Der mühsame Kampf gegen Tuberkulose

Der mühsame Kampf gegen Tuberkulose

Von Julia Trahms

Die Weltgesundheitsorganisation WHO beging am 24. März 2016 zum zwanzigsten Mal den "Welttuberkulose-Tag". Obwohl der Erreger seit langem bekannt ist, bleibt Tuberkulose bisher die tödlichste Infektionskrankheit der Welt.

Röntgenbild von Lunge und Brustkorb mit Tuberkulosebefall

Tuberkulose - früher auch Schwindsucht genannt - ist die tödlichste bakterielle Infektionskrankheit der Welt. "Damit löste die Tuberkulose, eine der ältesten Krankheiten der Menschheit und eine behandelbare dazu, im vergangenen Jahr HIV/AIDS als weltweit tödlichste Infektionskrankheit ab", schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) in seinem neuesten Bericht vom März 2016.

Ein Drittel der Menschheit trägt das Bakterium in sich

Tuberkulose-Bakterien

Tuberkulose-Bakterien

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nimmt an, dass ein Drittel der Menschheit das auslösende Mycobacterium tuberculosis in sich trägt. Zwar erkranken nur etwa zehn Prozent der Infizierten tatsächlich an aktiver Tuberkulose, weltweit sterben aber immer noch jedes Jahr etwa 1,5 Millionen Menschen daran. 

Während in Deutschland die Infektionszahlen im Jahr 2014 bei 4.488 Fällen pro Jahr lagen, hat Südafrika eine der höchsten Tuberkulose-Raten der Welt. Hier leben laut Schätzungen der WHO 450.000 Menschen, die an akuter Tuberkulose erkrankt sind - also fast das Hundertfache Deutschlands.

Forschung in Südafrika

Besonders die Region rund um Kapstadt ist betroffen. Der Schweizer Pneumologe Andreas Diacon leitet dort seit 2005 TASK Applied Science, ein Zentrum für klinische Studien, in dem neue Impfstoffe, diagnostische Methoden und Medikamente zur Behandlung der Tuberkulose an Patienten getestet werden.

Prof. Andreas Diacon forscht in Südafrika an neuen Medikamenten

Prof. Andreas Diacon forscht in Südafrika an neuen Medikamenten.

"Die potentielle Wichtigkeit ist genau in dieser Reihenfolge zu sehen", sagt Diacon. "Eine Impfung würde das Problem sehr rasch lösen. Dann bräuchte man eigentlich keine Behandlung mehr. Die Diagnose-Methoden sind sehr wichtig, denn je früher man die Krankheit erkennt, desto weniger Ansteckung hat man. Die Behandlung selbst ist am wichtigsten für die Person, die von der Krankheit betroffen ist."

Reportage über das Studienzentrum TASK Applied Science in Südafrika

FHE Piazza | 24.03.2016 | 04:06 Min.

Das Hauptproblem: Das Bakterium entwickelt Resistenzen

Fast ein halbes Jahrhundert lang haben Ärzte überwiegend vier Medikamente gegen die Bakterien verwendet: Isoniazid, Rifampicin, Pyrazinamid und Ethambutol. Gegen den hartnäckigen Tuberkuloseerreger, der sich in den Fresszellen des Immunsystems versteckt und dort in eine Art "Winterschlaf" fällt, müssen sechs Monate lang alle diese Mittel gleichzeitig eingenommen werden. Nimmt der Patient die Medikamente nicht regelmäßig oder nicht lange genug ein, können sich resistente Bakterienstämme bilden. Und genau diese Resistenzen macht den Wissenschaftlern am meisten zu schaffen - denn weltweit steigt die Zahl der Patienten mit medikamentenresistenter Tuberkulose. Im Jahr 2014 waren es laut WHO bereits 480.000 Fälle.

