Jedes Kind kann schlafen lernen - oder?

Jedes Kind kann schlafen lernen - oder?

Von Christina Sartori

  • Kinder, die nicht einschlafen, belasten ihre Eltern
  • Ratgeber "Jedes Kind kann schlafen" ist ein Bestseller
  • Methode des Buches ist aber umstritten

Für viele Eltern ist der Schlafmangel in den ersten Monaten eine große Belastung. Auch Andrea Dastis, Mutter von fünf Kindern, empfand das so: "Man ist zu nichts zu gebrauchen, es zermürbt einen so richtig innerlich", beschreibt sie ihre Erfahrungen. "Wer das nicht erlebt hat über eine längere Zeit, der kann da nicht mitreden."

Nachgeben oder erziehen?

Müssen Eltern das Kind zum Durch- oder Einschlafen erziehen? Hier gehen die Meinungen auseinander. Jana Friedrich, Hebamme in Berlin, rät zur Geduld im ersten Jahr: "Da sollte man einfach die Bedürfnisse des Kindes komplett erfüllen, so wie sie das brauchen", findet die Gründerin von "Hebammenblog.de".

Schlafendes Baby

Ein Traum, wenn das Baby durchschläft

"Nähe und Geborgenheit sind Grundbedürfnisse der Säuglinge, die wollen bei ihren Eltern sein." Daher hält sie eine Schlaferziehung in den ersten Lebensmonaten nicht für sinnvoll. "Es gibt viele Schlaflernprogramme", sagt Friedrich, "aber ich finde das Wort schon problematisch, weil Babies keine kleinen Maschinen sind, denen man ein Programm einspeist und dann können die schlafen." Ganz im Gegenteil: Jedes Kind sei anders, betont sie.

Dem Kind zu helfen ist wichtig

Der Bestseller "Jedes Kind kann schlafen lernen" basiert auf der "Ferber-Methode", benannt nach einem amerikanischen Arzt. Die Eltern lassen das Kind allein im Bett einschlafen. Falls es weint, kehren sie in immer größeren Zeit-Abständen wieder zu ihm zurück, nehmen es aber nicht auf den Arm. So lernt das Kind, dass die Eltern immer wieder kommen und kann daher am Ende ohne Tränen alleine einschlafen.

Kein Schaden durch Schlaferziehung

Die Methode ist umstritten, weil sie Eltern einiges abverlangt. Aber sie funktioniert, wenn sie wie empfohlen durchgeführt wird und sie schadet auch nicht. Eine australische Studie stellte 2012 fest: Kinder, mit denen im Säuglingsalter ein Einschlaftraining durchgeführt wurde, zeigten Jahre später in ihrer emotionalen Entwicklung und seelischen Gesundheit keine Unterschiede zu Altersgenossen. Auch die Beziehung zu ihren Eltern hatte nicht gelitten. Andere Studien bestätigen, dass Kinder durch Schlaferziehung keinen Schaden nehmen.

Regeln und Rhythmus

Wer nicht ein vorgegebenes Programm ausprobieren möchte, dem empfehlen Schlafberater, abends feste Rituale zu pflegen, z.B. dem Kind ein Buch vorzulesen, damit es zur Ruhe kommt. Wer das Gefühl hat, mit der Schlafsituation des Kindes überfordert zu sein, der sollte sich Hilfe holen. Bei Freunden, die mit dem Kinderwagen eine Runde drehen, so dass die Mutter ein Stündchen schlafen kann. Oder beim Kinderarzt oder einer Schlafberatung. Um mit professioneller Hilfe herauszufinden, wie die Bedürfnisse von Kind und Eltern unter einen Hut gebracht werden können.

Mutter, Kind und … Vater

Vater mit Neugeborenem

Väter werden vielfach geschont

Für die Schlafberaterin Petra Weidemann-Böker ist es wichtig, dass bei einer Schlafberatung beide Eltern anwesend sind. Für viele Mütter ist es ärgerlich, dass in der Regel vor allem sie die Schlafprobleme des Babys ertragen müssen. Wer sehr übermüdet ist, der wird schnell neidisch auf den jungen Vater, der nachts durchschlafen kann und im Büro kein Babygeschrei ertragen muss. "Die Männer werden viel zu sehr geschont", meint Andrea Dastis. "Diese Erfahrung habe ich selber gemacht, und so erlebe ich das auch in meinem Umfeld." Das Problem des Schlafens betrifft eben alle: Vater, Mutter und Kind.

Stand: 30.01.2017, 06:00