Rechtsmediziner diskutieren über Flucht und Folter

Ein syrische Jugendlicher zeigt Foltermale

Rechtsmediziner diskutieren über Flucht und Folter

  • Internationales Symposium der Rechtsmediziner in Düsseldorf
  • Folter und Flucht als neue Herausforderungen
  • 18.000 Obduktionen pro Jahr

Die Rechtsmedizin steht vor neuen Herausforderungen: Designerdrogen, Schusswirkungen, aber auch Flucht und Folter sind einige der Themen, die seit Montag (11.09.2017) auf einem Internationalen Symposium in Düsseldorf erörtert werden sollen. Dabei geht es um Tote - rund 18.000 gerichtliche Obduktionen werden jedes Jahr in Deutschland durchgeführt.

In den Ambulanzen rechtsmedizinischer Institute stellen sich aber auch Hunderte vor, die Opfer von häuslicher Gewalt, Kindesmisshandlung oder Vergewaltigungen wurden.

Allerschwerste Verstümmelungen

Brandnarben bei einem Flüchtling aus Eritrea

Brandnarben bei einem Flüchtling aus Eritrea

Seit dem Flüchtlingszuzug ist eine weitere Aufgabe für Mediziner hinzugekommen: die Untersuchung mutmaßlicher Folterspuren. Deswegen steht auf dem Symposium, das parallel zur Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin stattfindet, Migration und Flucht im Mittelpunkt. "Wir sehen da im Prinzip alles - bis hin zu allerschwersten Verstümmelungen", sagt Stefanie Ritz-Timme, Direktorin der Rechtsmedizin am Düsseldorfer Uniklinikum. Ein 25-Jähriger sei mit einem Rollator zur Tür ihres Instituts hineingekommen. Sein Fuß sei komplett zertrümmert gewesen.

"Düsseldorfer Erklärung" der Rechtsmediziner

"Im Asylverfahren wird ihnen in aller Regel erst mal nicht geglaubt", sagt Ritz-Timme. Lange habe auch die Meinung vorgeherrscht, bei alten Narben seien keine genaue Rückschlüsse auf die Entstehung mehr möglich. "Das ist aber in vielen Fällen gar nicht so." Die Düsseldorfer Rechtsmediziner machen sich besonders stark für Folteropfer und fordern in einer "Düsseldorfer Erklärung" eine systematische und interdisziplinäre Begutachtung von Folterüberlebenden.

Waterboarding ohne körperliche Spuren

Die oft traumatisierten Betroffenen werden nicht nur körperlich untersucht, sondern müssen den Ärzten präzise erzählen, was ihnen zugefügt wurde. Wo genau sind die glühenden Zigaretten ausgedrückt worden? Was ist über den Körper gegossen worden? Der Bericht wird nach internationalen Standards mit den Narben auf Plausibilität abgeglichen: Doppelstriemige Hautunterblutungen weisen auf Stockschläge hin, Narben mit unregelmäßigem, kurvigen Verlauf auf Schläge mit Drahtkordeln. Allerdings: Viele Foltermethoden wie etwa Waterboarding oder Schlafentzug hinterlassen keine körperlichen Spuren.

Altersbestimmung als neue Aufgabe

Angesichts der vielen unbegleiteten jungen Flüchtlinge ohne Ausweispapiere werden Rechtsmediziner auch verstärkt um Altersschätzungen gebeten. Erlaubt ist das aber nur im Rahmen eines Strafverfahrens wie derzeit im Freiburger Prozess um den Mord an einer Studentin. Dazu gehören Röntgenaufnahmen des Gebisses und des Handwurzelknochens sowie Computertomografien der Schlüsselbeingelenke, die als letztes im Erwachsenenalter verknöchern.

Mit einem Wattestäbchen wird eine DNA-Probe entnommen

Per Abstrich zur Altersbestimmung?

Solche Untersuchungen ohne einen strafrechtlichen Hintergrund gelten aber als unethisch - ganz abgesehen davon, dass sie zu belastend und ungenau sein sollen. Deswegen erforschen Mediziner jetzt, wie das Alter anhand von DNA aus der Mundschleimhaut bestimmt werden kann.

Zerstörungsfrei in den toten Körper schauen

Ein Rechtsmediziner untersucht eine Leiche

Neue Verfahren helfen bei der Diagnose

Natürlich beschäftigen sich Rechtsmediziner auch weiter mit klassischen Kriminalfällen. So gebe es bei der Todeszeitschätzung bei Leichen mit Hilfe von Maden und Insekten "immer wieder neue Fragestellungen", sagt der Chef der Kölner Rechtsmedizin, Prof. Markus Rothschild. Die Experten kommen auch ständig neuen Drogen auf die Spur. Dazu gibt es Fortschritte in den bildgebenden Verfahren, die Untersuchungen erleichtern: Selbst bei Leichen könnten Kontrastmittel jetzt in den Körper gepumpt werden. Rothschild: "Das ermöglicht uns, zerstörungsfrei in einen Körper zu schauen."

Stand: 11.09.2017, 10:21