Fliegen - nervige Superhelden

Fliegen - nervige Superhelden

Von Katja Goebel

Mit den warmen Temperaturen kommen die Fliegen wieder zu uns. Fliegen nerven und auf Essen sind sie eklig. Dabei sind sie echte Superhelden: Flugakrobaten, Kletterprofis und berühmt für ihren Sehsinn.

Hausfliege

Stubenfliegen, Wadenstecher, Goldfliegen oder Essigfliegen - etwa 10.000 Fliegenarten sind allein in Mitteleuropa bekannt. Bei Wissenschaftlern sind Fliegen längst ein beliebtes Forschungsobjekt. Das liegt auch an ihren besonderen Fähigkeiten. "Mich fasziniert, dass Insekten mit einem unglaublich kleinen Nervensystem so große Leistungen vollbringen", sagt der Neurobiologe Alexander Borst vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in München, der seit Jahren erfolgreich an Fliegen forscht. "Fliegen sind in verschiedenen Disziplinen schon Weltmeister."

Stubenfliegen, Wadenstecher, Goldfliegen oder Essigfliegen - etwa 10.000 Fliegenarten sind allein in Mitteleuropa bekannt. Bei Wissenschaftlern sind Fliegen längst ein beliebtes Forschungsobjekt. Das liegt auch an ihren besonderen Fähigkeiten. "Mich fasziniert, dass Insekten mit einem unglaublich kleinen Nervensystem so große Leistungen vollbringen", sagt der Neurobiologe Alexander Borst vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in München, der seit Jahren erfolgreich an Fliegen forscht. "Fliegen sind in verschiedenen Disziplinen schon Weltmeister."

Vermehrungsspezialist: Eine gewöhnliche Stubenfliege kann bis zu 500 Eier ablegen. Nur wenige Tage braucht es dann, bis aus dem Ei eine Larve geschlüpft ist, sich verpuppt und zur erwachsenen Fliege geworden ist. Allerdings - das Tierchen lebt auch nur zwei bis vier Wochen.

360-Grad-Blick: Der Sehsinn einer Fliege ist geradezu sensationell. Wer schon einmal versucht hat, eine Fliege zu fangen, weiß, wie schwer das ist. Die Tiere reagieren in Bruchteilen von Sekunden. Ihre Facettenaugen, die das Tier kugelförmig am Kopf trägt, ermöglichen nicht nur einen Rundumblick, sie kann auch viel mehr Bilder pro Sekunde verarbeiten als das menschliche Auge.

Reaktionswunder: "Die Leitungsbahn vom Auge bis zum Beinmuskel ist viel kürzer als beim Menschen. Deshalb hat die Fliege so unglaublich kurze Reaktionszeiten", so Neurobiologe Alexander Borst. Sie reagiert extrem schnell auf Gefahr und startet ihr Fluchtmanöver blitzschnell in die richtige Richtung. Scharf sehen kann die Fliege allerdings nicht besonders gut. "Ihre Bildauflösung ist miserabel. Der Mensch hat nur eine Linse und dahinter die Netzhaut, die Millionen Bildpunkte sieht. Eine Fruchtfliege hat mit 750 Facetten pro Facette nur einen Bildpunkt - also nur 750 Pixel pro Bild."

Doping in Eigenproduktion: Das schnelle Reaktionsvermögen zeigt die Fliege nicht nur in Ruheposition, sondern auch bei hoher Geschwindigkeit. "Wir haben in den letzten Jahren herausgefunden, dass durch die Flugaktivität ein Hormon ausgeschüttet wird." Dieses Hormon bewirke, dass der Reiz in den Nervenbahnen noch schneller verarbeitet wird.

Flugkünstler: "Sensoren" an den Beinen dienen der Fliege als Schalter zum Starten oder Abschalten der Flugmuskulatur. Beim Start springt die Fliege einfach hoch und wirft damit ihren Muskelmotor an, und nach der Landung wird der Antrieb automatisch abgeschaltet.

Luftakrobat: Schwebfliegen zum Beispiel manövrieren durch die Luft wie kleine Hubschrauber. Sie können in der Luft stehen bleiben, dann blitzschnell zu einer wilden Verfolgungsjagd aufbrechen, um dann wieder zum selben Ausgangspunkt zurückzukehren.

