Viele Sprachen sterben aus

Das Wort Muttersprache als Dialekt im Duden

Viele Sprachen sterben aus

Die weltweite Sprachenvielfalt ist laut Sprachforschern durch die Globalisierung stark gefährdet. Besonders regionale Sprachen drohen zu verschwinden. Im Interview klären wir, welche Auswirkungen das auf unseren Sprachraum haben könnte.

Sprache hat eine enorme Bedeutung für Bildung und die kulturelle Identität der Menschen. Darauf will die UNESCO am Sonntag (21.02.2016) mit ihrem Welttag der Muttersprache aufmerksam machen. Von den über 6.500 Sprachen, die weltweit gesprochen werden, sind über 2.500 Sprachen vom Aussterben bedroht. Mit ihnen würde auch ein Teil der Weltkultur verschwinden. Wir haben mit Dagmar Jung von der Gesellschaft für bedrohte Sprachen über die Gründe für den Sprachenschwund und die Folgen für die Sprachentwicklung in Deutschland gesprochen.

Über 6.500 Sprachen werden weltweit gesprochen. Nach Einschätzung der UNESCO ist fast die Hälfte davon vom Verschwinden bedroht. Warum?

Dagmar Jung: Dass manche Sprachen verschwinden und neue entstehen ist ein ganz natürlicher Prozess. Das hat es schon immer gegeben. Was uns als Sprachwissenschaftler allerdings bewegt, ist das gestiegene Tempo im Laufe des letzten Jahrhunderts. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Globalisierung und das damit verbundene Zusammenwachsen der Welt. Auch die Digitalisierung kann ein Problem sein, weil über Smartphones und Tablets nicht alle Sprachen verfügbar sind. Einige große Sprachen wie Englisch, Spanisch und auch Chinesisch werden global immer stärker verwendet. In Indonesien, einem Land mit großer Sprachenvielfalt, wird mittlerweile die indonesische Amtssprache Bahasa Indonesia von immer mehr Menschen gesprochen, auf Kosten der kleineren Sprachen. Das bedeutet also: Sowohl innerhalb einzelner Länder als auch weltweit sehen wir die Ausbreitung von einigen wenigen Sprachen, die wichtig für Erziehung, Ausbildung und Wirtschaft sind. Was dabei vor allem verloren geht, ist Mehrsprachigkeit in einer Lokalsprache und einer nationalen oder regionalen Sprache.

Dagmar Jung ist Sprachwissenschaftlerin und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für bedrohte Sprachen. Sie forscht an den Universitäten in Zürich und Köln zu nordamerikanischen Indianersprachen und untersucht zur Zeit in Kanada den Erstspracherwerb bei Kindern. Dort ist Jung ebenfalls in der Sprachdokumentation von bedrohten Sprachen aktiv.

Sie meinen, die großen Weltsprachen sorgen dafür, dass kleinere, regionale Sprachen auf der Strecke bleiben?

Jung: Eltern müssen sich heutzutage überlegen, welche Sprache könnte am günstigsten sein, um den Kindern ein gutes Auskommen zu sichern. Das führt dann oft zu dem Fehlschluss, Kindern so früh wie möglich eine der globalen Sprachen beizubringen. Stattdessen sollten sie besser in den ersten zehn Lebensjahren in ihrer Muttersprache eine gute Schulausbildung erhalten und anschließend andere größere Sprachen lernen. Wir wissen, dass es der Sprachentwicklung sehr zuträglich ist, wenn die Schulausbildung in der Muttersprache stattfindet. Das frühe Englisch-, Spanisch- oder Chinesisch-Lernen ist für das eigentliche Sprachen lernen nicht unbedingt förderlich. Darum könnten in absehbarer Zeit das Bretonische in Frankreich oder das Navajo in den USA aus dem Sprachgebrauch verloren gehen.

Welche Sprachen im deutschsprachigen Raum könnten denn bald verschwinden?

Jung: In Deutschland gibt es einige alte Minderheitensprachen wie das Nordfriesische oder das Sorbische, die bedroht sind. Auch lernen die Kinder die Sprache nicht mehr in der Familie. Das hat natürlich auch etwas mit Stigmatisierung von Nicht-Standardsprachen zu tun. In der Schule wird einem jede Art von Dialekt abtrainiert, da er als minderwertig empfunden wird. Auch in der Gesellschaft ist die Stellung von Minderheitensprachen und Dialekten schlecht. Deshalb sehen wir auch in Deutschland, dass sich Dialekte stark auf dem Rückzug befinden.

Was unterscheidet eine Sprache von einem Dialekt?

Jung: Das ist eine historisch gewachsene Unterscheidung, die mit politischen Entscheidungen zu tun hat. Heute haben wir in Nationalstaaten normalerweise eine Standardsprache. Andere Sprachvarietäten werden dieser Sprache dann untergeordnet. Weltweit gibt es mehrere zehntausend Dialekte.

Ist es für Sie vorstellbar, dass es in Deutschland irgendwann keine Menschen mehr gibt, die bayerisch, sächsisch oder kölsch sprechen?

Jung: Es wird mit Sicherheit weitere regionale Unterschiede in der Sprache geben. Denn Sprache dient neben der Kommunikation auch zur Darlegung der Identität. Der kölsche Dialekt wie er jetzt noch von der älteren Generation gesprochen wird, wird sich auch in Zukunft noch als erkennbare regionale Varietät äußern.

Was können Sie als Gesellschaft für bedrohte Sprachen tun, um dem Sprachensterben entgegenzuwirken?

Jung: Wir weisen regelmäßig auf den Nutzen von sprachlicher Vielfalt und Mehrsprachigkeit hin. Je mehr Sprachen wir lernen, desto bessere kognitive Fähigkeiten haben wir. Das unterstützt uns im alltäglichen Leben und bringt uns auch kulturell anderen Regionen der Welt näher. Deshalb unterstützen wir weltweit Sprachgemeinschaften und geben unser Wissen weiter.

Die Fragen stellte Benjamin Esche

Stand: 21.02.2016, 09:00