Unsere Flüsse sollen renaturiert werden - aber wie?

Blaues Band

Unsere Flüsse sollen renaturiert werden - aber wie?

Von Marion Kretz-Mangold

  • Diskussion um "Blaues Band"-Programm
  • Bundesprogramm soll Fluss-Renaturierung vorantreiben
  • Weserschleifen als Modellprojekt
  • Naturschutzbund beriet dazu am Donnerstag (16.02.2017)

Neue Naturräume, einzigartige Flusslandschaften: Mit dem Bundesprogramm "Blaues Band", das die Bundesregierung Anfang Februar offiziell beschloss, sollen deutsche Flüsse so weit wie möglich wieder in den ursprünglichen Zustand zurück versetzt werden. Denn die großen und kleinen Ströme haben schwer darunter gelitten, dass sie nicht mehr als Naturräume gesehen wurden, sondern in erster Linie als "Wasserstraßen" für den Güterverkehr.

Die 7.300 Kilometer langen Flüsse, die die großen Seehäfen im Norden und die wichtigsten Seehäfen miteinander verbinden, wurden vielfach ausgebaggert, ihr Lauf begradigt und ihr Wasser gestaut.

Damit veränderte sich aber auch die Landschaft am Ufer: Kleine Fluss-Nebenrinnen mit ruhig fließendem Wasser verschwanden, Fische konnten nicht mehr laichen, Vögel fanden weniger zu fressen. Außerdem standen ganze Regionen immer öfter unter Wasser, weil die Flüsse kaum noch Ausweichmöglichkeit hatten.

EU-Vorgaben noch lange nicht erreicht

Eisvogel

Schwere Zeiten für den Eisvogel

Die meisten Arten und Lebensräume sind in einem schlechten Erhaltungszustand, befand denn auch eine Studie des Bundes. Viele stünden sogar auf der Roten Liste. Damit ist die Regierung weit davon entfernt, den Vorgaben des europäischen Umweltrechts nachzukommen: Fast alle Bundeswasserstraßen, heißt es in der Studie, erreichen nicht den guten ökologischen Zustand, den die Mitgliedsstaaten bis 2027 vorweisen müssen.

Weserschleifen als Versuchsobjekt

Mit dem Bundesprogramm soll wieder über den begradigten Fluss hinaus gedacht werden, Ufer wieder aufgelockert und Auenlandschaften geschaffen werden, in denen Tiere und Pflanzen wieder eine Heimat finden.

Skizze des Windheimer Marsches

So soll die Windheimer Marsch aussehen

Vor allem Nebenwasserstraßen auf einer Länge von insgesamt 2.800 Kilometern, auf denen es kaum noch oder keinen Güterverkehr gibt, sollen so renaturiert werden. In NRW ist das zum Beispiel die Weser mit ihren Schleifen, darunter die Windheimer Marsch. Sie werden im Programm als eines von zwei Modellprojekten ausgewiesen, die vor dem offiziellen Start des Programms 2020 durchgeplant werden sollen.

Aber auch große Wasserstraßen wie der Rhein, auf dem auch in Zukunft viele Güterschiffe unterwegs sind, sollen zumindest stellenweise profitieren - mit "ökologischen Trittsteinen", einer Art kleine Schutzregion zwischen großen Schutzgebieten.

Vorläufer am Niederrhein

Blaues Band

Baggerarbeiten bei Bislich

Die Idee ist nicht neu und wird bereits am Niederrhein umgesetzt. Dort betreut der NaBu zwei Projekte, die mit EU-Mitteln gefördert werden. In der Reeser Rheinaue bei Bislich zum Beispiel wird eine Nebenstromrinne wiederhergestellt, die Verbindung zwischen Strom und Aue geschaffen - und damit Steinbeißer und Uferschnepfe wieder eine Heimat gegeben.

Ausflugstipp: Kanufahren auf der Weser

Naturschutz contra Freizeitgestaltung?

Allerdings tut sich die zuständige Wasserschutzverwaltung schwer mit den "Trittsteinen", sagt Projektleiter Klaus Markgraf-Maué: "Sie sehen das Programm eher bei den Nebenwasserstraßen, da müssen wir noch viel Überzeugungsarbeit leisten." Auch sonst sieht der NaBu, der das Programm eigentlich als Chance sieht, noch viel Abstimmungsbedarf. Gewässerreferentin Julia Mußbach: "Es gibt noch zu viele rechtliche Lücken." Außerdem sei unklar, welche Folgen das Programm für die Freizeitnutzung habe: "Die Angler und die Tourismusverbände machen sich große Sorgen."

Viele Interessen im Widerstreit

Die Zuständigkeiten sind noch nicht endgültig geklärt, die Finanzierung, die vom Bund getragen wird, wurde bisher auch nur grob berechnet. Die Modellprojekte erhalten fünf Millionen Euro. Aber würde alles, was vordringlich wäre, auch umgesetzt, müssten in den nächsten 30 Jahren 3,5 Milliarden Euro investiert werden. "Nicht realistisch", heißt es dazu im Programm - auch "angesichts der vielfältigen Nutzungsinteressen an Wasserstraßen". Das heißt: Es gibt viele Interessen, die unter einen Hut gebracht werden müssen.

Stand: 16.02.2017, 16:18