Wie erdbebengefährdet ist Deutschland?

Ausschlag des Seismographen mit Angabe der Erdbebenstärke

Wie erdbebengefährdet ist Deutschland?

Erdbeben kennen wir aus fernen Ländern wie Chile, Neuseeland oder auch Italien. Wie gefährdet sind wir in Deutschland? Ein Gespräch mit Prof. Dr. Klaus Hinzen, Leiter der Erdbebenstation Bensberg.

WDR: Welche Aufgabe hat die Erdbebenstation in Bensberg?

Klaus Hinzen bei der Erdbeben-Messung

Klaus Hinzen bei der Erdbeben-Messung

Prof. Klaus Hinzen: Die Erdbebenstation geht zurück auf ein Erdbeben in Euskirchen im Jahr 1951. Dieses Beben hat damals einige Schäden angerichtet. Zu der Zeit gab es aber keine funktionierende Messstation in der Region. Daraufhin wurde die Erdbebenstation ins Leben gerufen. Mittlerweile betreuen wir ein Netzwerk aus rund 40 Messstationen im Rheinland. So erhalten wir ein detailliertes Bild über die Erdbewegungen in der Region.

Die Seismologie kann aber noch viel mehr, als nur Erdbeben zu untersuchen. Die meisten, die sich heute mit Seismologie beschäftigen, sind auf der Suche nach Bodenschätzen, die nur mit Hilfe der Seismologie zu finden sind. Ohne Seismologie hätten wir kein Benzin und kein Gas.

WDR: Gibt es denn überhaupt Erdbeben in Deutschland?

Hinzen: In Deutschland bebt es, ja! Und nicht nur manchmal, sondern beinahe täglich. Es gibt Mikrobeben, wie wir sagen: kleinste Erdbeben, die quasi täglich in Deutschland stattfinden. Diese Beben sind aber so klein, dass sie kaum jemand mitbekommt, außer den Seismologen. Aber ein Beben kann durchaus so stark sein, dass man es spürt und es sogar zu Gebäudeschäden führen kann.

WDR: Wie entstehen diese Beben?

Hinzen: Deutschland liegt nicht an einem aktiven Plattenrand. Unsere nächstgelegenen Plattenränder haben wir im Mittelmeerraum und im Atlantik. Europa wird nun zwischen diesen Grenzen gestaucht und gedehnt. Das führt dazu, dass entlang einer Zone, die sich vom Mittelmeer durch das Rheintal bis zur Nordsee erstreckt der europäische Kontinent auseinander gezerrt wird.

Erdbeben-Messung

Alle Beben in der Region werden in Bensberg erfasst

Dieses Zerren geht schon seit einigen Millionen Jahren und ist der Grund dafür, dass sich die niederrheinische Bucht gebildet hat. Hier sinkt die Erde ab. Das sind Bewegungen von durchschnittlich einem zehntel Millimeter im Jahr. Das heißt aber, dass es manchmal auch größere Bewegungen gibt und so können Beben bis zu einer Stärke von sechs auf der Momenten-Magnituden-Skala entstehen.

WDR: Ein solches Beben wäre vergleichbar mit denen in Italien. In Deutschland sollen Baunormen dafür sorgen, dass Gebäude vor einem Einsturz bewahrt werden. Reichen diese Normen aus?

Hinzen: Entscheidungsträgern in Deutschland muss bewusst werden, dass es zu schadenverursachenden Erdbeben kommen kann. Ich habe oft den Eindruck, dass ihnen das oft nicht bekannt ist. Starke Erdbeben sind zwar ein seltenes Phänomen. Unsere Baunormen decken die wirklich starken Beben aber nicht ab. Wir Seismologen können nur warnen, aber wir können der Gesellschaft nicht die Entscheidung abnehmen, welches Sicherheitsniveau nun vorherrschen muss.

Die Fragen stellte Sebastian Funk.

Stand: 08.03.2017, 06:00