Keine Zinsen? Gespart wird trotzdem!

Wie kann ich noch sparen?

Keine Zinsen? Gespart wird trotzdem!

Von Benjamin Esche

Die Deutschen sind Weltmeister im Sparen - auch wenn es dafür mittlerweile kaum mehr Zinsen gibt. Zum Weltspartag (28.10.2016) klären wir, warum es bei uns immer noch so beliebt ist, das Geld auf die hohe Kante zu legen.

"Sparfreude ist die schönste Freude" - mit diesem Spruch werben Sparkassen dafür, das zurückgelegte Geld anzulegen. Der Weltspartag soll dafür jedes Jahr die Sinne schärfen. Und die Deutschen folgen artig der Empfehlung zu sparen, wie eine aktuelle repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Rabodirect-Bank ergeben hat. Demnach legen 80 Prozent der Deutschen monatlich einen festen Betrag zur Seite. Die meisten tun das, um sich davon etwas leisten zu können. 78 Prozent der Befragten sagen laut Forsa sogar, dass sie ihr Sparverhalten nicht von der Höhe der Zinsen abhängig machen. Doch wieso ist das Sparen in der DNA der Deutschen so tief verwurzelt?

Stabile deutsche Sparsamkeit

"Sparen heißt erst mal: Geld zur Seite legen", sagt Monika Müller, Psychologin und Finanzcoach aus Wiesbaden. "Es sagt noch nichts darüber aus, was mit dem Geld konkret passiert." Häufig werde Sparen aber in Bezug auf das klassische Sparbuch verwendet, bei dem es heutzutage kaum mehr Zinsen gibt. "Über die Risikobereitschaft dieser Menschen sagt das Sparen nichts", so Müller. Sparen sei in Deutschland viel mehr eine Werthaltung. "Für die Deutschen ist Sparen etwas Positives", erklärt die Finanzpsychologin. Diese Werthaltung werde auch kaum verändert. "Da können die Zinsen hoch- und runtergehen, wie sie wollen." Die deutsche Sparsamkeit ist also sehr stabil.

Kinder mit Sparschweinen am Weltspartag 1966

Das Sparschwein war schon immer bei Kindern sehr beliebt

Eingeführt wurde der Weltspartag im Jahr 1924 - da hatte ausgerechnet Deutschland gerade eine Hyper-Inflation hinter sich, welche die Vermögen vieler kleiner Sparer vernichtete. Die hohe Bereitschaft zum Sparen hängt hierzulande wohl eher mit der besonderen Situation nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. "Als Mensch kann man dadurch tief im Innern massiv verunsichert werden", so Psychologin Müller. "Dass man dann dieses Bedürfnis nach Sicherheit auf Geld projiziert und dieses für schlechte Zeiten zur Seite legt, liegt nahe."

Auch junge Menschen sparen

Dieser Hang zur Sparsamkeit wurde in Deutschland über Generationen weitergegeben. Das Sparen ist selbst bei der heutigen jungen Generation die Geldanlageform Nummer eins, sagt Klaus Hurrelmann, Soziologe und Professor an der Hertie School of Governance in Berlin: "Und das, obwohl diese Generation ja hautnah die Wirtschafts- und Eurokrise miterlebt hat und ihr damit vor Augen geführt wurde, dass sich traditionelles Sparen nicht mehr lohnt." Hurrelmann folgert daraus, dass das Sparverhalten sehr tief in den Deutschen verankert ist.

Der Weltspartag

... wurde auf dem ersten Internationalen Sparkassenkongress im Jahr 1924 in Mailand ins Leben gerufen. Er findet jährlich am letzten Werktag im Oktober statt und sollte ursprünglich den Gedanken des Sparens weltweit erhalten und fördern. Speziell Kinder sollen durch den Tag die Bedeutung des Sparens erfahren und verstehen, dass Sparen die Grundlage für ein finanzielles Polster und die Sicherheit der eigenen Zukunft darstellt. Verbraucherschützer kritisieren, dass der Tag heute mehr auf Finanzprodukte von Banken ausgerichtet ist.

Mitte des 19. Jahrhunderts kamen in Deutschland bereits Sparclubs auf, die das gemeinsame Sparen und die Geselligkeit in den Mittelpunkt stellten. Getroffen wurde sich in der Regel in Kneipen oder Dorfschänken. Jedes Mitglied warf regelmäßig einen Mindestbetrag in sein Sparfach. Am Jahresende wurde dann die Gesamtsumme samt Zinsen ausgezahlt. Auch heute gibt es in Deutschland immer noch solche Sparvereine. Soziologe Hurrelmann sieht im Sparen eine ganz alte Tradition. "Dass man sein Geld an eine Bank oder Sparkasse gibt, wo es liegt und sich vermehren kann, ist die urtümliche Form des Sparens", so der Experte.

Sparverhalten der Deutschen könnte sich ändern

An dieser Form des Sparens orientiert sich auch die junge Generation. Deren Eltern sind die wichtigsten Berater in allen Finanzfragen, glaubt Hurrelmann. "Im Grunde wird heute nichts mehr ohne die Eltern gemacht - von Versicherungen bis zu Geldanlagen." Dementsprechend bekommen die jungen Menschen das Spardenken der älteren Generation direkt vermittelt.

Da verwundert es nicht, dass Sparbuch und Festgeldkonto immer noch an erster Stelle der beliebtesten Anlageformen stehen. Aber so ganz langsam dämmere vielen Menschen auch, dass auch andere Geldanlageformen eine Rolle spielen müssen. "Denn diese junge Generation ist die Erste, die Geld auch für ihre Altersvorsorge anlegen muss", sagt Hurrelmann. "Dass dafür die traditionelle Variante des Sparens nicht ausreicht, ist verstanden worden." Auch die Entwicklungen in Europa könnten dafür sorgen, dass sich das Sparverhalten der Deutschen Stück für Stück ändert. "Wenn die Zinspolitik in Europa so bleiben sollte, dass in den nächsten fünf Jahren keine Zinsen erwirtschaftet werden können, wird das Spuren hinterlassen", glaubt Soziologe Hurrelmann.

Stand: 28.10.2016, 06:00