Wie Erfahrungen unsere Gene prägen

Erfahrung prägt: Waisenkinder

Wie Erfahrungen unsere Gene prägen

Von Christiane Tovar

  • Wissenschaftler erforschen Psyche von Adoptivkindern
  • Die Psychologen entdecken epigenetische Veränderungen
  • Unklar ist, ob Traumata weiter vererbt werden

Prof. Robert Kumsta gehört zur Arbeitsgruppe Genetische Psychologie an der Ruhr-Uni Bochum. Er ist einer von vielen Wissenschaftlern weltweit, die sich mit der so genannten Epigenetik beschäftigen. Das heißt, er möchte wissen, wie sich Stress und schlimme Erfahrungen, die Kinder im frühen Alter machen, langfristig auf die Regulierung der Gene auswirken.

Studie mit rumänischen Waisenkindern

Forscher: Robert Kumsta

Prof. Robert Kumsta

Dazu analysierte der Wissenschaftler die Psyche von 165 rumänischen Waisenkindern, die lange massiver Verwahrlosung ausgesetzt waren und später bei Pflegeeltern aufwuchsen.

Der größte Teil der Kinder hatte auch nach Jahren noch Schwierigkeiten, soziale Bindungen einzugehen. Einige zeigten autistische Verhaltensweisen oder andere psychische Auffälligkeiten.

Epigenetische Veränderungen durch schlimme Erlebnisse

Das Ausmaß überraschte den Psychologen und seine Kollegen: "Wir fragen uns, warum diese Auffälligkeiten so stabil sind, obwohl die Umweltumstände sich zum Besseren verändert haben. Wir vermuten, dass sich bei diesen Adoptivkindern epigenetische Veränderungen ergeben haben."

Durch solche epigenetischen Veränderungen könnte zum Beispiel ein Gen, das die Stressverarbeitung steuert, langfristig beeinflusst werden. Das wäre dann die Erklärung dafür, dass traumatisierte Kinder auch dann noch massive psychische Schwierigkeiten haben, wenn sich ihre Lebenssituation verbessert hat.

Können Traumata vererbt werden?

Forscher vom Mount Sinai Hospital in New York gehen noch einen Schritt weiter. Sie glauben, dass Traumata noch an die nächste Generation vererbt werden. Die Wissenschaftler kamen darauf, weil sie entdeckten, dass Kinder von jüdischen Holocaust-Überlebenden häufig psychische Probleme hatten.

Daraufhin stellten die Forscher fest, dass ein bestimmtes Gen, das für die Stressverarbeitung verantwortlich ist, bei den Kindern anders reguliert wurde als bei einer Vergleichsgruppe.

Forschungen gerade erst am Anfang

Robert Kumsta sieht diese Ergebnisse skeptisch: "Es ist noch ein sehr junges Forschungsfeld. Ob das bei unseren Adoptivkindern so ist, wird sich zeigen, wenn sie selbst Kinder haben. Aber ich bin da im Moment vorsichtig."

Doch unabhängig davon, ob sich Traumata weitervererben können oder nicht. Robert Kumsta und seine Kollegen wollen sich jetzt anschauen, warum nicht jedes der Waisenkinder psychische Probleme hat.

Forschungsergebnisse könnten vielen Kindern helfen

"Wir wissen immer noch sehr wenig darüber, warum einige der Kinder trotz extremer Vernachlässigung keine Spätfolgen zeigen. Wir planen derzeit Untersuchungen, um genetische und epigenetische Faktoren zu identifizieren, die möglicherweise schützend wirken."

Von den Ergebnissen der Forscher könnten dann auch Kinder profitieren, die durch Kriege, Fluchterfahrungen und andere Erfahrungen traumatisiert sind.

Stand: 25.04.2017, 06:00