, was ist noch artgerecht?

Noch vor fünfzig Jahren lebte der Hund angekettet am Hof und musste sich sein Dasein als Wachhund verdienen. Heute schläft er in Herrchens Bett, bekommt Premiumfutter in Lebensmittelqualität, zwischendurch gibt’s ein Hundeeis, im Fernseher läuft das Hundeprogramm und einmal die Woche geht’s zur Krallenkosmetik oder Hundeyoga. Was bedeutet das für den Hund?

Krallenkosmetik und Dog-TV

Thomas Riepe, niedergelassener Tierpsychologe in Anröchte, betrachtet einen Besuch bei der Krallenkosmetik oder Hundefriseur als harmlos. "Ob die Krallen pink und blau lackiert sind und welche Frisur er trägt, ist dem Hund völlig egal. Dog-TV, ein Fernsehprogramm für Hunde, das grüne Wiesen mit Schmetterlingen zeigt und einer vorbeihuschenden Maus, sind zwar völliger Blödsinn, schaden dem Hund aber nicht", sagt der Tierpsychologe.

Hund im sportlichen Wettkampf

Hunde-Slalom

Sportkämpfe sind Stress für den Hund

Viel schlimmer sei es, dass der Hund von seinem Halter nicht selten als sportlicher Wettkämpfer missbraucht und zu Turnieren geschleppt werde. Das sei nicht artgerecht und tierschutzwidrig, sagt Riepe. „Pokale interessieren den Hund nicht- hier geht es nur um die Bedürfnisse des Halters. Um seinen Ehrgeiz und Stolz.“

Agility-Kurse, in welchen Geschicklichkeit und Geschwindigkeit geschult werden, seien reiner Stress für den Hund - genauso wie Hundeyoga. "Der Hund ist ein Lebewesen, das am liebsten nur rumliegt. Wenn wir frei lebende Hunde beobachten, ruhen sie 15 bis 20 Stunden am Tag um glücklich zu sein. Warum dürfen sie das nicht bei ihrem Halter?"

Tierquälerei ohne Absicht

Hansjoachim Hackbarth von der Tierärztlichen Hochschule Hannover stellt fest: "Die meiste Tierquälerei in Deutschland passiert nicht in Versuchslabors oder der Landwirtschaft. Sie passiert in der privaten Tierhaltung. Weil Leute ihre Tiere halten ohne die geringste Ahnung von Tieren zu haben." Dabei ginge es nicht um eine Misshandlung der Hunde, indem sie bewusst gequält werden- vielmehr leiden sie unter übertriebener Zuwendung und Liebe ihrer Halter.

Der Grund fürs Verhätscheln

In Befragungen der Universität Bonn erklärten 35 Prozent der Hundehalter ihr Tier zu ihrem wichtigsten Sozialpartner - wohlgemerkt nicht nur Singles. Der Vierbeiner hat sich also vom Haus- und Hofbewacher zum vollwertigen Mitglied der Familie entwickelt– nicht selten sogar zum Ersatz für das eigene Kinder oder den Partner.

Zuwendung und Liebe ist purer Egoismus

Ein Dackel schleckt ein Hundeeis

Hundeeis für den Liebling

Die Forscher der Universität Bonn erklären das so: Sozialpartner Hund habe zwei Vorteile. Erstens: Er wehre sich nicht. In keiner zwischenmenschlichen Beziehung können Männer und Frauen so uneingeschränkt ihren Willen und ihre Interessen ausleben wie mit einem Hund. Zweitens: Der Hund könne nicht sprechen. Man könne ihm also unterstellen, dass er das Herrchen liebt und sich über alles freut, was er mit ihm macht.

Wenn der Hund sprechen könnte

Tierschutz-Experte Hackbart und Tierpsychologe Riepe sind sich einig: Der Hund dürfe schon lange nicht mehr Hund sein. "Wenn er sprechen könnte, würde er zu seinem Herrchen sagen: Ich will die Welt nicht erobern - also entspann Dich mal und lass mich endlich in Ruhe!", so Riepe.

Stand: 11.04.2017, 06:00