Warum Patienten während der Hirn-OP Aufgaben lösen

Ärzte am OP-Tisch

Warum Patienten während der Hirn-OP Aufgaben lösen

Von Mathias Tertilt

  • Hirntumore zu entfernen, ist riskant
  • Wachoperation – der Patient bleibt wach
  • Patient spielt Saxophon, um ruhig zu atmen
  • Die Methode wird bislang selten angewendet

Dan ist Berufsmusiker und Musiklehrer. Plötzlich hörte er Stimmen und sah merkwürdige Dinge. "Mein Bewusstsein stritt darüber, was real war und was nicht", sagt er.

Als die Ärzte bei ihm einen Gehirntumor diagnostizieren, muss der Musiker um sein Können fürchten. Die Wucherung befindet sich genau dort, wo das Hirn akustische Signale verarbeitet.

Ihn einfach zu entfernen, wäre zu riskant. Die Ärzte könnten umliegendes Gewebe verletzen. Sie beschließen, eine spezielle Methode anzuwenden: die Wachoperation. Das heißt: Der Patient ist wach während die Ärzte operieren.

Kontrolle: ein Vorteil der Wachoperation

"Die Hirnfunktionen von Sprache beispielsweise können wir nicht während einer Vollnarkose überprüfen", erläutert Andreas Unterberg, ärztlicher Direktor der Neurochirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg. Bildgebende Verfahren seien oftmals zu ungenau.

Der Patient spürt während einer Wachoperation keinen Schmerz: Das Hirn besitzt zwar viele Nerven und Neuronen, aber keine schmerzempfindliche Rezeptoren.

Während des Eingriffs bei vollem Bewusstsein

Psychologen bereiten den Patienten auf die Wachoperation vor. Denn: Während des Eingriffs müssen diese bei vollem Bewusstsein sein und etwa Fragen beantworten.


"Wir fragen den Patienten beispielsweise banale Dinge wie: Können Ameisen radfahren?", sagt Andreas Unterberg. Wenn er das verstehe und die richtige Antwort artikulieren könne, sei alles in Ordnung. "Andernfalls müssten wir davon ausgehen, dass es zu Komplikationen gekommen ist."

Saxophon spielen auf dem OP-Tisch


Auch im Fall des Musikers Dan wollen die Ärzte auf Nummer sichergehen: Um zu überprüfen, dass der Musiker seine Musikalität nicht verliert, soll er auch im OP Saxophon spielen.

Ruhiges Spiel auf dem Saxophon

Allerdings würde das tiefe Einatmen dazu führen, dass sein Gehirn aus dem Schädel tritt, erklärte ihm der behandelnde Arzt. Dan lernt daraufhin spezielle koreanische Folklore-Lieder, die er später auf dem OP-Tisch spielen wird: ruhig und mit flachen Atemzügen.

Inzwischen ist Dans Tumor entfernt. Dass es ihm gut geht und er weiter Saxophon spielen kann, ist nicht selbstverständlich.

Ärzte geben keine Garantie

Arzt bei Operation

"Keine Garantie, dass es nicht zu Komplikationen kommt"

"Es gibt keine Garantie dafür, dass es nicht zu Komplikationen kommt. Falls doch, können wir die Operation aber umgehend kontrolliert beenden und so und weitere Schäden verhindern", sagt Unterberg. Am Universitätsklinikum Heidelberg wird die Methode jährlich 30 bis 40 mal angewendet.

Stand: 26.09.2017, 13:19