Ein ganz besonderes Rauschen stirbt aus

Tragbares Kofferradio

Das Ende der Mittelwelle

Ein ganz besonderes Rauschen stirbt aus

Von Matti Hesse

Ende 2015 geht ein Stück Rundfunkgeschichte zu Ende. Dann haben alle ARD-Anstalten ihre Mittelwellensender abgestellt. Dabei hatte einst mit der Mittelwelle das Rundfunkzeitalter in Deutschland begonnen. Jetzt verschwindet ein ganz besonderes Rauschen.

Am 29. Oktober 1923 fällt der Startschuss für die erste öffentliche Radiosendung in Berlin. Gesendet wird auf Mittelwelle, dem ältesten analogen Übertragungsweg. Mit ihr beginnt das Radio-Zeitalter in Deutschland.

Achtung, Achtung!

"Achtung, Achtung, hier ist die Sendestelle Berlin im Vox-Haus auf Welle 400 Meter. Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tage der Unterhaltungsrundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos-telefonischem Wege beginnt." (Hörfunk-Sprecher am 29.10.1923)

Das Radio erobert die Wohnzimmer

Von Berlin aus breitet sich das Radiofieber in der Weimarer Republik aus. In immer mehr Wohnzimmern hören die Menschen gespannt zu. Ein Jahr nach dem Start sind schon über 500.000 Radiohörer angemeldet. Im Westen Deutschlands geht es im Oktober 1924 los, als die Westdeutsche Funkstunde AG ihren Betrieb aufnimmt. Im von den Alliierten besetzten Rheinland und Ruhrgebiet ist der Betrieb von Rundfunkanlagen damals verboten. Um auch die Menschen dort zu versorgen, wird der günstig gelegene Hordtberg in Velbert-Langenberg zum Standort für einen neuen Sender. 1927 nimmt der Sender Langenberg seinen Betrieb auf. Von dort wurde das Mittelwellensignal gesendet – bis zu diesem Jahr.

Dank "Raumwelle" bis ans andere Ende der Welt senden

Die Mittelwelle bezeichnet den Bereich von 100 bis 1000 Metern Wellenlänge. Damit ist der Abstand zwischen den Wellenbergen gemeint, der viel größer ist als bei der modernen Ultrakurzwelle ist. Diese Wellenlänge wurde erst später beherrschbar. Die Funksignale können sich bei der "alten" Mittelwelle viel weiter ausbreiten als bei den UKW-Sendern, weil sie etwa von Gebäuden und anderen Hindernissen schwächer abgebremst werden, ähnlich wie große im Vergleich zu kleinen Wasserwellen. So lässt sich mit weniger Mittelwellenfunkmasten das gleiche Gebiet versorgen. Tagsüber erreicht das Signal auch Radios in 300 Kilometern Entfernung. Doch wirklich spannend wird es mit Einbruch der Dunkelheit: Neben der Bodenwelle geht das Signal auch als Raumwelle in den Himmel. Nachts wird diese von bestimmten Schichten der Atmosphäre reflektiert und zurück zur Erde geschickt – der sogenannten Ionosphäre.

Ein Mann und eine Frau bretrachten auf einer Dachterasse um 1925 ein Kofferradio

Das Kofferradio mit eingebauter Spiralantenne, USA um 1925

Wer früher ins Ausland gereist ist, hat oft einen alten Weltempfänger mitgenommen und abends so lange gekurbelt, bis das Rauschen aufhörte und der Sender aus der Heimat zu hören war – wenn Technik und Wetter mitgespielt haben. Die Raumwelle macht es möglich. Mit etwas Glück kann das Signal tausende Kilometer überbrücken. Am besten klappt das in klaren, kalten Winternächten.

Fluch und Segen zugleich

Doch wenn das Wetter nicht mitspielt, dann gibt es nicht nur am Ende der Welt keinen Empfang vom Heimatsender, sondern bei Gewitter auch in der Nähe nicht. Und auch sonst: Rauschen, Knacksen, Piepsen gehört zur Mittelwelle dazu. Die Wellenlänge ist Fluch und Segen zugleich. Zum Beispiel kann sich das Mittelwellensignal selbst auslöschen, wenn die beiden Wellenarten leicht zeitverzögert das Radiogerät erreichen. Vor allem aber sind viele elektrische Geräte wie Computer oder vorbeifahrende Straßenbahnen Störquellen im gleichen Frequenzbereich. Sie beeinträchtigen den Empfang zusätzlich. Da müssen Mittelwellen-Liebhaber zum Empfang auch schon einmal im Dunkeln sitzen, weil das elektrische Licht den Empfang ruiniert. Und der sogenannte „man-made-noise“ hat etwa mit Elektroautos und Computern immer weiter zugenommen – so wurde die Mittelwelle immer unattraktiver.

Radio hören komplett ohne Strom

Eine Sache unterscheidet die Mittelwelle vom modernen UKW-Funk und erst recht von digitalem Radio. Denn man die Mittelwelle ganz einfach ohne Strom empfangen. Mit einem selbstgebastelten Detektorempfänger. Gerade in den Anfangsjahren des Rundfunks gab es ein regelrechtes Selbstbau-Fieber. Und dieses besondere Empfangsgerät fasziniert Radiobastler bis heute.

