Wachsleichen: Wenn Tote nicht verwesen

heller Friedhof im Sonnenlicht

Wachsleichen: Wenn Tote nicht verwesen

Von Doro Werkman

  • Bonn: Tagung sucht Lösung für Wachsleichen
  • Jeder vierte Friedhof bundesweit betroffen
  • Hauptursache: zu viel Wasser

Die letzte Ruhe endet meistens nach 25 Jahren, wenn die Pachtzeit für ein Grab abläuft. Oft stoßen Friedhofsmitarbeiter bei Grabungen dann auf mehr, als ihnen lieb ist. Leichen sind nicht wie geplant verwest - zum Teil sind noch die Gesichtszüge erkennbar. Es handelt sich um sogenannte Wachsleichen, die ungewollt mumifiziert wurden. 

An der Universität Bonn fand am Dienstag (14.11.2017) eine Tagung zu Wachsleichen statt. Dort suchten Experten für Ethik, Recht und Bodenkunde nach einer Lösung für Tote, die auch nach Jahrzehnten nicht verwest sind.

Problem der Wachsleichen nicht neu

Schon 2012 kam eine Studie der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) zu dem Ergebnis, dass auf jedem viertem der etwa 33.000 Friedhöfe in Deutschland die Leichen nicht so verwesen, wie sie sollten.

Inzwischen hat sich das Problem laut des Bonner Juraprofessors und Biorechtsexperten Tade Spranger noch verschärft: "Es gibt kaum noch einen Friedhof in Deutschland, der nicht zumindest mit Teilflächen davon betroffen ist".

Umgang mit Wachsleichen nicht geregelt

Friedhofsmitarbeiter werden dann oft mit dem Problem alleingelassen; es gibt keine einheitliche Regelung für den Umgang mit Wachsleichen. Brancheninsider berichten anonym auch von rabiaten Methoden.

Friedhof

Manche Baggerfahrer würden vor dem Zuschaufeln eines frischen Grabes mit der Schaufel den Sarg zertrümmern, um Mikroorganismen für die Verwesung den Zugang zu erleichtern. Beim Fund von Wachsleichen ließen manche Friedhöfe sie pietätvoll einäschern, während andere sie einfach entsorgten.

Wachsleichen: ungewollt mumifiziert

Auch wenn der Name zunächst darauf hindeutet - Wachsleichen enthalten keinen Wachs. Das wachsartige Gewebe hat einen anderen Hintergrund: Es verseift das Fett unter der Haut und um die Organe herum.

Grund für das Verseifen ist mangelnder Sauerstoff. Nur durch Sauerstoffzufuhr können auch aerobe Bakterienarten Leichen zersetzen. Geschieht das nicht, werden die Körperfette zu einer wachsähnlichen Schutzschicht umgewandelt, auch Adipocire genannt. Bakterien und Enzyme können Adipocire nicht gut verdauen - die Zersetzung stockt.

Hauptursache Wasser

Ein Grund für Wachsleichen sind Friedhofsböden, die einen hohen Wasseranteil haben. Zum Beispiel wenn sie in der Nähe von Küsten oder Flüssen liegen, wo der Grundwasserpegel permanent hoch ist.

Frau gießt Grab

Zu viel Wasser verzögert die Verwesung

Hinzu kommt, dass viele Gräber übermäßig gegossen werden. Weil die Poren des Erdreichs dadurch ständig mit Wasser besetzt sind, gelangt kein Sauerstoff an die Leiche und sie kann nicht verwesen.

Außerdem sind Lehmböden an sich luftundurchlässiger und begünstigen so das Konservieren der Leiche.

Daneben gibt es auch viele andere Faktoren, die das Verwesen hemmen:

  • Kunstfaserkleidung des Toten: Bakterien können die Kunstfaser schlecht verdauen. Besser sind natürliche Fasern wie Baumwolle.
  • Sargmaterial aus Kunststoff, Ton und Metall: Hier findet fast gar keine Zersetzung statt. Besser sind Harthölzer wie Mahagoni, Lärche oder Eiche.
  • Antibiotika: Hier sind sich die Experten uneins. Während einige davon sprechen, dass auch ein hoher Antibiotikakonsum des Toten zu Lebzeiten später die Verwesung hemmt, weisen andere darauf hin, dass dies noch gar nicht bewiesen sei.

Professor Fritz Sörgel vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg sagt gegenüber WDR.de: "Zwar gibt es einige Antibiotika, zum Beispiel Mittel mit Ciprofloxacin, die sich 20 Jahre oder länger im Körper halten. Gleichzeitig bilden Bakterien in dieser Zeit aber auch wieder Resistenzen gegen diese Antibiotika. Man kann also nicht davon ausgehen, dass Antibiotika einen nennenswerten Einfluss beim Entstehen von Wachsleichen haben."

Verwesung mehr Zeit geben

Manche Friedhöfe haben die Ruhefristen erhöht, um dem Verwesungsprozess mehr Zeit zu geben. Oder sie geben bestimmte Areale nur noch für Feuerbestattungen frei.

Es gibt aber auch aufwendigere Lösungen: An der Nordsee halten einige Gemeinden den Grundwasserspiegel auf ihren Friedhöfen mit Pumpen niedrig. Andernorts wurde der Friedhofsboden schon komplett ausgetauscht.  

Besser für die Zersetzung von Leichen eignet sich zum Beispiel Kies- oder Sandboden statt luftundurchlässigen Lehmbodens. Experten raten außerdem dazu, Stauden zu pflanzen. Sie wurzeln tief und müssen deshalb seltener gegossen werden.  

Ein noch nicht zugeschüttetes Grab mit einem Sarg darin

Grabkammern könnten eine Lösung sein

Außerdem werden inzwischen immer häufiger Grabkammern angeboten, die in die Erde eingelassen werden. Dann kommt der Sarg nicht mit dem Boden in Berührung, sondern steht in einer Betonkammer. So ist der Sarg vor Wasser geschützt. Sauerstoff gelangt durch einen Aktivkohlefilter in die Kammer. Einmal eingebaut, sind die Betonkammern mehrfach benutzbar.

Software gegen Wachsleichen

Zusammen mit der Hochschule Osnabrück hat der Sachverständige Michael Albrecht eine Computersoftware für Friedhöfe entwickelt. Das Programm mit dem Namen "RuheSoft" errechnet aus den örtlichen Gegebenheiten, wie lange die Verwesung voraussichtlich dauert.

"In das Programm speisen wir diverse Faktoren ein, unter anderem: Wie ist der Boden beschaffen? Mit wie viel Niederschlag ist zu rechnen? Inwiefern beeinflusst die Grababdeckung den Verwesungsprozess? Es geht also erst einmal um eine Menge zahlen."

Am Ende prognostiziert die Software, wie lange Sauerstoff braucht, um zum Leichnam vorzudringen. In der Praxis hat sich laut Albrecht gezeigt, dass der Faktor Kleidung beim Verwesungsprozess eine bisher unterschätzte Rolle gespielt hat. Er rät, Verstorbene am besten nur in Naturfasern bestatten zu lassen.

Stand: 14.11.2017, 06:00