(K)ein gespaltenes Verhältnis zum Fleisch

Mastschwein

(K)ein gespaltenes Verhältnis zum Fleisch

Von Sabrina Loi

  • Tierwohl liegt den Deutschen Umfragen zufolge am Herzen
  • Laut Umfragen essen immer weniger Menschen Fleisch
  • Fleischverbrauch in Deutschland ist seit Jahren stabil
  • Angebote für Fleisch aus tiergerechter Haltung fehlen

Das Tierwohl ist den Deutschen was wert – das zeigen Umfragen immer wieder. Laut Ernährungsreport 2017, der vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft veröffentlicht wird, wären die meisten Verbraucher bereit, im Schnitt rund 30 Prozent mehr fürs Fleisch zu zahlen, wenn sie wüssten, dass es den Tieren besser geht, als es das Gesetz vorschreibt.

Doch dafür muss tiergerecht gehaltenes Fleisch einerseits angeboten und andererseits auch glaubwürdig kenntlich gemacht werden, fordern die Verbraucherzentralen. Die meisten Kunden wissen nämlich gar nicht, woran sie es erkennen können, fand eine Befragung der Verbraucherzentrale Bundesverband heraus.

Wie glaubwürdig aber solche Aussagen zur Zahlungsbereitschaft überhaupt sind, ist unklar. Schließlich schätzen sich die Befragten in solchen Studien selbst ein.

Mehr Vegetarier bei gleichem Fleischverbrauch

Beim Fleischkonsum selbst zeigt sich zumindest ein deutlicher Widerspruch: Laut der vom Umweltbundesamt durchgeführten Umweltbewusstseinstudie 2016 verzichten 4 Prozent der Befragten komplett auf Fleisch. Damit hat sich der Anteil der Vegetarier seit 2014 verdoppelt. Außerdem isst demnach heutzutage jeder Vierte nur noch einmal pro Woche oder seltener Fleisch.

Allerdings ist der Fleischkonsum in Deutschland kaum zurück gegangen: Er liegt immer noch bei rund 60 kg Fleisch pro Person und Jahr – ähnlich wie vor zehn Jahren auch schon. Unsere Selbsteinschätzung scheint sich also stark von der Realität zu unterscheiden.

Trennung von Fleisch und Tier muss sein

Dr. Johannes Simons vom Lehrstuhl für Marktforschung der Agrar- und Ernährungswirtschaft der Uni Bonn sagt, wir Verbraucher könnten gut mit dieser Widersprüchlichkeit leben: "Diejenigen, die die Umfrage interpretieren, ärgern sich darüber, dass wir nicht das machen, was wir sagen. Aber das ist eigentlich eine ganz normale Sache."

Dr. Johannes Simons im Portrait: Mann mit kurzen, dunklen, gelockten Haaren, dunklen Augen und Brille mit Metallrahmen lächelt in die Kamera

Dr. Johannes Simons, Uni Bonn

Tatsächlich führe kaum ein Weg daran vorbei, in unserer psychologischen Wahrnehmung Tiere und Fleisch zu trennen, sagt Simons. Nur durch diese Trennung könnten wir überhaupt Fleisch kaufen, ohne zu stark an die Tiere zu denken. "Wir können sehr stark verdrängen und können grillen und wir können trotzdem dann in Umfragen sagen, dass uns der Tierschutz wichtig ist. Das macht uns überhaupt nichts aus."

Aber auch wenn der Fleischkonsum stabil geblieben ist, habe sich doch das Bewusstsein für das Thema geändert. "Diese vier Prozent Vegetarier machen einen ganz schönen Wirbel bei uns im Kopf", glaubt Simons: "Die zeigen, dass man sich bewegen kann und dass man gegen dieses Unwohlsein, das man im Rahmen der Fleischerzeugung hat, konkret etwas machen kann, indem man verzichtet."

Stand: 08.05.2017, 06:00