Sprachniveau eines Grundschülers – warum Trumps Sprache ihn erfolgreich macht

Donald Trump zeigt mit dem Finger

Sprachniveau eines Grundschülers – warum Trumps Sprache ihn erfolgreich macht

Das zweite TV-Duell glich eher einer Schlammschlacht als einem präsidialen Schlagabtausch: Donald Trump droht Hillary Clinton mit Gefängnis, sollte er Präsident werden, seine frauenverachtende Äußerungen waren bloß „Umkleidekabinen-Geschwätz“ – und wieder einmal zeichnet er düstere Bedrohungsszenarien durch Einwanderer. Entgleisung folgt auf Entgleisung – und trotzdem feiern ihn seine Anhänger. Wie kann das sein? Was auffällt: seine einfache Sprache.

1. Trumps Sprache ist Strategie – so bleibt er im Gedächtnis

Die kognitive Linguistin Elisabeth Wehling hat sich das zweite TV-Duell genau angeschaut. Aus ihrem Forschungsteam hatte es bereits bei den Vorwahlen eine Untersuchung zum Sprachniveau der Reden von Trump und seinen republikanischen Konkurrenten für die Präsidentschaftskandidatur gegeben. Durchgesetzt hatte sich der mit dem niedrigsten Sprachniveau: Donald Trump. Die Forscher untersuchten den Wortschatz (Wie vielseitig ist das Vokabular?), die Länge der Wörter und die grammatikalische Komplexität (Wie einfach oder komplex sind die Satzstrukturen?). Das Ergebnis: Trumps Sprachniveau entspricht dem eines Viertklässlers. Der Trick: Seine Sprache bleibt so besser hängen und erzeugt Bilder, die Emotionen hervorrufen – ob der Zuhörer das will oder nicht.

Die Grafik zeigt: Trumps Sprachniveau nimmt im Beobachtungszeitraum weiter ab.

Die Grafik zeigt: Trumps Sprachniveau nimmt im Beobachtungszeitraum weiter ab.

Das sagt die Forscherin:
„Wörter, die einfach sind, bewegen sich auf einer Wahrnehmungsebene, die „basic level cognition“ heißt. Das sind Dinge, die man aus der alltäglichen Welterfahrung kennt – also alles, was man sehen, anfassen, riechen, schmecken, fühlen oder hören kann. Wörter, die auf dieser Ebene liegen, aktivieren jede Menge abgespeichertes Weltwissen im Gehirn. Abstrakte Sprache schafft das nicht. Wir wissen aus der Forschung, dass einfache Wörter besser erinnert werden und dabei helfen, Fakten zu begreifen und zu erinnern.“

2. Trumps Strategie: Werte statt Wahrheit

Trumps Aussagen sind dabei alles andere als Fakten. Im zweiten TV-Duell etwa behauptet Trump erneut: „Ich war gegen den Irak-Krieg, das ist nicht widerlegt.“ Dabei hatte er 2002 in einem Interview auf die Frage, ob er die Invasion unterstütze, geantwortet: „Yeah, I guess so“. Die Liste ist lang: „Hunderttausende“ syrische Flüchtlinge kämen in die USA – laut Medien waren es in den letzten 12 Monaten nur 12.500. Und die Erderwärmung sei übrigens ein „übler Streich“ – eigentlich seien es nur Wetterphänomene. Zu schaden scheint ihm all das nicht – nicht einmal, wenn seine Behauptungen im Nachhinein entlarvt und richtiggestellt werden. Wieso?

Das sagt die Forscherin:
„Ob man sich an den falschen Aussagen Trumps stößt oder nicht, hängt davon ab, wie man ideologisch tickt. Teilt man Trumps „strenge“ Weltsicht – Werte wie Disziplin, Eigennutz und Wettkampf – dann hält man ihn für einen guten Präsidenten. Egal, ob er lügt. Wer beinharter Demokrat ist, erkennt hingegen Trumps Unwahrheiten als Problem. Wirklich wichtig ist die Mitte: Sie ist ideologisch hin- und hergerissen. Und wenn Trump der Mitte gute Stories über Disziplin, Eigennutz und Wettkampf anbietet, hat er sie im Boot – Unwahrheiten hin oder her.“

3. Das Erfolgskonzept: Einfache Antworten auf komplexe Fragen

Die Einfachheit seiner Sprache spiegelt sich auch in seinen Inhalten wider – es ist dasselbe Konzept: Trump gibt einfache Antworten auf komplexe Fragen. Das scheint für viele attraktiv zu sein – selbst, wenn es abschätzige Äußerungen gegenüber Arbeitslosen und Einwanderern sind.

