Tierversuche vermeiden

Weiße Labormaus, Forschung mit blauen medizinische Gummihandschuhe

Startschuss für Forschungsprojekt

Tierversuche vermeiden

Von Annika Franck

Tierversuche sind ein Thema, über das Wissenschaftler nicht gerne sprechen. Denn im Forschungsalltag gehören Tests an Tieren in vielen Disziplinen immer noch zum Alltag. Doch es wird auch an Ersatzmethoden gearbeitet.

Für viele Forscher sind sie nötig, aber keiner redet gern darüber: Tierversuche gehören noch immer zum wissenschaftlichen Alltag. Auch für die Forscher persönlich ist das eine ethisch heikle Angelegenheit. Dass Tierversuche bei entsprechender Forschung zumindest in einigen Bereichen ersetzt werden können, hat eine Tierschutzrichtlinie der EU gezeigt: Seit 2013 dürfen in Europa keine Kosmetika mehr verkauft werden, die an Tieren getestet wurden. Rund 500 Millionen Euro haben EU und Industrie investiert, um Ersatzmethoden zu finden. "Bei der Haut sind wir also schon sehr weit", erklärt Ellen Fritsche, Professorin am Leibniz Institut für umweltmedizinische Forschung (IUF) in Düsseldorf. "Hautsensibilisierungen und Hautirritationen können wir schon sehr gut ohne Tiere testen."

200.000 Euro vom Wissenschaftsministerium

Nun gehen die Forscher am IUF einen weiteren Schritt. Fritsche will zellbasierte Tests entwickeln, mit denen die Wirkung von Chemikalien und Medikamenten auf die Entwicklung von Ungeborenen und Kleinkindern untersucht werden kann. CERST (Centrum für ersatzmethoden zum Tierversuch) heißt das Projekt, das mit 200.000 Euro vom NRW-Wissenschaftsministerium unterstützt wird und das Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) nach dem nötigen parlamentarischen Vorlauf am Donnerstag (21.01.2016) offiziell beim IUF auf den Weg gebracht hat.

Was beeinträchtigt die Entwicklung des Ungeborenen?

"Unser Ziel ist es, Methoden zu entwickeln, um sogenannte Entwicklungstoxizität nachzuweisen. Also festzustellen, was in der Entwicklung eines Menschen - auch pränatal - giftig sein kann." Dabei hat Fritsches Arbeit zwei Schwerpunkte: Mithilfe so genannter pluripotenter Stammzellen vom Menschen will die Wissenschaftlerin Aktivitäten beim Wachstum des menschlichen Gehirns nachbilden, um die Substanzen zu finden, die die Entwicklung der Hirnzellen behindern können. Dann soll in Computermodellen die Aktivität neuronaler Netzwerken nachgebildet werden. "Damit wollen wir zeigen, welche Chemikalien die Netzwerkbildung stören oder beeinträchtigen", erklärt Fritsche.

Außerdem kann Fritsche mit ihrem Team aus den Stammzellen schlagende Herzmuskelzellen bilden. "Das schlagende Herz ist ja wesentlich in der Embryonalentwicklung", betont sie. "Dann können wir die Chemikalien finden, die sich negativ auf die Ausbildung der Herzmuskelzellen auswirken."

Arbeit mit ethisch unproblematischen Stammzellen

Wer bei dem Wort Stammzellen zusammenzuckt und ein weiteres ethisches Dilemma aufkommen sieht, den kann Fritsche beruhigen. "Diese sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen sind ethisch unbedenklich", betont Fritsche. "Sie werden aus Hautzellen gewonnen, so genannten Fibroblasten. Die werden dann umprogrammiert, eigentlich zurückentwickelt und wieder zu Stammzellen, die dann wiederum weiter zu einer menschlichen Körperzelle werden können."

Noch bleibt die Vorstellung, ohne Tierversuche neue Impfstoffe, Krebsmedikamente und Behandlungsmethoden zu finden, ein Wunsch für Wissenschaft und Politik. Neue Methoden zu finden braucht Zeit und vor allem viel Geld. CERST ist ein kleiner Schritt, um der Erfüllung des Wunsches näherzukommen.

Stand: 21.01.2016, 14:30