Übung macht den Meister nach 10.000 Stunden?

Tänzer des russischen Balletts

Übung macht den Meister nach 10.000 Stunden?

Genie ist Schweiß? Die 10.000-Stunden-Regel besagt, dass man alles lernen kann, wenn man nur ausreichend übt: Steptanz, Geigespielen oder an der Börse handeln. Ganz so einfach ist es aber nicht.


Anfang der 1990er Jahre stellte der US-Psychologe Anders Ericsson zusammen mit seinen deutschen Kollegen Ralf Krampe und Clemens Tesch-Römer die sogenannte 10.000-Stunden-Regel auf. Populär gemacht hat diese Regel der US-Autor Malcolm Gladwell mit seinem Bestseller "Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht" aus dem Jahr 2009. Der Wissenschaftsjournalist wollte nachweisen, dass den meisten Genies, Ausnahmekünstlern oder Milliardenunternehmern der Erfolg nicht in die Wiege gelegt wurde, sondern dass sie mindestens 10.000 Stunden harte Arbeit investiert haben. Selbst dem Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart sei es nicht erspart geblieben, viele tausend Stunden zu üben.

417 Tage Training rund um die Uhr

10.000 Stunden, das wären 416 Tage - und zwar jede einzelne Sekunde - oder täglich zwei Stunden und 44 Minuten über zehn Jahre. Wie auch immer - das ist sehr viel Zeit. Ob sich die Investition wirklich lohnt ist fraglich, denn die 10.000-Stunden-Regel gerät immer mehr in die Kritik.

Dr. Markus Raab

Dr. Markus Raab

Markus Raab, Leiter des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln, forscht auf diesem Gebiet. "Mittlerweile gibt es dazu eine Metaanalyse, die also mehrere Studien zusammenfasst, und die zeigt, dass lediglich etwa 20 Prozent der sportlichen Leistungen durch Trainingsstunden erklärt werden können", sagt Markus Raab. Das heißt, der Erfolg hängt überwiegend noch von anderen Faktoren ab wie Leidenschaft und Talent.

Qualität und Quantität sind wichtig

Zahlreiche Studien würden zeigen, so Raab, dass zum Beispiel die genetischen Vorraussetzungen bei Ausdauersportlern eklatant von Bedeutung seien. "In der Sportwissenschaft wundern wir uns deshalb nicht mehr, warum es bestimmte Personengruppen etwa aus bestimmten Kulturen gibt, die besonders schnell laufen. Im letzten Londonmarathon waren die ersten Plätze nur von Kenianern besetzt", so Raab. Der Sportwissenschaftler sagt, es gebe genügend Ausnahmen von der Stundenregel. Eine 14-jährige Turnerin könne auch mit der Hälfte der Trainingsstunden Weltklasse erreichen. Die Qualität des Trainings sei genauso wichtig wie die Quantität.

Abwechslungsreiches Trainung statt stupider Wiederholungen

"Die Forschung der 1960er bis 1980er Jahre besagte: Wiederholung ist das Maß aller Dinge. Und das trifft auch zu für bestimmte konditionelle Fähigkeiten. Mittlerweile gibt es aber fast nur noch Wissenschaftler, die vertreten, dass Variation relevant ist", erklärt Raab. Selbst wenn man konstant immer nur 100 Meter laufen müsse, täte man dies in einem guten Training mal bergauf, mal bergab, mal mit Gewicht und mal ohne, auf verschiedenen Laufuntergründen und mit unterschiedlichen Turnschuhen. Raab: "Es hat sich gezeigt, dass es für das langfristige Lernen besser ist, wenn man Bewegungsabläufe variiert."

Forschungstrend Ernährung und Erfolg

Im Vordergrund Obst, Müsli und ein Glas Wasser. Im Hintergrund eine Frau beim Stretchen.

Das passt: gesunde Ernährung und Sport

Statt 10.000 Stunden zu üben könnten vielleicht ein paar Wunderpillen Hirn und Körper auf die Sprünge helfen? Sportler und Denker setzen bereits auf Nahrunsgergänzungsmittel wie Omega-3-Fettsäuren. "Es gibt eine ganze Forschungsrichtung, die sich nur mit dem Zusammenhang zwischen Ernährung und kognitiver, aber auch körperlicher Leistung beschäftigt. Ich kann das jetzt nicht quantifizieren, aber ich kann sicher sagen, in den nächsten Jahren wird das immer wichtiger", sagt Raab. Aber alles ist auch das natürlich nicht.

Was Hänschen nicht lernt ...?

Seniorensportkurs

Man lernt nie aus!

"Die Volksweisheit: Was Hänschen nicht lernt, das lernt Hans nimmermehr, stimmt nach neuester alterbezogener Forschung so nicht", erklärt Raab. Wissenschaftler haben anhand zahlreicher Studien herausgefunden, dass Ältere sehr wohl Neues lernen können - zwar mit anderen Strategien, da Kraft und Ausdauer nicht mehr so vorhanden sind, aber genauso gut. Raab: "Natürlich gilt das nur für bestimmte Bereiche, in denen das noch möglich ist. Wenn Sie zum Beispiel bis zum 40. Lebensjahr keinen Spagat trainiert haben, dann wird das bis 60 eher unmöglich. Aber Sie können sehr gut noch motorische komplexe Handlungen lernen."

Stand: 27.06.2016, 06:00