Was macht Hunde aggressiv?

Hund bellt und fletscht die Zähne

Was macht Hunde aggressiv?

  • Immer wieder werden Menschen von Hunden schwer verletzt
  • Liegt das an aggressiven Rassen oder an schlechter Erziehung?
  • Ein Gespräch mit dem Tiermediziner Prof. Hansjoachim Hackbarth

Hansjoachim Hackbarth ist Tiermediziner und Professor für Tierschutz und Verhalten an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover.

WDR.de: Herr Prof. Hackbarth, wer ist das Problem, wenn ein Hund zubeißt - der Hund oder der Hundehalter?

Prof. Hansjörg Hackbarth: In der Regel sind es die Hundehalter. Sie wissen oft nicht genug über ihr Tier, daher kann es zu Situationen kommen, in denen die Hunde zubeißen.

WDR.de: Wie berechenbar sind Hunde denn eigentlich?

Hackbarth: Sie können immer in eine Situation kommen, wo ein Hund unvorhergesehen reagiert. Und je mehr Hunde ich mit mir führe, desto schwieriger kann das werden. Wenn jemand beispielsweise hinfällt oder wegläuft, kann es sein, dass der Hund hinterherläuft und unter Umständen zubeißt - das ist ganz normales Jagdverhalten. Wenn es dann mehrere Hunde sind, die auch noch hinterherlaufen, ist das ganz natürliches Rudelverhalten. Wenn das geschieht, müsste normalerweise vom Hundehalter ein Kommando kommen, und der Hund lässt sofort von dem Attackierten ab.

WDR.de: Es wird ja auch in der Fachwelt viel darüber diskutiert, ob es nun an den Hunden liegt oder an den Herrchen. Wie sehen Sie die Situation ein: Gibt es aggressive Rassen?

Frau mit zwei Hunden

Frieden - wenn Hundehalter ihr Tier unter Kontrolle haben.

Hackbart: Nein. Es gibt keine zuverlässigen Belege dafür, dass bestimmte Rassen besonders aggressiv sind. Mit dem entsprechenden Training kann man jeden Hund unter Kontrolle bekommen. Bei mehreren Hunden auf einmal wird das aber durchaus problematisch. In einigen Bundesländern muss jeder Hundehalter einen Hundeführerschein machen. Damit verbessert sich die Interaktion zwischen Hund und Hundehalter.

WDR.de: Wenn man die Statistiken anschaut, sind es aber doch etwas häufiger Rassen wie Schäferhunde und Pitbulls, die zubeißen ...

Hackbarth: Diese Studien operieren meist mit absoluten Zahlen. Und da es Schäferhunde am meisten gibt - vor allem auf dem Land, wo sie Haus und Hof hüten - kommt es auch häufiger zu Bissen.

Hinzu kommt: Manche Menschen schaffen sich bewusst Hunde an, weil die Kraft und Stärke symbolisieren sollen. Das sind dann die, die auffallen.

WDR.de: In einigen Studien heißt es, dass die meisten Unfälle mit Hunden zuhause passieren. Woran liegt das?

Hackbarth: Ein ganz klassisches Beispiel: Ein junges Pärchen schafft sich einen Hund an, es bildet sich eine bestimmte Hierarchie aus. Dann bekommen sie ein Kind. Das ist zunächst kein Problem. Irgendwann klettert das Kind auf das Sofa und setzt sich neben das Herrchen - dorthin, wo bisher der Hund gelegen hat. Dann fühlt sich der Hund bedroht in seinem Rang und beißt zu - er beißt das Kind, das ihm den Rang streitig macht. Das sind Fälle, die kaum einer anzeigt, daher findet man das in kaum einer Statistik.

WDR.de: Eine große Rolle spielen auch die Züchter, denn die Weichen für das Verhalten werden in den ersten Wochen und Monaten gestellt. Worauf muss man da achten?

Hackbarth: Züchter müssen darauf achten, dass die Hunde in den ersten Wochen ausreichend sozialisiert werden, damit sie später nicht in Panik geraten. Welpen müssen Kontakt zu mehreren Menschen haben. Man muss täglich mit ihnen spazieren gehen. Sie sollten Autos und Bahnen gesehen haben und mal in einer Innenstadt gewesen sein - sonst sind sie später mit Ansammlungen mehrerer Menschen völlig überfordert.

WDR.de: Das Rudel- und Jagdverhalten haben Sie ja schon angesprochen. Welche Gründe kann es noch geben, dass Hunde zubeißen?

Hackbarth: Wenn der Hund in eine Situation gelangt, in der seine Ressourcen - also beispielsweise sein Lager oder sein Futter - bedroht ist, dann versucht er, das zu verteidigen. Eine Möglichkeit ist dann der Biss. Und wenn das zum Erfolg führt, wird der Hund das immer wieder tun. Daher ist es ganz wichtig: Der Hund muss lernen, dass das nicht geht!

Die Fragen stellte Annika Franck

Stand: 03.07.2017, 16:45