Die Chance von Bibliotheken im digitalen Zeitalter

Digitale Bibliothek : Ein Flachbild-Monitor vor einem Regal mit alten Büchern

Die Chance von Bibliotheken im digitalen Zeitalter

Nirgendwo schlummert so viel Wissen und Kultur wie in Bibliotheken. Für viele ist das Wälzen von Büchern das liebste Hobby. Doch in Zeiten von E-Books und Digitalisierung muss sich die traditionelle Bibliothek neu erfinden.

Rund 10.000 Bibliotheken gibt es in Deutschland. Und sie werden als Kultur- und Bildungsort immer wichtiger, wie Zahlen des aktuellen Berichts zur Lage der Bibliotheken des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv) belegen. Demnach zählen die Einrichtungen deutschlandweit jährlich 218 Millionen Besucher. 200.000 Arbeitsplätze gibt es dort. Doch in Zeiten der Digitalisierung befinden sich auch Bibliotheken im Umbruch. Zum Tag der Bibliotheken (24.10.2016) haben wir mit Petra Büning vom Deutschen Bibliotheksverband darüber gesprochen, wie Büchereien den Sprung ins digitale Zeitalter schaffen können.

WDR: Warum ist ein richtiges Buch Ihrer Ansicht nach immer noch besser als ein E-Book?

Frau mit kleinem Jungen vor einem großen Bücherregal und lesen

Bücher lesen - oft mit Kindheitserinnerungen verbunden

Petra Büning: Das Lesen eines Buches ist für mich mit vielen schönen Erinnerungen verknüpft. Ob man sich als Kind ins Bett verkrochen hat, den Nachmittag in einer Geschichte versunken ist, am Strand einen Krimi verschlungen oder mit seiner Tochter das gleiche Bilderbuch immer und immer wieder gelesen hat. Ich verbinde damit positive Gefühle. Das lässt sich aber sicherlich auch mit E-Books erleben. Es macht sehr viel Spaß mit Kindern ein interaktives E-Book zu erkunden. Deshalb würde ich auch nicht sagen, es ist besser eine Print-Ausgabe eines Buches zu lesen als die E-Book-Ausgabe. Schließlich kommt es auf die Situation und den Zweck des Lesens an.

WDR: Wann greifen Sie lieber zum E-Book?

Büning: Auf Reisen ist ein E-Book viel praktischer als die schwere Printausgabe. Und Sachtexte lese ich heute deutlich häufiger am Bildschirm als in Printform. Wenn ich allerdings mit einem Sachtext arbeiten muss, dann mache ich mir immer noch gerne Notizen auf Papier. So muss jeder entscheiden, wann und was er auf welchem Trägermaterial lieber liest. Sicher hängt das auch mit der Sozialisation zusammen, die man als Kind erlebt hat.

WDR: Die Digitalisierung macht ja auch vor den Bibliotheken nicht Halt. Was hat sich dadurch konkret geändert?

Büning: Wenn man sich vor 15 Jahren für ein Thema interessiert hat, gab es nur die Bibliothek, in der man ausführliche Informationen finden konnte. Heute holt man sein Smartphone heraus und hat innerhalb von Minuten zumindest eine erste Kurzinformation zur Hand. Bibliotheken verlieren also ihr Alleinstellungsmerkmal in diesem Bereich. Die Ausleihe von Büchern und anderen Medien steht nicht mehr im Mittelpunkt.

Dafür rücken andere Aufgaben und Fragestellungen in den Vordergrund: Wo finde ich die passende Information? Wie bewerte ich die Quellen? Welches Medium ist für welche Information das Beste? Aber auch mit Fragen zur Technik werden Bibliotheken konfrontiert. Wie funktioniert ein E-Book-Reader? Wo kann man sich sonst neutral beraten lassen und den Umgang mit dieser Technik lernen? Auch der Umgang mit digitalen Inhalten im Hinblick auf das Urheberrecht wird immer wichtiger. Was darf man wie weiter verwenden? Es geht also um die Medien- und Informationskompetenz.

Petra Büning

Petra Büning

... ist Diplom-Bibliothekarin und Vorstandsmitglied des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv). 1993 hat sie die Leitung der Fachstelle für öffentliche Bibliotheken im Regierungsbezirk Düsseldorf übernommen. Zum 1. April 2015 sind alle fünf Bibliotheksfachstellen des Landes NRW bei der Bezirksregierung Düsseldorf in der Fachstelle für öffentliche Bibliotheken NRW zusammengefasst worden, deren Leitung sie übernommen hat.

WDR: Aber auch die Leseförderung bleibt eine zentrale Aufgabe von öffentlichen Bibliotheken?

