Liebe per Mausklick - ein Tabu?

Herz-Symbol auf Computertastatur

Liebe per Mausklick - ein Tabu?

Es gibt viele Orte, wo Mann oder Frau die große Liebe kennenlernt: Am Arbeitsplatz, in der Disco, während einer Party. Darüber erzählt man gerne. Aber zuzugeben, dass man den Partner im Internet gefunden hat?

Zum "Tag der virtuellen Liebe" hat WDR 4 mit dem Soziologen Kai Dröge über die Liebe per Algorithmus und das Kennenlernen im virtuellen Raum gesprochen. Dröge forscht zum Thema Online Dating.

WDR 4: Warum zögern Menschen, die sich über Online Dating-Portale kennengelernt haben, das zuzugeben?

Kai Dröge: In unserer Gesellschaft ist das romantische Liebesideal immer noch sehr präsent. Dazu gehört auch die Vorstellung, dass das Verlieben etwas Unplanbares ist, etwas, das mir widerfährt, das man nicht steuern kann.

Kai Dröge

Dr. Kai Dröge forscht zum Thema Online Dating

Online Dating ist da erst einmal sehr anders. Schon die Anmeldung auf solch einer Plattform ist ein klares Statement: Ich wünsche mir eine Beziehung, ich möchte jemanden kennenlernen. Dieses Intentionale, verbunden mit technischen Hilfsmitteln wie Internet, Computer und Algorithmen, passt nicht so gut zu unserer romantischen Vorstellung.

WDR 4: Sollte man offen dazu stehen, sich online kennengelernt zu haben, oder es besser verschweigen?

Dröge: Es gibt eine ganze Reihe von Punkten, die ich bezüglich Online Dating kritisch sehe. Aber dazu gehört nicht, dass Leute sagen, ich wünsche mir eine Beziehung, ich habe Lust, wieder jemanden kennenzulernen, und ich nutze das Internet dazu. Ich finde, dafür muss man sich nicht schämen. Das kann man doch offen sagen. Warum diese Vorstellung, dass sich zu verlieben etwas Passives ist, was uns wiederfährt? Ich finde, damit kann man ganz selbstbewusst umgehen. Und Online Dating ist heute so verbreitet, dass man sicherlich sehr viele Leute treffen wird, die sagen: Ja, wir auch!

WDR 4: In wieweit unterscheidet sich die Art des Kennenlernens im virtuellen Raum vom Kennenlernen im realen Leben?

Dröge: Die körperliche Attraktivität spielt zunächst eine geringere Rolle. Zwar sind Fotos wichtig, aber das ist etwas anderes, als sich von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. In der Online-Kommunikation erzählen die Leute sehr viel von sich: aus ihrem Leben, was sie bewegt, was sie sich wünschen, was sie für Träume haben und so weiter. Das ist quasi ein Kennenlernen von innen nach außen. Das Körperliche kommt erst später in der Beziehung. Oft ist es ein ziemlicher Bruch, wenn man sich dann begegnet. Das ist ein kritischer Punkt in jeder Beziehung, die online begonnen wird.

WDR 4: Verändert Online Dating das Spiel der Liebe bzw. den Menschen bei der Partnersuche? 

Liebespaar

Liebe - die besondere Beziehung zu einem Partner

Dröge: Die Dating-Portale sind wie ein Marktplatz der Liebe. Sie sind ja ähnlich aufgebaut wie Shopping-Portale. Es gibt eine Übersicht mit Bildern, man kann sich jemanden auswählen, die Eigenschaften anschauen und sich entscheiden. Das ist von der romantischen Vorstellung der Liebe erst einmal recht weit entfernt.

WDR 4: Hat dieses große Angebot an potenziellen Partnern Konsequenzen?

Dröge: Diese Fülle suggeriert, dass man immer noch jemand besseren finden könnte. Das führt häufig dazu, dass Menschen sehr lange sehr viele Leute treffen, immer wieder neue. Und bei der kleinsten Enttäuschung sofort zur nächsten Person wechseln. Das bekommt dann etwas Repetitives, man stumpft ab. Dabei büßen die Leute ihre Fähigkeit ein, überhaupt noch eine Beziehung zu einer einzelnen Person aufzubauen. Aber genau darum geht es ja bei der Liebe: dass man zu einer Person eine besondere Beziehung aufbaut. Diese Fähigkeit wird mit der Zeit unterminiert.

WDR 4: Der "Tag der virtuellen Liebe" wurde von den Online Dating-Portalen ins Leben gerufen. Steckt dahinter auch das Bestreben, sich besser zu vermarkten?

Ein Frau schaut sich die Internetseite einer Partnerboerse an

Sich jetzt und für immer verlieben - zu viel versprochen?

Dröge: Natürlich. Ich habe auch kein Problem damit zu sagen: Sich online kennenzulernen ist normal, ist okay. Aber die Marketingstrategie der Dating Plattformen geht noch weiter. Sie suggerieren, dass man nur bei Ihnen die wirklich optimale Beziehung finden könne, glücklich und dauerhaft. Es ist der Versuch, auch den Leuten, die Online Dating bislang noch nicht nutzen, zu sagen: Komm zu uns. Hier findet ihr die bessere Liebe. Das ist grenzwertig, denn es kann auch bestehende Beziehungen destabilisieren. Dabei ist Online Dating keineswegs der Garant für die schnelle und unkomplizierte Liebe, wie ich aus meinen Interviews mit Nutzerinnen und Nutzern weiß.

WDR 4: Ein zentrales Versprechen der Dating-Plattformen ist ja, dass sie die Passung zwischen den Partnern optimieren, was dann eine dauerhaftere und glücklichere Beziehung garantieren soll.

Dröge: Ich bin da skeptisch. Denn Liebesbeziehungen sind ja ein Ort, wo man auch neue Seiten an sich entdeckt, sich im Austausch mit dem Gegenüber selbst verändert. Passung entsteht, indem die Partner sich wechselseitig aufeinander zuentwickeln.

Deshalb hat es wenig Sinn, diese Passung schon vorab durch seitenlange Formulare und Matching-Algorithmen zu weit optimieren zu wollen. Das erzeugt dann eher Langeweile als aufgeregte Verliebtheit und Neugier.

Das Gespräch führte Stefanie Hallberg.

Stand: 24.07.2017, 06:30