Radiohörer mit Detektorgerät in den 1920ern - ganz ohne Strom.

Radiohörer mit Detektorgerät in den 1920ern - ganz ohne Strom

Ein solcher Empfänger braucht einem Schwingkreis, der aus einer Spule und einem Kondensator besteht. Dieser muss in genau derselben Frequenz schwingen wie die Funkwelle, die vom Sender abgestrahlt wird. Mit einem kleinen Eisenkern, denn man in der Spule verschiebt, kann man die Frequenz ändern. Neben einer Antenne und Erdung braucht es dann nur noch eine Gleichrichterdiode. Die hat den gleichen Effekt wie ein Ventil beim Fahrradreifen und sorgt dafür, dass der Strom nur in eine Richtung fließen kann, so wird die Nachricht von der Welle getrennt. Früher hat das ein kleiner Kristall gemacht, auf dem der Radiohörer so lange herumpiksen musste, bis er die Frequenz eines Senders aufgespürt hatte. Von diesem "detektieren" hat der Empfänger seinen Namen. Mit einem besonders empfindlichen Kopfhörer kann man dann Radio hören. Das Besondere: die Energie kommt alleine von den Funkwellen. Doch das klappt heute nur noch bei gutem Empfang eines nahegelegenen Ortsenders und ist wirklich kein genussvolles Radiohören, sondern eher für Bastler. Um den Empfang zu verbessern, kann mit Verstärkern und Rückkopplung gearbeitet werden, aber dann braucht man doch wieder Energie von einem Akku.

Die Mittelwelle bekommt Konkurrenz

Die verrauschte Mittelwelle bekommt nach dem zweiten Weltkrieg Konkurrenz: Da werden die Frequenzen neu verteilt und Deutschland bekommt nur schlechte Mittelwellenfrequenzen ab – und die bislang nicht genutzten UKW-Frequenzen. Schnell wurden die so weit erforscht, dass schon Anfang 1950 ein flächenmäßig gut ausgebautes UKW-Netz zur Verfügung stand. Das leitete den Abstieg der Mittelwelle ein. Denn die neue Welle, dank leistungsfähigerer Sender nun sinnvoll nutzbar, entwickelt sich zum Hit. In Werbungen des Westdeutschen Rundfunks wird der viel bessere Klang angepriesen. Hörer freuen sich über die geringere Störanfälligkeit und steigen zunehmend in den nächsten Jahrzehnten um.

Die Art und Weise des Sendens macht den Unterschied

Denn Störungen durch elektrische Geräte machen der UKW-Funk nichts aus. Der Grund liegt in den unterschiedlichen Verfahren, wie die Musik und Sprache mit der Funkwelle übertragen wird. Jeder Hörer kennt den Schalter für "FM" und "AM" am Radiogerät, kurz für Frequenz-oder Amplitudenmodulation. Bei der Mittelwelle wird die Stimme vom Radiosprecher auf die Amplitude aufgebracht, also auf den größten Ausschlag. Doch die wird auch von Funkstörungen beeinflusst. Dadurch kann das Empfangsgerät die Information nicht mehr sauber entschlüsseln. Beim modernen UKW-Funk stecken Musik und Sprache dagegen in kleinen Schwankungen in der Frequenz. Aber die wird von den elektrischen Geräten wie Fernsehern oder Elektromotoren nicht beeinflusst und die Information bleibt sauber erhalten.

ARD-Anstalten schalten ab

Mit der überlegenen Konkurrenz verkommt die Mittelwelle zum Auslaufprodukt. In den letzten Jahren wurden kaum noch Menschen mit ihr erreicht. Am 06. Juli 2015 hat der WDR seinen Mittelwellenbetrieb komplett eingestellt. Wenn Ende 2015 auch der Deutschlandfunk abschaltet, endet die Geschichte vom Mittelwellen-Rundfunk in Deutschland. Damit stirbt ein kompletter Verbreitungsweg aus. Gründe sind die geringe Hörerzahl und die vergleichsweisen hohen Kosten der Mittelwelle. Doch alle Programme werden weiter gesendet: auf UKW, im digitalen DAB-Radio oder sind im Netz abrufbar.

Das besondere Rauschen wird Radio-Nostalgikern fehlen

Nostalgikern wird allerdings das besondere Rauschen fehlen, der nicht ganz so saubere Klang. Und auch die Abhängigkeit von Wetterbedingungen, Tageszeit und Störgeräuschen anderer Quellen. Gerade das hat für Mittelwellen-Liebhaber den Reiz ausgemacht. Wenn sie mit ihren alten Röhrengeräten weiter Radio wie früher hören wollen, ist es tröstlich, dass in einigen Nachbarländern noch auf Mittelwelle gesendet wird. Und mit Einbruch der Dunkelheit sind die Sender aus dem Ausland mit etwas Glück zu empfangen.

Stand: 29.12.2015, 06:00