Kletterprofi: Fliegen sind Profis, wenn es ums Klettern geht. Winzige Widerhaken an ihren Füßen sorgen dafür. Damit sie auch auf glatten Untergründen Halt finden, produzieren sie eine Flüssigkeit, die über die Härchen abgesondert wird. Das funktioniert in etwa so, als wäre Wasser zwischen zwei Glasscheiben. Die bekommt man auch so leicht nicht auseinander. So kann die Fliege mühelos auch kopfüber an Fensterscheiben herunterlaufen.

Superriecher: Man kennt das - kaum liegt im Sommer in der Küche ein reifes, aufgeschnittenes Obststück, sind kurze Zeit später auch schon die Fruchtfliegen zur Stelle. Fliegen haben feine Geruchssensoren, die auf bestimmte Stoffe spezialisiert sind - zum Beispiel auf solche, die bei der Gärung von Obst entstehen. Die Weibchen brauchen das weiche Obst, um dort ihre Eier abzulegen. Die Larven können sich dann in aller Ruhe durch den Obstbrei futtern. "Das wissen auch die Männchen und treffen dann die Weibchen in der Mensa", so Borst.

Liebling der Forscher: Die Fruchtfliege ist seit über 100 Jahren beliebtes Versuchstier bei Forschern. Sie lässt sich leicht züchten und ihr Erbgut lässt sich gut manipulieren. "Man kann sie kreuzen und hat zwei Wochen später schon ein Ergebnis", so Alexander Borst. Schon Wissenschaftler um 1920 forschten an der Fruchtfliege. Generationen von Schülern kennen sie aus dem Biologiebuch, wenn es um Vererbungslehre geht.

Versuchstier: Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts untersuchen an Fruchtfliegen unter anderem Alterungsprozesse, Demenzerkrankungen und grundlegende Abläufe im Gehirn. So können die Forscher beispielsweise ein Gen in die Fliege einbringen, das dazu führt, dass in der Nervenzelle ein fluoreszierendes Protein gebildet wird. "Das ermöglicht uns dann die Aktivität dieser Nervenzelle optisch zu erfassen", erklärt der Hirnforscher Borst. Man könne Nervenzellen aus dem Schaltkreis entfernen und schauen, welche Auswirkung das hat. "Wir wollen wissen, wie der Schaltplan der Nervenzellen funktioniert."

Aasfresser: Fliegen naschen nicht nur an Süßem, sondern auch an Mist, Kot und Kadavern.

Gerichtshelfer: Fliegen sind nützlich. So dienen sie beispielsweise der Gerichtsmedizin. Haben sich Fliegen auf einem Leichnam niedergelassen, können Mediziner anhand der Fliegen-Entwicklungsphasen den Todeszeitpunkt ziemlich genau bestimmen.

Meister der Tarnung: Fliegen täuschen und tricksen auch. Gutes Beispiel ist die Schwebfliege. Sie kommt im Tarnkleid einer Wespe daher - ist aber völlig harmlos.

Erfolgreicher Einwanderer: Die Asiatische Kirschessigfliege (Drosophila Suzukii) plagt seit 2011 die Landwirte in Deutschland. Sie legt ihre Eier vorzugsweise in noch unreife Trauben und Beeren. Laut NRW-Umweltministerium sorgte der asiatische Einwanderer im Jahr 2014 landesweit für einen geschätzten Schaden von 3,3 Millionen.

Fleischiger Happen: Auch wenn manche Menschen sich fragen, wofür eine Fliege überhaupt gut ist - als fette Beute ist sie bei vielen Tieren und fleischfressenden Pflanzen jedenfalls extrem beliebt.

Tod vor der Glasscheibe: Doch irgendwann verlassen auch einen Superhelden wie die Fliege die Kräfte. So enden viele tot auf der Fensterbank, obwohl nur ein paar Meter weiter der Weg zur Freiheit offen steht. Warum versagt der Spürsinn dort? "Die Fliege strebt wie viele Tiere immer zum Licht" erklärt Wissenschaftler Alexander Borst. Auch von Menschen, die im Eis einbrechen, kenne man einen ähnlichen Reflex. "Der Reflex zu atmen ist so stark, dass Menschen eher versuchen nach oben durch die Eisdecke zu stoßen und dabei ertrinken, statt ein paar Meter weiter nach einem Loch zu suchen."

Stand: 22.05.2017, 06:00 Uhr