Spleens und Ticks: Verrückt oder ganz normal?

Sortieren von Süßigkeiten

Spleens und Ticks: Verrückt oder ganz normal?

  • Spleens und Macken sind laut Wissenschaftlern gesund
  • Bei Zwangsstörungen professionelle Hilfe suchen
  • Interview mit Psychologin Fanny Jiménez

Wohl jeder von uns hat mindestens einen Spleen. Muss uns das Sorgen machen oder ist das völlig normal, vielleicht sogar gesund? Psychologin Fanny Jiménez analysiert Menschen und ihre Marotten.

WDR: Was genau sind eigentlich Spleens?

Fanny Jiménez: Spleens sind Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick ziemlich irrational wirken oder überflüssig. Sie sind aber alles andere als das. Sie sind in den allermeisten Fällen weder schädlich noch ein Anzeichen von Erkrankungen, sondern ganz im Gegenteil. Spleens und Ticks sind  ein Teil der Persönlichkeit, der sehr wichtig ist, weil sie für denjenigen der sie hat, eine Funktion erfüllen.

WDR: Wie entstehen Spleens?     

Jiménez: Spleens sind eine Art Bewältigungsstrategie für den alltäglichen Wahnsinn. Sie entstehen immer dann, wenn man sehr nervös ist oder angespannt ist und manchmal auch, wenn das Gehirn einfach Entlastung braucht. An kleinen Marotten und Ticks reagiert man sich ab.  

WDR: Warum sind Spleens nichts Schlechtes?

Aussortieren von Zahlen aus der Buchstabensuppe

Häufiger Tick: Zahlen gehören nicht in die Buchstabensuppe

Jiménez: Spleens können bei ganz vielen Dingen helfen: Sie sorgen zum Beispiel dafür, dass die Welt uns ein bisschen sicherer erscheint. Dazu zählen Rituale, die man beim Einschlafen oder Aufstehen hat, bestimmte Routinen, ohne die man sich unwohl fühlt. Spleens geben uns auch ein Gefühl von Kontrolle. Das sind oft Ticks, die mit Ordnung und Sauberkeit zu tun haben, wie die Wäsche immer mit einer bestimmten Farbe der Wäscheklammer aufhängen zu müssen.

WDR: Es gibt viele Spleens, die sich rund um das Thema Essen drehen. Woher kommt das?

Jiménez: Diese Ticks helfen, die eigenen Gefühle zu regulieren. Viele Menschen essen, wenn sie einsam sind oder Trost brauchen. Das Essen ist oft verbunden mit schönen Erinnerungen aus der Kindheit, weil vielleicht die Großeltern oder Eltern einem etwas Leckeres gekocht haben. Bei mir ist das zum Beispiel Grießbrei.

WDR: Wann wird ein Spleen zur Zwangsstörung? 

Eine Frau hält ihre Hand unter einen Wasserhahn.

Hände waschen, bis die Haut krank wird, ist eine Zwangsstörung

Jiménez: Als Grundregel gilt: Solange ich mein Spleen unter Kontrolle habe, ist alles in Ordnung. Wenn der Spleen anfängt, die Kontrolle zu übernehmen, dann sollte ich mir Hilfe suchen. Das kann man ganz leicht ausprobieren, indem man versucht, seinen Spleen zu unterbinden. Wenn das klappt, ist alles in Ordnung. Wenn man wiederholt ein Problem damit hat, seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann, dann hat man tatsächlich ein Problem.

Das Interview führte Susanne Schnabel.

Dr. Fanny Jiménez

Dr. Fanny Jiménez

Dr. Fanny Jiménez ist Wissenschaftsredakteurin bei WELT/N24. Sie studierte Psychologie und Neurowissenschaften in Berlin und den USA. Anschließend forschte Jiménez an der International Max Planck Research School on the Life Course und promovierte 2010 an der Humboldt-Universität Berlin im Schwerpunkt Persönlichkeitspsychologie und soziale Beziehungen. 2016 erschien ihr Buch "Ich und mein Spleen. Was wir tun, wenn wir allein sind".

Stand: 28.08.2017, 06:00