Wie ehrliche Sprache aussieht

Elisabeth Wehling zu Besuch beim WDR

Wie ehrliche Sprache aussieht

  • Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling über Martin Schulz und die "Anschlagsmetapher"
  • Bewusste Sprache: Sage ich mit meinen Worten wirklich das, was ich sagen will?

Martin Schulz hat beim SPD-Parteitag von Merkels "Anschlag auf die Demokratie" gesprochen und damit für Aufruhr gesorgt. Wie bewerten Sie als Sprachwissenschaftlerin diese Wortwahl?

Wehling: Die "Anschlagsmetapher" ist natürlich ein sehr intensives Bild. Das hat im weitesten Sinne mit Krieg zu tun. In heutigen Zeiten kann dieses Bild schnell mal interpretiert werden vor dem semantischen Hintergrund von terroristischen Anschlägen. Das ist ein starkes Bild, das er gewählt hat, um die Anklage gegenüber Bundeskanzlerin Merkel und ihrem Team zu formulieren. Nämlich den Umstand, dass sie aus seiner Sicht nicht genügend mit eigenen Ideen und Themen an die Öffentlichkeit geht.

Gibt es Grenzen des guten Geschmacks an dieser Stelle – gerade, wenn es um unsere Erfahrungen mit terroristischen Anschlägen geht?

Wehling: Man weiß, dass er es metaphorisch meint und diese Kriegsmetaphern sind in einer demokratischen Auseinandersetzung recht gängig. Wir sprechen von Wahlkampf, wir nutzen den Ausdruck "Schieß los", wenn man jemand anderem das Wort geben will. Ein anderer Punkt ist: Es wäre viel wichtiger, die eigenen moralischen Framings, die eigenen Wertevorstellungen klar auf den Tisch zu legen.

Framing

Unser Gehirn verarbeitet Informationen, indem es Verbindungen herstellt zu Erfahrungen und Eindrücken, die wir in der Vergangenheit gemacht haben. Wir denken also immer innerhalb unseres Wissens- und Erfahrungsrahmen, in sogenannten "Frames".

Auch Sprache löst immer bestimmte Denkmuster aus oder repräsentiert diese. "'Politisches Framing' beispielsweise meint die Sprache, die wir in der Öffentlichkeit nutzen, um uns über Politik auszutauschen", sagt die Kognitionsforscherin Elisabeth Wehling.

Es geht also darum, dass Sprache und Wertvorstellungen zueinander passen sollten. Aber wie schaut es mit uns "Normalos" aus: Wie finden wir unsere eigene Sprache?

Wehling: Zunächst müssen wir uns bewusst machen, wo wir uns selbst politisch verorten: Sehe ich mich selbst als eher progressiv, also eher im linken politischen Spektrum, oder eher konservativ, also eher im rechten politischen Spektrum? Mein Doktorvater hat immer gesagt, dass da bestimmte Fragen Hinweise geben können, wie zum Beispiel: "Wenn Ihr Kind nachts schreit, nehmen Sie es dann hoch?".

Und was sagt die Antwort auf diese Frage dann über mich und meine politischen Ansichten aus?

Wehling: Die These ist, dass ein "Ja" als Antwort eher auf eine progressiv-fürsorgliche politische Einstellung hindeutet, während ein "Nein" eher auf eine konservativ-strenge Einstellung hinweist. Unsere politischen und moralischen Werte werden von unseren gesamten Erfahrungen beeinflusst. Manchmal hilft es, sich an kleinen Beispielen zu verdeutlichen, wo man steht.

Wenn ich dann herausgefunden habe, wo ich politisch stehe – wie kann ich das dann auf meine Sprache übertragen?

Wehling: Da gibt es kein allgemeines Rezept, es hilft aber, sich immer wieder zu fragen: Sage ich mit meinen Worten wirklich das, was ich sagen will? Es gibt viele Menschen in Deutschland, die eine Sprache nutzen, die ihrer Weltsicht absolut enspricht. Wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen von einer "Flüchtlingswelle" oder einer "Flüchtlingskrise" sprechen – Begriffe, die ja die Menschen auf der Flucht zu einer Bedrohung machen –dann sind diese Menschen ganz bei sich sprachlich. Jeder, der Dinge anders sieht, muss sich natürlich fragen: Was steckt in solchen Begriffen alles drin? Was klingt da alles mit?

WDR 5 Leonardo Top Themen | 26.06.2017 | 07:34 Min.

Wie Sprache unser Denken beeinflusst, darüber spricht die Kognitionsforscherin Elisabeth Wehling heute in WDR 5 Leonardo. - AutorIn: Elisabeth Wehling

Nehmen Sie das Beispiel der globalen Erwärmung. Erwärmung ist in der alltäglichen Sprache ein positives emotionales Konzept. Wir sprechen beispielsweise davon, dass sich unsere Herzen erwärmen. Wir haben ein politisches Thema – die Überrhitzung des Planeten – und wir machen es sprachlich begreifbar als etwas hoch Positives, Emotionales. Und damit sind wir natürlich unehrlich, da würde uns ein "Reframing" gut tun.

Die Fragen stellten Marija Bakker und Ildiko Holderer

Stand: 26.06.2017, 13:40