Das sagt die Forscherin:
„Wir wissen aus unserer Forschung, dass Konservative eher in Form direkter Kausalität denken, also: einfache Ursachen, einfache Lösungen! Wer arm ist, der ist faul. Wer kriminell ist, der ist ein schlechter Mensch. Wir haben hier in Berkeley das kausale Denken von Trump-Unterstützern gemessen. Resultat: starker Hang zu direkter Kausalität. Und seine Sprache spiegelt das wieder: Eine Mauer bauen! Alle illegalen Immigranten rauswerfen! Folter und Bomben, um Terrorismus zu bekämpfen!“

4. Trump bedient das Weltbild: Wenn jeder für sich selbst sorgt, geht es allen gut

Er äfft einen körperlich behinderten Journalisten nach, beleidigt das Aussehen seiner weiblichen Konkurrentinnen – und will eine „große, große Mauer“ an der Grenze zu Mexiko bauen. Beinahe sprachlos verfolgen wir Europäer Entgleisung nach Entgleisung, Medien versuchen ihn kleinzuschreiben. Doch zeigt Trump damit: Ich halte mich nicht an Regeln, ich mache, was mir gefällt – dieses „Eigeninteresse“ hat Erfolg.

Das sagt die Forscherin:
„Diese Weltsicht sieht das Verfolgen vom eigenen Interesse als soziales Handeln: Wenn jeder für sich selbst sorgt, geht es allen gut! Sein Verhalten ist ja gar kein Problem für diejenigen Amerikaner, die seine Werte teilen. Im Gegenteil – seine rüpelhafte Art macht ihn als starke, männliche Autorität begreifbar. Als jemanden, der Leute nicht mit Samthandschuhen anfasst und sich durchsetzt – um jeden Preis! In der zweiten TV-Debatte hat er genau dieses Bild gezeichnet. Er hat ständig unterbrochen, Clinton veralbert, sich als Schulhof-Rowdy inszeniert. Und das zieht bei konservativen Amerikanern! Erinnern Sie sich nur an die Stelle, als er grob und dominant Clinton unterbrach und das Publikum in Jubel ausbrach – nicht wegen Inhalten, er hatte keine vorgebracht – sondern weil er auf aggressive Art und Weise das „Feld dominierte“ und Clinton ihres Platzes verwies.“

5. Clintons „Fehler“: Inhalte statt Werte

Und Clinton? Sie bleibt sachlich und lässt sich von ihm nicht provozieren. Ihr Problem ist eher das genaue Gegenteil: Experten schreiben ihr eine elitäre Haltung zu, die Distanz zur Wählerschaft aufbaut – auch mittels ihrer Sprache. Forscher aus Pennsylvania verglichen das Sprachniveau in Reden ehemaliger US-Präsidenten und der diesjährigen Präsidentschaftskandidaten – auch das von Hillary Clinton. Das Ergebnis: Clintons Vokabular entspricht dem einer Achtklässlerin, ihre Grammatik der einer Siebtklässlerin.

Das sagt die Forscherin:
„Clinton hat ebenso eine sprachliche Strategie. Sie ist nur leider nicht so erfolgreich, wie man sich das wünschen würde. Aber im zweiten TV-Duell konnte sie einige gute Treffer landen. Zum Beispiel hat sie aufgehört, ihren Gegner mit "Donald Trump" anzusprechen und spricht jetzt nur noch von "Donald". Das war höchste Zeit, denn Trump bedeutet im Englischen der Trumpf. Clinton spricht generell abstrakter. Und sie konzentriert sich sehr darauf, die Details ihrer Programme darzulegen. Das meint sie natürlich gut, denn es geht ihr um Inhalte, um die Gestaltung, um Statistiken und Zahlen. Aber wenn man seine Mitbürger in einem Wahlkampf ansprechen will, dann reicht es nicht, über Zahlen zu sprechen. Sie sollte die Kernwerte progressiver Politik ins Zentrum ihrer Argumentation rücken: Empathie, Fürsorge, Schutz.“

Elisabeth Wehling

Elisabeth Wehling hat die Sprache von Trump erforscht.

Elisabeth Wehling forscht seit über zehn Jahren an der University of California, Berkeley, in den Bereichen Kognitionsforschung, Linguistik und Ideologieforschung. Ihr neuestes Buch „Politisches Framing – wie eine Nation sich ihr Denken einredet und daraus Politik macht“ ist im Halem Verlag erschienen.

Autorin: Andrea Wille

Stand: 11.10.2016, 12:00