Büning: Genau, denn Lesen ist und bleibt die Grundvoraussetzung für die aktive Teilnahme an der Gesellschaft. Im Zeitalter der Digitalisierung gewinnt sowohl das Lesen, als auch der Raum Bibliothek noch an Bedeutung. Wissenschaftliche und öffentliche Bibliotheken verzeichnen steigende Besucherzahlen. Bibliotheken sind die einzigen nicht-kommerziellen Orte, an denen man sich treffen, gemeinsam lernen und diskutieren kann. Wie wichtig diese Orte sind, hat sich erneut bei der Integration von Flüchtlingen gezeigt. Für die Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, sind Bibliotheken häufig die einzigen Orte, an denen sie unsere Gesellschaft kennenlernen und unsere Sprache erlernen können.

WDR: Geht der besondere Charme der Bibliotheken durch die zunehmende Digitalisierung der Bücher verloren?

Büning: Nein, auf keinen Fall. Der Ort Bibliothek wird immer eine einzigartige Atmosphäre haben. Egal wo man auf der Welt eine Bibliothek betritt, wird man von einer ganz speziellen Stimmung empfangen. Das ist unabhängig davon, ob man eine moderne, mit viel Technik ausgestattete Bibliothek oder eine alte, wissenschaftliche Bibliothek betritt. Wichtig ist es darauf zu achten, dass funktionale Technik die Räume nicht dominiert. Eine hohe Aufenthaltsqualität verbunden mit sehr gutem Service sind die entscheidenden Faktoren, damit Bibliotheken auch künftig ihren Charme behalten. Schließlich machen die Menschen, die in der Bibliothek arbeiten oder sie nutzen, die Atmosphäre dort aus.

WDR: Immer mehr Stadtbüchereien setzen auf Automaten in der Buchausleihe. Dadurch verschwinden Arbeitsplätze und der direkte Kontakt zwischen Leser und Bibliothekar fällt weg. Inwiefern kann das ein Problem sein?

Büning: Die Automatisierung der Ausleihe ist unter anderem eine Folge des Finanzdrucks, unter dem viele Bibliotheksträger stehen. Das ist aber nicht nur eine Entwicklung im Bibliotheksbereich, sondern auch in vielen anderen Branchen. Tatsache ist allerdings, dass in den vergangenen zehn Jahren in den öffentlichen Bibliotheken in NRW cirka acht Prozent der Stellen abgebaut wurden, in den Großstädten häufig noch mehr. Die Automatisierung der Ausleihvorgänge hat aber auch das Bibliothekspersonal von Routinearbeiten befreit.

Drei sitzende Jugendliche in der Bibliothek

Bibliotheken wollen Treffpunkt sein, aber auch ruhige Ecken bieten

Wesentlich ist, dass für die Kernaufgaben der Bibliotheken weiter qualifizierte Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Dies sind bei den öffentlichen Bibliotheken vor allem die Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz, die Leseförderung und natürlich die persönliche Beratung bei der Suche nach Informationen oder auch nach einem interessanten Roman. Dazu gehört aber auch die Organisation von Veranstaltungen – schließlich ist gerade in kleineren Kommunen die öffentliche Bibliothek oft die einzige Kultureinrichtung.

WDR: Wie sieht Ihrer Ansicht nach die Bibliothek der Zukunft aus?

Büning: Das ist für mich ein zentraler, lebendiger Ort, wo sich Menschen treffen, um miteinander ins Gespräch zu kommen und zu lernen. Es sollte aber auch Bereiche geben, in denen man auch alleine lesen kann. Neben dem realen Raum wird die Bibliothek auch im digitalen Raum präsent sein und Angebote machen. Sie wird mit ihren Kunden über Soziale Netzwerke in Verbindung stehen und den Zugang zu digitalen Informationen und Medien auch über das Internet ermöglichen. Bereits heute geht es nicht mehr darum, die Antworten auf Informationsanfragen nur im eigenen Bestand zu suchen. Jede Bibliothek ist Teil eines digitalen Netzwerkes, das sie für die Informationsvermittlung nutzen kann.

WDR: Also werden sich Bibliotheken künftig viel stärker vernetzen?

Büning: Sicher, sie sind ja gleichzeitig Teil eines Netzwerkes in der realen Welt. Hier arbeiten sie mit anderen Bildungsinstitutionen und Organisationen in ihrem Umfeld eng zusammen. Und natürlich müssen sich Bibliotheken kontinuierlich weiterentwickeln. In NRW haben wir viele Bibliotheken, die sich bereits auf diesen Weg gemacht haben. Zwei sehr gute Beispiele sind die Bibliotheken des Jahres 2015 und 2016, die Stadtbibliothek Köln und die Stadtbücherei Hilden. In beiden bekommt man in unterschiedlicher Weise eine Vorstellung davon, wie Bibliotheken in Zukunft gestaltet werden.

Die Fragen stellte Benjamin Esche

Stand: 24.10.2016, 06:00