Geruchssinn des Menschen ist besser als gedacht

Frau riecht an Blume

Geruchssinn des Menschen ist besser als gedacht

  • Geruchssinn des Menschen chronisch unterschätzt
  • Riechzentrum ist klein, aber sehr leistungsfähig
  • Mythos ist 150 Jahre alt

John McGann, Neurowissenschaftler an der Rutgers University in New Brunswick, hat Studien über den menschlichen Geruchssinn ausgewertet. Ergebnis: Der Geruchssinn des Menschen wird chronisch unterschätzt, manche Düfte kann er sogar besser erkennen als Hunde oder Ratten, die besonders feine Nasen haben.

Dabei galt 150 Jahre lang: Menschen können schlecht riechen, weil ihr Riechzentrum im Gehirn kleiner ist als bei den tierischen Supernasen - im Verhältnis zur Größe des Gehirns. Entdeckt hat das der französische Neuroanatom Paul Broca im Jahre 1879, und das passte gut zur damaligen Einstellung, dass der Mensch sich über die Tiere und ihre animalischen Instinkte erheben müsste. Kurz: Weil er kein Tier ist, braucht er auch keine gute Nase.

Ratten haben einen guten Riecher

Ratte nimmt Witterung auf.

Die Ratte ist eine Supernase

Die These vom schlechteren Geruchssinn des Menschen wurde jahrzehntelang nicht hinterfragt. Im Gegenteil, sie wurde in der Vergangenheit durch Studien gestützt. Die zeigten, dass Ratten und Mäuse Gene für 1.000 verschiedene Duftrezeptoren haben, mit denen Gerüche unterschieden werden. Hunde haben 800, Menschen nur 400.

Es kommt nicht auf die Größe an

Schematische Zeichnung des menschlichen Geruchsapparats.

Riechen ist ein hochkomplexer Vorgang

Man habe sich von den Zahlen blenden lassen, sagt McGann dazu: 400 Rezeptoren seien immer noch sehr viel. Die können gezielt trainiert werden, so dass zum Beispiel ein Parfümeur bis zu 600 Düfte unterscheiden und genau benennen kann. Auch die geringe Größe des "Bulbus olfactorius", also des Riechzentrums, spielt keine Rolle. Ob Maus, Elefant oder Mensch: Die Zahl der Nervenzellen ist im Riechkolben ziemlich gleich, egal wie groß das Säugetier ist.

Die Nase wurde noch nie richtig erforscht

Hunde haben eine feine Nase

Urin kann der Hund gut riechen

Wie sich Menschen- und Hundenase tatsächlich unterscheiden, ist noch unklar, weil es immer noch keine Grundlagenforschung gibt. Möglicherweise können die Vierbeiner die verschiedenen Urinspuren am Laternenpfahl besser erriechen, so McGann, dafür sind Menschen vielleicht besser darin, Weinaromen zu unterscheiden. McGann ist sich auf jeden Fall aber sicher, dass Menschen eine Billion verschiedene Gerüche erkennen können - weitaus mehr als die 10.000, die jahrzehntelang als Maximum genannt wurden.

Winzigste Duft-Spuren mit großen Auswirkungen

Ein Mann steht vor dem Badezimmerspiegel und verwendet ein Deodorant.

Wohlgeruch macht attraktiv

Aber warum konnte sich das Märchen vom schlechten Riechvermögen solange halten? "Wir wollen uns von den Tieren unterscheiden", sagt Geruchsforscher Hans Hatt von der Ruhr-Uni Bochum. "Düfte sind etwas Intimes, haben auch etwas mit Sexualität zu tun." Dabei ist der Geruchssinn ungeheuer wichtig, weil er das menschliche Verhalten steuert, die Partnerwahl beeinflusst und Erinnerungen heraufbeschwört, und das vollkommen unbewusst.

Kleinste Mengen eines blumigen Duftstoffs zum Beispiel, die bei einer Studie in Hatts Institut versprüht wurden, sorgten dafür, dass die Testpersonen stärker auf ihre Mit-Probanden reagierten als die duftfreie Kontrollgruppe. Der Stoff lag dabei nur in kleinsten, nicht wahrnehmbaren Mengen in der Luft. Spuren, die ausreichten, um eine erstaunliche Verhaltensänderung herbeizuführen - und von der die Probanden nichts ahnten.

Stand: 12.05.2017, 12:13