Muss Wirtschaft auch in NRW auf den Stundenplan?

Stichwort Wirtschaft: OMT-Programm - Draghis Bazooka

Muss Wirtschaft auch in NRW auf den Stundenplan?

Von Annika Franck

In Baden-Württemberg gehört Wirtschaft seit diesem Schuljahr zu den Pflichtfächern. Bedeutet dies einen Kniefall vor der Industrie oder gehört die Kenntnis über wirtschaftliche Zusammenhänge zur Allgemeinbildung?

Baden-Württemberg hat es vorgemacht, dort gehört das Fach Wirtschaft nun zu den Pflichtfächern an allgemeinbildenden Schulen. Die einen sehen darin den Sieg von wirtschaftsliberalen Lobbygruppen. Die anderen meinen, dass nur durch ein fest im Lehrplan verankertes Fach die wirtschaftlichen Kompetenzen erworben werden können, die Kinder und Jugendliche zu verantwortungsbewussten Verbrauchern machen. Ein Vorbild auch für NRW?

Gegner des Faches "Wirtschaft" warnen davor, dass damit die Jugendlichen lediglich zu Konsumenten herangezogen würden. "Jeder Mensch ist Konsument und Verbraucher", entgegnet Karl-Josef Burkard vom Verband ökonomische Bildung an allgemeinbildenden Schulen (Vöbas). Der Zusammenschluss von Lehrern setzt sich seit vielen Jahren für das Fach Wirtschaft an Schulen ein. "Die Kinder müssen die Zusammenhänge unserer Wirtschaftsordnung kennen, dazu gehört natürlich auch ein kritischer Ansatz zum Beispiel mit Blick auf Werbung." Auch Themen aus der Wirtschaftspolitik wie die Geldpolitik, globale Revolution und die Globalisierung gehören seiner Ansicht nach auf den Lehrplan. "Dabei müssen natürlich soziale, ethische und politische Aspekte und Konsequenzen thematisiert werden", betont Burkard.

Warnung vor "marktliberaler Schlagseite"

Der Schatten eines Mannes mit Aktentasche vor heller Fensterfront.

Kritiker befürchten Einfluss von Lobbygruppen auf Schüler

Das geschehe aber nicht immer, wie der Sozialökonom Till van Treeck von der Uni Duisburg-Essen festgestellt hat. "Bisher waren es eher bestimmte Lobbygruppen, die sich für dieses Schulfach eingesetzt haben", sagt er. Das seien vor allem Banken, Versicherungen und arbeitgebernahe Vereinigungen, die teilweise auch noch kostenlos Lehrmaterialien online zur Verfügug stellen und gerne ihre Coaches in Schulen schicken, um die Lehrer zu unterstützen. Häufig gehe es dann aber zum Beispiel darum, welches die beste Geldanlage zur Altersvorsorge sei. "Grundsätzlich habe ich als Ökonom natürlich nichts dagegen, dass die Schüler etwas über Wirtschaft lernen", betont van Treeck. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung warnt vor einer einseitigen Sicht auf wirtschaftliche Themen.

Van Treeck sieht ein weiteres Problem. "Die Referenz-Disziplin in der Wissenschaft wäre für das Schulfach Wirtschaft ja die Wirtschaftswissenschaft. Und die gängigen Lehrbücher entsprechen nicht dem so genannten Kontroversitätsgebot, das beispielsweise in den Sozialwissenschaften und in der Politikwissenschaft Standard ist", beschreibt er. Soll heißen: Alternative Denkansätze spielen eine zu geringe Rolle. "Dass staatliche Eingriffe in der Lohnpolitik zum Beispiel eine Option sein können, wird unter Umständen nicht diskutiert", kritisiert van Treeck. Daher könne der Unterricht von der Ausrichtung her eine "marktliberale Schlagseite" erhalten.

NRW plant Verbindung von Wirtschaft und Verbraucherbildung

In NRW ist die Einführung des Faches "Wirtschaft" derzeit nicht geplant. Laut Schulministerium ist "die Vermittlung von Wirtschaftskompetenzen ein zentraler Bestandteil der Lehrpläne in allen Schulformen". Themen aus der Wirtschaft sind in die Gesellschaftswissenschaften und das Fach Arbeitslehre integriert. Ein Modellversuch an Realschulen zur Einführung des Faches wurde nicht fortgeführt. Realschulen können aber ab der siebten Klasse das Fach "Politik/Ökonomische Grundbildung" anbieten, das eine Verknüpfung von ökonomischer Bildung und Verbraucherbildung sein soll. Derzeit werde das Leitprojekt "Verbraucherbildung an Schulen" entwickelt, heißt es aus dem Ministerium.

Wichtige Themen: Finanzkrise und soziale Ungleichheit

Ein Knackpunkt seien die Lehrer, es gebe nur wenige mit den entsprechenden Kompetenzen und oft unterrichteten Lehrkräfte das Fach, obwohl sie nicht gut genug ausgebildet seien, meint Vöbas-Vertreter Karl-Josef Burkard. Das sei auch wichtig, um die befürchteten Manipulationen durch Lobbygruppen auszuschließen. "Natürlich muss ich dafür sorgen, dass die Jugendlichen nicht nur die Sicht des Unternehmen kennenlernen, sondern etwa auch die der Gewerkschaften." Ein weiteres Problem ist die fehlende Zeit, so van Treeck: "Im Fach Sozialwissenschaften werden in NRW dieThemen Politik, Soziologie und Wirtschaft unterrichtet." Da fehle oft die Chance, Dinge detaillierter zu besprechen, auch wenn er den Euro und die Finanzkrise, die Staatsverschuldung und die wachsende Ungleichheit durchaus für wichtige Fragen hält, die ihren Platz in der Schule haben sollten. Anders sieht er das bei Einzelfragen etwa zur Finanzberatung: "Ich halte es für fraglich, ob das eine Aufgabe allgemeinbildender Schulen ist."

Stand: 15.09.2016, 06:00