Werden Jungen in der Schule benachteiligt?

Junge vor einer Tafel mit Matheaufgaben.

Werden Jungen in der Schule benachteiligt?

Von Christian Wolf

Kein Abschluss, schlechtere Noten: All das betrifft Jungen häufiger als Mädchen. Viele Eltern fragen sich, ob ihre Söhne in der Schule benachteiligt werden.

"Sie sind zum ersten Mal unter sich. Und das empfinden manche als besonderes Geschenk dieses Konzeptes", sagt Christiane Schmidt dem WDR-Magazin Westpol. Die Lehrerin ist Schulleiterin am Mariengymnasium in Essen. Auf den ersten Blick sieht das Gymnasium aus wie jedes andere in NRW. Mädchen und Jungen toben gemeinsam in den Pausen auf dem Schulhof herum. Doch beim Blick in die Klassenzimmer fällt etwas auf: Es wird getrennt unterrichtet. Zwischen der 5. und 10. Klasse bekommen Jungen und Mädchen separaten Unterricht - um auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern besser eingehen zu können.

Schon seit Jahren wird in der Bildungspolitik darüber gestritten, ob getrennter Unterricht für die Kinder besser ist. Gelten Mädchen in der Regel als brave, fleißige Schülerinnen, wird von Jungen behauptet, sie seien faul und unruhig. Viele Eltern befürchten, dass ihre Söhne benachteiligt werden. Doch gibt es dafür Belege?

Mädchen machen eher Abitur

Ein Blick in die NRW-Schulstatistik gibt ein wenig Klarheit. Schaut man sich an, welche Abschlüsse Jungen und Mädchen erlangen, schneiden Schülerinnen deutlich besser ab. So machen mehr Mädchen das Abitur als Jungen. Außerdem erreichen Mädchen höhere Abschlüsse. Und es verlassen mehr Jungen die Schule komplett ohne Abschluss als Mädchen.

Bei den Abiturnoten zeigt sich, dass deutlich weniger Jungen einen Einserschnitt erreichen und häufiger einen Dreierschnitt.

Lehrer in der Unterzahl

Eine der Forderungen, die immer wieder zu hören ist: Es müsse mehr männliche Lehrer geben. Auch Schulleiterin Schmidt sagt, dass Jungen oftmals erst in der 5. Klasse zum ersten Mal eine männliche Bezugsperson hätten. Und tatsächlich: Von den insgesamt 194.704 Lehrern im Schuljahr 2015/2016 waren fast 70 Prozent weiblich. Noch stärker fällt das Ungleichgewicht an den Grundschulen aus. Dort waren über 90 Prozent Lehrerinnen.

Auch in den Pisa-Studien wird der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen immer wieder untersucht. Eine Erklärung für das Leistungsgefälle könnte sein, dass sich Schülerinnen für Hausaufgaben deutlich mehr Zeit nehmen und auch privat mehr lesen als Schüler.

Forscher vermutet unbewusste Benachteiligung

Eine bewusste Benachteiligung durch Lehrer schließt der Sozialpädagoge Christoph Blomberg aus. "Aber man sollte diskutieren, ob es eine unbewusste Benachteiligung gibt", sagt der Wissenschaftler von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Paderborn. Dazu zähle unter anderem, dass sie wegen ihres Sozialverhaltens schlechter beurteilt würden - unabhängig von der Leistungsfähigkeit. Ein Allheilmittel gebe es in der Forschung bislang nicht. Die getrennte Unterrichtung wie am Essener Mariengymnasium könne aber eine Möglichkeit sein, sagt Blomberg. Langzeitstudien über die Wirksamkeit lägen aber noch nicht vor.

Sollten Mädchen und Jungen wieder vermehrt getrennt unterrichtet werden?

Ja
66,9%
Nein
33,1%
Hinweise:
Die Umfrage wurde geschlossen. Das Ergebnis ist nicht repräsentativ. Rundungsbedingt kann es zu Abweichungen kommen.

Stand: 19.03.2017, 06:00