"Eine Resistenz entsteht überhaupt erst dadurch, dass man Antibiotika einnimmt", erklärt Diacon. "Das Antibiotikum tötet alle Bakterien ab - die Bakterien aber, die genetisch verändert sind und vom Antibiotikum daher nicht abgetötet werden, bleiben übrig und beginnen, sich durch Teilung zu vermehren. Ohne das Antibiotikum wäre das mutierte Bakterium wahrscheinlich irgendwann ausgestorben, weil sich nur die genetisch korrekten Bakterien weiter vermehrt hätten. So aber übernimmt nach und nach der resistente Erreger."

Julia Trahms im Gespräch zum Welttuberkulosetag

FHE Piazza | 24.03.2016 | 04:31 Min.

Neue Antibiotika sollen helfen

19 Pillen plus eine Spritze - die tägliche Medikamenten-Dosis bei multiresistenter Tuberkulose

Die tägliche Dosis Tabletten bei multiresistenter Tuberkulose

Diacon und sein Team testen daher in klinischen Studien neue Antibiotika. Das ist mühsam und sehr zeitaufwändig, denn die Patienten müssen bestimmte Kriterien erfüllen und vor allem am Ball bleiben: Über einen Zeitraum von zwei Jahren müssen sie über 20 Tabletten am Tag einnehmen - trotz teils heftiger Nebenwirkungen, denn sonst entwickeln sich wieder Resistenzen. Hinzu kommt noch pro Woche eine Spritze.

Einen ersten Durchbruch erzielten die Wissenschaftler im Jahr 2012, als mit Bedaquilin das erste neue Tuberkulose-Medikament seit über 40 Jahren von der amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA) zugelassen wurde. Im vergangenen Jahr folgte dann ein weiteres neues Medikament, das in Deutschland zugelassen wurde: Delamanid.

"Wir wissen noch nicht, ob wir die beiden neuen Medikamente auch zusammen geben können", sagt Diacon, "aber das testen wir in diesem Jahr. Und wir versuchen, noch ein drittes Medikament zu finden. Denn wenn wir drei Medikamente hätten, die unabhängig voneinander wirken und nicht miteinander verwandt sind, dann könnten wir die gleiche Behandlung auf jeden Patienten anwenden, ganz egal, ob er resistente Tuberkulose hat oder nicht. Das würde sehr viel Geld sparen."

Es wird geforscht, aber es fehlt an Geld

Dass nach Jahrzehnten des Dornröschenschlafes endlich neue Wirkstoffe getestet werden, ist vor allem öffentlichen Institutionen und privaten Wohltätern zu verdanken. Die "TB Alliance", die unter anderem von der Stiftung des Microsoft-Gründers Bill Gates, der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA sowie der EU finanziert wird, bringt Forscher, Pharmafirmen und private Geldgeber für gemeinsame Studien zusammen. Da scheint es zu passen, dass das Motto zum 20. Welttuberkulosetag "Gemeinsam gegen Tuberkulose" lautet.

Doch der Kampf gegen die Tuberkulose ist nach wie vor zeitintensiv - von der Idee bis zur Marktreife eines neuen Medikamentes brauche es durchschnittlich mehr als zwölf Jahre. Erschwerend kommt die klaffende Finanzierungslücke im Bereich Forschung und Entwicklung hinzu: So fehlten laut WHO-Bericht allein im Jahr 2014 im Tuberkuloseforschungsbereich 1,3 Milliarden US-Dollar.

Zusätzlich zogen sich in den letzten vier Jahren gleich drei große pharmazeutische Unternehmen aus der Entwicklung neuer Substanzen zurück: Pfizer, AstraZeneca und Novartis. So werde der verhaltene Optimismus, der durch den Nutzen von Bedaquilin und Delamanid entstanden ist, "signifikant eingeschränkt", kritisiert das Robert-Koch-Institut. Das Bakterium profitiert davon: In Deutschland ist die Zahl der Neuinfektionen im Jahr 2015 erneut angestiegen, meldet das RKI.

Stand: 24.03.2016, 06:04